Höhere Gagen: Kulturpolitik kann mehr als Sonntagsreden

Meinung Politiker:innen loben gern das Theater – und bleiben ihm selbst fern, wie zuletzt in Heilbronn. Immerhin gibt es jetzt mehr Geld für viele, die etwa an Theatern arbeiten
Endlich: Mehr Geld für Mitarbeiter:innen des Theaters
Endlich: Mehr Geld für Mitarbeiter:innen des Theaters

Foto: Jochen Quast

Theater als „Kitt der Gesellschaft“, als „Ort des Dialogs“ und, ach, nicht zu vergessen, „Demokratiemotor“ – diese und ähnliche Allgemeinplätze begründen ein eigenes, oftmals ungewollt lustiges Genre: die Sonntagsrede. Nachdem sie die Bühnenhäuser während der Pandemie zu den strengsten Schutzmaßnahmen verpflichteten, überbieten sich derzeit die KulturpolitikerInnen allerorts mit beschwörenden Lobeshymnen auf das Durchhaltevermögen der KünstlerInnen und – man kann es gar nicht oft genug betonen! – auf die Unverzichtbarkeit von Schauspiel und Oper. Schließlich halten sie uns doch – Achtung: weiterer Phrasenalarm! – konsequent den Spiegel vor und tragen dazu bei, Diskurse in der Gesellschaft aufzugreifen.

Auch in Heilbronn ließ sich neulich im Rahmen der Eröffnung der Baden-Württembergischen Theatertage solches Süßholzraspeln beobachten. Gleich vier Reden und einer Videobotschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) durfte das Publikum beiwohnen, bis es danach endlich Elias Perrigs Inszenierung von Romeo und Julia sehen konnte, darunter eine von Staatssekretärin Petra Olschowski (auch Grüne) vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und eine vom örtlichen Oberbürgermeister Harry Mergel (SPD). Erstere betonte wohlfeil die gelebte Vielfalt auf den Brettern, die die Welt bedeuten, der kommunale Verwaltungschef legte sogar noch eine rhetorische Schippe drauf: „Wir feiern die Wiederauferstehung“ der Kultur. Schöner geht’s nicht!

Wer so ins Schwärmen gerät, muss ein wahrer Fan der Bühne sein. Zumindest in der Theorie. Denn frappant, nein, peinlich wurde es, als die Aufführung begann – und die Plätze der beiden StreiterInnen für das Gute und Wahre leer blieben. Es gab so spät am Abend bestimmt noch dringende Termine, versteht sich.

Worte sind eben das eine, Taten das andere. Letztere haben viele Kreativschaffende aufgrund der für sie wirtschaftlich teils existenzbedrohenden Corona-Beschränkungen dringend nötig. Umso erfreulicher ist es daher, dass sich der Deutsche Bühnenverein und die KünstlerInnengewerkschaften kürzlich auf eine deutliche Erhöhung der Mindestgagen geeinigt haben. Die Einigung sieht zwei Stufen vor: Ab dem 1. September 2022 werden demnach die Löhne von 2.000 auf 2.550 Euro und ab dem 1. Januar 2023 auf 2.715 Euro angehoben. Dazu kommt deren zukünftige Dynamisierung, die eine lineare Orientierung der Gehälter von Solo-Selbstständigen und BühnentechnikerInnen an denen der übrigen Angestellten der Theater bedeutet. Außerdem steigen die Gastgagen um 35 Prozent. Diese Zahlen zeugen nicht nur von einer neuen Wertschätzung all derer, die an künstlerischen Produktionen beteiligt sind, sondern veranschaulichen auch die noch immer gegebene Gestaltungsmacht von Kulturpolitik jenseits blumiger Bekenntnisprosa. Übrigens sollen auch weitere Verhandlungsthemen wie etwa Teilzeitregelungen für Solo-Selbstständige oder die Ausweitung der Beschlüsse auf freischaffende KünstlerInnen in nächster Zukunft bearbeitet werden.

Von derlei veritablen Verbesserungen von Lebensverhältnissen muss es zweifelsohne mehr geben, zumal der Branche möglicherweise ein schwieriger Herbst bevorsteht. Die Auslastung vieler Häuser hat noch immer nicht das Vorkrisenniveau erreicht, es drohen eine neue Infektionswelle und neue Einschränkungen. Ob sich die PolitikerInnen dann wieder an ihre Elogen erinnern? Im Gegensatz zu den Eröffnungen werden sie zu den Schließungen (oder Einschränkungen) eher nicht persönlich auftauchen. Bei aller Tragik blieben uns in diesem Fall zumindest die Sonntagsreden erspart.

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