Gefangen im Korsett

Literatur Tod, Narben und das Ringen um Identität – Fatma Aydemirs „Dschinns“ ist ein vielschichtiger Gesellschaftsroman

Als Hüseyin stirbt, geht ein Gravitationszentrum verloren, um das sich die Mitglieder seiner Familie bislang wie Planeten bewegten. Dabei wären ihm, der 1971 aus der Türkei nach Deutschland kam und sich bis zu seiner Rente in einer Metallfabrik abschuftete, sicherlich noch viele Jahre gegönnt gewesen – hätte ihn nicht ein Herzinfarkt in seinem noch kaum genutzten Altersdomizil in Istanbul aus dem Leben gerissen. Fassungslos begeben sich daraufhin seine Kinder und seine Frau Emine in das Land ihrer Vorfahren und Verwandten, um ihn zu beerdigen. Was Stoff für eine komfortable, einsträngige Erzählung böte, nutzt die 1986 in Karlsruhe geborene Fatma Aydemir in ihrem neuen Roman Dschinns für eine multiperspektivische Betrachtung eines komplexen Beziehungsgeflechts. In separaten Kapiteln führt sie uns die eigenwilligen Umgangsweisen ihrer Figuren mit dem Schicksalsschlag vor Augen. Während dabei alte Erinnerungen hochkommen, Gefühle von Trauer bis Wut Raum greifen, werden wir mehr und mehr der Risse, die durch jeden einzelnen Charakter verlaufen, gewahr.

Und das sind viele, so viele, dass von dem Familiengebäude – im metaphorischen Sinne – kaum mehr als die Fassade geblieben ist. Dahinter ringen die Söhne und Töchter Hüseyins mit sich selbst und überkommenen Traditionen und Werten. Zum Beispiel Ümit, der als jüngster Sohn der Auswanderer unter seiner Homosexualität leidet. Oder Hakan, der bis zuletzt versucht, dem kernigen Männlichkeitsideal seines Vaters gerecht zu werden. Dass Sevda von all diesen Widrigkeiten vielleicht am wenigsten wusste, mag wohl ihrem frühen Ausscheiden aus dem inneren Kreis geschuldet sein. Denn bevor ihre Eltern späte Schuldgefühle entwickelten, wurde sie als Erstgeborene früh zur Heirat und damit zum Auszug gezwungen. Immerhin gelingt es ihr, sich im Laufe des Textes zu emanzipieren. Sie lässt sich von ihrem rüpelhaften Mann scheiden und übernimmt sogar ein eigenes Restaurant. Wie man als LeserIn richtigerweise vermutet, bleiben dessen ungeachtet die Konflikte nicht lange unter dem Teppich. Insbesondere das Aufeinandertreffen der verstoßenen Tochter mit der Mutter birgt reichlich Zündstoff.

Grundfragen des Menschseins

Trotz dieser dem Buch am Ende noch einmal eine überraschende Wende verleihenden Aussprache behauptet sich bis zum Schluss Schweigen gewissermaßen als eine weitere Figur des Textes. „In dieser Familie kämpft man immer so: mit bedeutungsvollen Blicken und abgewandten Augen, mit lauter Dingen, die nie ausgesprochen werden und darum umso schwerer in der Luft liegen, weil alle wissen, wovon das Nicht-Gesagte erzählt.“ Letzteres camoufliert die in die tiefsten Windungen der Psyche der Protagonistinnen eingezogenen identitätspolitischen Diskurse unserer Gegenwart. Wann ist Man(n) ein Mann? Und wie steht Frau ihren Mann – oder zu sich selbst? Wo offenbart sich der Platz für das „Ich“ in einer Zeit, die noch immer voller Rollenklischees steckt? Wer sie prägt und genau durchsetzt, ist ungewiss. Denn unabhängig vom Geschlecht erweisen sich alle Figuren als Gefangene eines abstrakten sozialen Korsetts. Die Folge: Gemeinsam sind sie einsam, gehemmt in ihrer Kommunikation und der Fähigkeit, einander oder sich selbst vergeben zu können. Ganz so, als würde ein Fluch über jedem einzelnen von ihnen liegen, eben in Gestalt der titelgebenden Wesen. Sie „sind alles, was wir komisch finden, anders, unnatürlich. Wenn jemand nicht dem entspricht, was die meisten Menschen als normal empfinden, heißt es schnell: Der und der ist von einem Dschinn besessen.“

Tatsächlich ist in diesem Familienkaleidoskop jedoch wenig Metaphysik am Werk. Stattdessen leidet die Schicksalsgemeinschaft an den Fliehkräften ihrer Epoche, die alle zur heimatlosen Sinnsuche verurteilt. Markant sticht der Text daher vor allem als ein Gesellschaftsroman hervor. Vielfalt bildet er nicht nur in den verschiedenen Standpunkten und Herausforderungen seiner ProtagonistInnen ab, sondern darüber hinaus in seiner stilistischen Varianz. Emine, Peri, Ümit, Sevda und Hakan widmet die Autorin jeweils einen individuellen Sprachduktus und bisweilen gar unterschiedliche Erzählperspektiven. Dadurch erlebt die Lektüre immer wieder Erfrischungskuren, weil keine Figur der anderen ähnelt. Aydemir führt durch ein Buch, das politische Brisanz und Grundfragen des Menschseins mit Sentiment und Melancholie vereint. Wirkt in alledem die Wucht des Verlusts, so vermag dieser erst am Ende eine lange vermisste Sehnsucht wieder einzulösen: jene nach Nähe.

Info

Dschinns Fatma Aydemir Hanser 2022, 368 S., 24 €

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