Hinter den sieben Bergen

Lyrik Märchen sind veraltet und haben mit der Welt heute nichts mehr zu tun – könnte man meinen. Birgit Kreipe und Ron Winkler zeigen in ihrer Anthologie, dass diese alten Erzählungen uns immer noch viel zu sagen haben
Ausgabe 49/2021
Die Zusammenstellung gibt eine hochreflexive und geschichtsbewusste Lyrik zu erkennen
Die Zusammenstellung gibt eine hochreflexive und geschichtsbewusste Lyrik zu erkennen

Foto: Imago/Shotshop

Gibt es das auch als Film?, dürften so manche Zeitgenossen fragen, wenn sie von Märchen hören, jenes vom Wolf, der Geißlein verschluckt, oder der Hexe, die im Ofen landet. Gegenüber Rumpelstilzchen erscheint das Sandmännchen schon fast als Popstar. Dass sich allerdings eine Wiederentdeckung dieser traditionsreichen Texte lohnt, vermittelt die gehaltvolle Lyrikanthologie Rote Spindel, schwarze Kreide. Das Rezept der darin versammelten, vornehmlich modernen Gedichte lässt sich auf einen klaren Nenner bringen: Begeisterung schaffen; die LeserInnen verzaubern! Statt bloß den Mief aus Omas Lesestube zu vertreiben, befragen die Poeme Klassiker wie Hänsel und Gretel nach ihrem Mehrwert für das Hier und Heute.

Während Globalisierung die Menschen entwurzelt, machen uns die lyrischen Zeugnisse auf die verloren gegangene Heimat aufmerksam, erinnern an die Idee, dass manches unergründlich bleibt, geheimnisvoll. So etwa in einer sich auf allgemeine Stimmungselemente der Gattung beziehende Miniatur von Nora Bossong, eine gemeinhin für ihre politischen Romane bekannte Autorin. Sie wirft uns aus unserer durcherklärten Welt hinein ins Unterbewusstsein: „Das Jucken unter unsern Füßen / ist kein Tannenrest, kein Nesselblatt, wir folgen noch / dem Dreierschritt, den sieben Bergen und auch / dem Rehkitz Brüderchen und seiner Liebsten.“ Schaut hin, so der Appell. All unsere Bilder vom Wald, von Natur, von Träumen tragen doch noch den Geruch von Märchen in sich. Haben wir also nur verlernt, die Magie zu bemerken? Lehren uns Rapunzel und Frau Holle nicht, dass es zum Begreifen der Welt mehr braucht als nur Verstand und Logik?

Nicht zu unterschätzen, die tröstende Funktion der Fantasieprosa. Nachdem die 1988 verstorbene Lyrikerin Rose Ausländer beide Weltkriege miterlebt hatte, dienten ihr Märchen offenbar als Heilmittel.

In einem ihrer Gedichte schauen wir einer Dame, „verschwistert mit Aschenbrödel“, beim Auflesen von Erbsen zu. Bislang fand sie in ihnen tote Käfer, die sich in die Hülsenfrüchte hineingefressen hatten. Sie stehen für die Millionen Gefallenen und Getöteten, sie repräsentieren ein Jahrhundert des Schreckens. Erst als ein Herzog die Frau aufsucht, die letztlich die Reste einer verheerenden Zeit zusammengeklaubt hat, gelingt ein atmosphärischer Umschwung. Er schenkt ihr „das Brautkleid aus Schnee“. Und unversehens wird die Welt leicht und versöhnlich. Doch in derartigen literarischen Reichen nur therapeutische Inspirationsquellen und Refugien zu sehen, griffe zu kurz. Vielmehr weisen sie nämlich auch reichlich Altlasten auf, wie kritische Betrachtungen der Geschlechterverhältnisse veranschaulichen. Dass Schneewittchen den Zwergen den Haushalt führen soll, ruft schon bei dem 1825 geborenen Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer „ein spottend Echo“ hervor. Noch pointierter formuliert die in 1979 in Ost-Berlin geborene Uljana Wolf eine feministische Kritik an den häufig patriarchal grundierten Texten. Denn „als märchen / zertanzt 1 soldat / 12 mädchen // ich bin schön / im herzen ein ballsaal / frau kammer frau / lebenslang“. Wie die Verse darlegen, beschränkt sich das Dasein der Frau entweder auf einen reinen Objektcharakter, dessen gewaltsame Dimension im Bild des Tanzes, einer bloßen Umschreibung für Vergewaltigung, beschönigt wird.

Die von der Lyrikerin Birgit Kreipe und und dem Lyriker Ron Winkler hervorragend kuratierte Zusammenstellung gibt eine hochreflexive und geschichtsbewusste Lyrik zu erkennen. Sie sucht im Märchen nach einem Gegenpol zur mentalen Ortlosigkeit des Menschen im 21. Jahrhundert genauso wie nach ideologischen Verkrustungen beim Frauenbild und der Erziehungsmoral. Die poetische Sprache wirkt unterdessen entstaubend und verhilft den alten Texten zu einer verblüffenden Gegenwärtigkeit.

Rote Spindel, schwarze Kreide. Märchen im Gedicht Birgit Kreipe und Ron Winkler (Hrsg.) Edition Azur 2021, 152 S., 20 €

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