Schallendes Schweigen

Dichtung Sollte man aktuell die pazifistische Dichtung hochhalten? Über Sinn und Nutzen von Antikriegs-Texten

Sobald die Waffen sprechen, vernimmt man schnell den Ruf nach der Literatur als der moralischen Instanz. Von den Heeresschlachten in der Antike bis zu den Weltkriegen im 20. Jahrhundert kam ihr beständig diese Rolle zu. Nachdem so manche Schriftsteller vor 1914 den Zug an die Front noch erratisch als große Erlösungsfeier heraufbeschworen, machte sich bei den meisten spätestens mit dem Zerfall des Kaiserreichs und des Hitler-Regimes eine deutliche Desillusionierung bemerkbar. Die Lehre in Romanen und Dichtung lautete: Pazifismus!

Sollte man diese Zeugnisse nun wieder hochhalten? Das fällt vielen schwer. Wer sich nämlich nicht dem naiven Glauben hingibt, dass schriftstellerische Werke die Welt retten können, dem mag das Insistieren auf allzu idealistische Anti-Kriegs-Texte dekadent vorkommen. Das Fanal aus Büchern wird Putins Aggression nicht stoppen können oder jene Menschen retten, die derzeit in ukrainischen Bunkern verharren.

Tut es daher gut, momentan eher Abstand von der „Friedensliteratur“ zu nehmen, weil sowieso nur noch die Lieferung militärischen Materials den Lauf der Dinge wenden kann? Im Bewusstsein der Ambivalenz um „richtig“ oder „falsch“ erscheint zumindest eines klar: Belletristik taugt aktuell wenig als Ratgeber. Stattdessen kann sie uns in diesen schnelllebigen Kriegstagen als ein kulturelles Gedächtnis dienen. Entgegen der Annahme, das geschriebene Wort sei gegenwärtig wirklichkeitsfremd, ist das Gegenteil der Fall. Es enthält geronnene Realitätserfahrung. Und zwar in mehrerlei Hinsicht.

Wirft man einen Blick auf einschlägige Klassiker, so fällt mithin eine anklagende bis zynische Reflexion von Aufrüstung und Mobilmachung auf. Man denke an Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick (1931) oder Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl (1900), die man beide als Karikatur der militaristischen Gehirnwäsche in der Moderne verstehen kann. Zu den etwas drastischeren Auseinandersetzungen zählt hingegen Andreas Latzkos Menschen im Krieg von 1917. Nachdem der Soldat selbst bei einem Angriff verletzt wurde, wettert er gegen die Schönredner des Grauens: „Krank sind jene, die mit strahlenden Augen Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu wissen, was in dem Jenseits, das sie ‚Die Front‘ nennen, an ihresgleichen verbrochen wird.“

Weniger scharfzüngig im Umgang mit den bewaffneten Konflikten zeigt sich ein Großteil der Lyrik. Viele Gedichte tragen ein Lamento und den Imperativ zum Gedenken in sich. Vor allem jene, die im Schatten von Hitlers Feldzug und dem Holocaust entstanden. Die ins Exil geflüchtete Hilde Domin warnt etwa in einem Poem vor dem „Löffel des Vergessens“, dessen Verwendung nur eine „Schale aus Schatten“ hinterließe. Durchdringt diesen Text einzig die Leere, so brennen sich dem Gedicht Schallendes Schweigen, verfasst von der während des Zweiten Weltkriegs unter anderem im Getto internierten Rose Ausländer, kaum mehr auslöschbare Bilder der Gewalt ein: „Aus der Nacht / krochen Hände / ziegelrot vom Blut / der Ermordeten“. Eine derartige Beschreibung bringt die ganze Entmenschlichung von kriegerischer Zerstörung auf den Punkt.

Ein Ringen um Ausdruck

All diese Gedichte und noch viele mehr, wie man sie auch bei Ingeborg Bachmann oder Paul Celan finden kann, bergen neben dem Appell zum Erinnern übrigens noch eine zweite wichtige Bedeutung. Indem sie Worte für das Unfassbare finden, tragen sie dazu bei, die aus dem Lot geratene Welt besser zu erfassen. Ohne sich auf einen Trostcharakter reduzieren zu lassen, bieten sie eine Grammatik in Zeiten des Chaos. Metaphern, Vergleiche, Assoziationen sind Gegenmittel zur Sprachlosigkeit. Mit ihnen gelingt Literatur ein Stück weit die Selbstermächtigung. Nicht im Sinne einer verbalisierten letzten Wahrheit, aber in einem steten Ringen um den passenden Ausdruck. Allein dieses fortwährende Suchen offenbart eine kaum zu unterschätzende Signalwirkung. Sie zeugt vom bewussten Willen, das Feld nicht dem Schweigen, man könnte auch sagen: dem Tod zu überlassen.

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