Briefe aus Belarus im Schauspiel Stuttgart: Erinnern heißt Überleben

Theater Ein Hohelied auf die Fantasie: Das Schauspiel Stuttgart gibt Oppositionellen aus Belarus eine Bühne
Die Monologe der Protagonistin (Therese Dörr) streifen Sommerurlaube, den Tod ihres Hamsters und Volksweisheiten der Großeltern
Die Monologe der Protagonistin (Therese Dörr) streifen Sommerurlaube, den Tod ihres Hamsters und Volksweisheiten der Großeltern

Foto: Björn Klein

Sie setzten sich für Meinungsfreiheit, Demokratie und ein besseres Leben für ihre Kinder ein: die Frauen und Männer, die nach der Präsidentschaftswahl 2020 in Belarus auf die Straße gingen, um gegen die Herrschaft Aljaksandr Lukaschenkas zu kämpfen. Sie haben verloren, zahllose wurden inhaftiert. Wie sich die Haft für sie und alle, die unter einer Diktatur leiden, anfühlt, davon erzählt das Stück 18 Briefe und eine Fabel aus Belarus am Schauspiel Stuttgart. Basierend auf realen Briefen, die belarussische Oppositionelle aus Strafkolonien an ihre Angehörigen geschrieben haben, ist Regisseurin Maryna Mikhalchuk eine berührende Inszenierung gelungen. Dass die Briefe in kurzen Schwarz-Weiß-Videos von acht geflüchteten Ukrainerinnen wiedergegeben werden, verleiht dem Werk in mehrerer Hinsicht Brisanz: einerseits zeigt es, wie konkret die neuen Migrantinnen in Gesellschaft und Kunst integriert werden können, andererseits entsteht der Eindruck, die Korrespondenzen seien unmittelbar im Schatten von Russlands Invasion der Ukraine entstanden.

Dargeboten auf einem zerschnittenen Leinwandtuch erzählen die Dokumente, zusammengesetzt aus den Texten in Originalsprache (mit Übersetzung) und Porträtaufnahmen der Frauen, vom Alltag und der Sehnsucht in der Unfreiheit. Eine bringt ihre Freude über ein Waschbecken in der Zelle zum Ausdruck, eine andere beschreibt den blauen Himmel hinter einem kleinen Fester. Derweil sehnt sich eine Insassin nach Noten. Während sie von Bachs Goldberg-Variationen und – passend zum Wunsch nach einem selbstbestimmten Dasein – vom Gefangenenchor in Verdis Nabucco schwärmt, hält man sich andernorts hinter verschlossenen Riegeln mit der Vergegenwärtigung einst geliebter Düfte aufrecht.

Die Erinnerung ist das letzte, was den weggesperrten Rebellinnen geblieben ist. Sie bildet auch den zweiten Erzählstrang von Mikhalchuks Bühnencollage, der sich mit den Filmminiaturen abwechselt. Hierbei greift die in Belarus geborene Regisseurin auf Passagen aus Volha Hapeyevas Debütroman Camel Travel von 2021 zurück. Obgleich manche Ausschnitte dieses autobiografischen Romans über eine Kindheit im Minsk der 1980er- und 90er-Jahre ein wenig banal wirken, weiß Schauspielerin Therese Dörr sie stets mit Bedeutung aufzuladen. Die Monologe der von ihr verkörperten Ich-Erzählerin streifen Sommerurlaube, den Tod ihres Hamsters, Volksweisheiten der Großeltern und werfen den Blick zurück auf die Gehirnwäsche in der sowjetischen Schule.

Naivität? Ergibt Sinn!

Im Roman wird das Gefühl beschrieben, „im Bauch einer Holzmatrjoschka“ zu leben. Um dem Ausdruck zu verleihen, tritt die Protagonistin zunächst in einem Pinguinkostüm auf. Sobald sie kritisch zu denken beginnt, zieht sie es aus. Ein politisches Bewusstsein bahnt sich also Raum, aufs Engste verbunden mit dem noch juvenilen „Glauben, dass Worte unsere Realität verändern können“.

Dabei lässt die Welt, in die sie geboren wird, kaum stabilen Halt zu. Wohl auch deswegen hängen einige Gegenstände – von der Fotografie einer Wolkendecke über kleine Glöckchen bis hin zu einer Minispielzeugorgel – von der Decke. Ordnung bringt in das diffuse Durcheinander allein die Kraft des Gedächtnisses. Erst die Protagonistin fügt die Dinge zu Bausteinen einer Geschichte zusammen und setzt dadurch einen Gegenpol zu der von den Inhaftierten häufig empfundenen Leere in der Isolation.

Man kann dieses Hohelied auf die Fantasie für naiv halten. Und gewiss trägt das schultheatermäßige Bühnenarrangement nicht gerade dazu bei, den angedeuteten Illusionsraum ernst zu nehmen. Gleichwohl ergibt es Sinn. Denn die Work-in-progress-Szenerie mit wenigen Kisten und Utensilien lässt anders als die statische Form von Unrechtsstaaten eine elementare Offenheit zu. Sowohl die Geschichte der Frauen, darunter Khrystyna Dovbysh, Tetiana Humeniuk und Iryna Iusukhno, als auch jene von Hapeyevas Protagonistin sind noch nicht zu Ende. Und so klingt auch die Inszenierung mit einem bestechenden Video aus. Man wird belarussischer Frauen gewahr, die mit friedlichem Protest ein Lied über Blumen, das Widerstandssymbol der belarussischen Opposition, anstimmen. Eine bessere Zeit wird kommen, hoffentlich. In Stuttgart wirbt man nun für das Träumen. Zu Recht, denn nur daraus entsteht der Mut, sich eine Zukunft hinter all dem Fatalismus dieser Tage auszumalen.

18 Briefe und eine Fabel aus Belarus Maryna Mikhalchuk Schauspiel Stuttgart

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