Mit Genickstarre auf Mali

Abenteuer Was tun, wenn körperliche Gebrechen zum größten Abenteuer auf Reisen werden? Bekannte Reiseschriftsteller erzählen ihre Krankengeschichten nun in einem neuen Buch

Auf einmal passiert es, in der menschenleeren Wüste, am überfüllten Strand, in der pulsierenden Stadt: plötzlicher Schwindelanfall, ultimative Genickstarre, brüllende Zahnschmerzen, rhythmische Magenkrämpfe, fiebrige Halluzinationen. Mit dem Kranksein auf Reisen verhält es sich wie mit dem Scheitern in der Liebe: Man verdankt beidem die prägendsten Erfahrungen. Das zumindest beschreiben Weltenbummler wie Peter Ustinov, Axel Hacke, Steffen Möller, Juan Moreno und andere in dem neuen Band Reisen bis der Arzt kommt in englischer Manier: Contenance bewahren. Wenn es sein muss, mit Galgenhumor.

Man wünscht sich das alles nicht, doch wenn es halt passiert, hilft neben schneller medizinischer Versorgung auch eine gewisse Portion Schicksalsergebenheit. Und eine Offenheit gegenüber unbekannten Heilmethoden. Diese Haltung nahm der Autor Michael Obert ein, der in Mali, mit totaler Nackensteife und ihm ins Gesicht geschriebener Schmerzen, die Aufmerksamkeit des Hoteliers auf sich zog, der ihn flugs zu einem Wundermann fuhr. Mit der Anweisung: „Wenn Sie ihn begrüßen, sehen Sie ihm nicht in die Augen. Dann geben Sie mir die Zigaretten. Ich gebe sie dem Heiler. Alles Weitere zeigt sich.“

Beißender Rauch gegen den Fluch

Die Hoheit befragte daraufhin das Orakel und kam zum Schluss, dass Obert einen bösen Fluch eingeatmet hätte – der Teufel würde gewissermaßen in ihm sitzen, und es gelte nun, ihn auszutreiben. Kosten: 10.000 Francs CFA. Behandlung: Waschen mit schlammgrünem Wasser, Einatmen von beißendem Rauch, inklusive Würgereiz. Dann folgten beeindruckende Schattenboxenkämpfe. Ob nach der Tortur der Nacken noch weh tat? Aufgrund der extremen Rauchbelastung trat wahrscheinlich das Prinzip der Schmerzhierarchie in Kraft, worauf der stärkere Schmerz den weniger starken verdrängt: Den Nacken spürte er kaum noch, dafür fiel ihm nun das Atmen schwer, und die Glieder fingen an zu zittern.

Nicht nur die Heilmethoden, sondern manche Ratschläge klingen merkwürdig. Während eines Thailandurlaubs bekam Peter Ustinov heftige Ohrenschmerzen. Eher lustlos dokterte man an ihm herum – erst als der Arzt das Alter von Sir Ustinov erfuhr, ließ er ihn umgehend in die Notaufnahme eines Krankenhauses bringen, indem der Patient zunächst viel Zeit damit verbringen musste, ausführlich und per Formularblatt seine Religionszuhörigkeit zu definieren. Er versuchte sich einen Reim auf die ungewohnten Fragen zu machen: „Dahinter steckt sicher die Überlegung: Falls das Krankenhaus einen ernstlichen Fehler macht, und sei es beim kleinsten Eingriff, dann weiß man wenigstens, wohin mit dir, wenn du dich aus ihrem Zuständigkeitsbereich verabschiedet hast.“ Nach langer Wartezeit und einer kräftigen Ohr-Spülung, nahm ihn der Arzt zur Brust: „Keine Sprünge mehr vom Hochbrett!“

Wer ein gesundheitliches Problem hat, lernt die Mentalität der Menschen, lernt Land und Leute, einfach besser kennen. Besonders natürlich beim Zahnarzt, der einem schmerzhaft nah kommen kann. Auch in Polen, obwohl da die sprachliche Verkleinerungsform vieler Worte wie ein medizinisches Täuschungsmanöver anmutet. So musste der Kabarettist Steffen Möller zwecks Routinedurchsicht auf dem fotelik, dem Sesselchen, Platz nehmen, worauf ihm ein sliniaczek, ein Tüchelchen, umgelegt wurde: „Oh je, die Zahnhälschen sind nicht in Ordnung. Das Siebenerchen hat ein Plömbchen…“. Das Sechserchen gefiel der Zahnärztin gar nicht, und sie kündigte an, dass es beim Bohren ein „klitzekleines bisschen weh tun könnte“. Ein klitzekleines bisschen? Es war die Hölle, es war der Nerv! Nach getaner Arbeit lobte sie Möller, denn er sei ein tapferes Kerlchen gewesen. Dann stellte sie die Rechnung aus. Die jedoch ohne Verkleinerungsform.
Wer reist, wird auch um einige Illusionen ärmer.

Reisefieber auch zu Hause

Der Journalist Juan Moreno etwa befand sich im Moment unerträglicher Fußschmerzen im Land seines Vertrauens, in Japan. Ein Land, technisch auf dem neusten Stand, das die Hitliste jener Staaten anführt, wo er sich rein theoretisch vorstellen konnte, bestens behandelt zu werden. Als er wegen eines ins Fleisch gewachsenen Zehnagels die Krankenstation seines 5-Sterne-Hotels aufsuchte, in der Hoffnung sofort operiert zu werden, antwortete die Ärztin lächelnd: „Morgen ist der 23. Dezember, morgen hat der Kaiser Geburtstag.“ Dann rückt sie mit der Wahrheit heraus: „Mein Kollege kann Sie erst am 6. Januar operieren.“ Denn alle haben frei, auch die Ärzte. Und sie fügt leise hinzu: „Der Januar ist besser, um krank zu werden.“

Wer da aus Vorsicht lieber gleich zu Hause bleibt, muss nicht zwangsweise vor Reisefieber sicher sein: Es gibt Menschen, die erkranken an Malaria, nur weil sie in der Nähe eines Flughafens wohnen, ohne ihn je betreten zu haben. Schuld daran sind jene Moskitos, die unwissentlich im Gepäck mitgebracht werden, dann beim Öffnen von Taschen und Koffern wegfliegen oder gleich stechen. Die WHO verzeichnete in den letzten 90 Jahren immerhin 30 Fälle von „airport malaria“.

Philip Laubach-Kiani (Hrsg.), Robert Jacobi (Hrsg.): Reisen, bis der Arzt kommt. Erste Hilfe auf Chinesisch und andere Reisegeschichten, ist Ende September im Malik Verlag erschienen.

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