Realität reicht nicht

Literatur Tomer Gardis zweiteiliger Roman „Eine runde Sache“ verbindet auf exzellente Weise Historie mit Fiktion. Dafür erhält Gardis 2022 den Leipziger Buchpreis
Realität reicht nicht

Illustration: der Freitag

Dass Tomer Gardi die Realität mit ihren schnöden Gesetzen reichlich wenig stört, lässt sich schon an seiner Sprache ablesen. Auf grammatische Korrektheit pfeift er. Weder stimmen im ersten Teil seines furiosen Romans Eine runde Sache Geschlecht noch Fall. Zudem werden Plural und Singular durcheinandergewirbelt, wie bei einem, der der deutschen Sprache nicht mächtig ist. „Broken German“ nennt man das auf Neudeutsch. Wer hier also schreibt, will insbesondere eines: Entfesselung auf allen Ebenen.

Damit die Überwindung aller Konventionen beginnen kann, wirft der Autor seinen übrigens nach ihm benannten Protagonisten aus allen Ordnungen heraus und lässt ihn – in Anspielung auf den Anfang von Dante Alighieris Menscheitsepos Göttliche Komödie – desorientiert in einem verwunschenen Wald landen. Wie der italienische Renaissance-Dichter auf seinem Weg durch die Höllenkreise wird auch Gardi auf allerlei seltsame Gestalten treffen. Bald schon schließen sich ihm der Deutsche Schäferhund Rex und der Erlkönig an.

Während Letzterer mit Wendungen wie „Wer verirrt sich so blöd ohn’ Sinn und Grund? Es ist der Wanderer mit seinem Hund“ eine feixende Goethe-Parodie abgibt, erweist sich der Vierbeiner unversehens als Theologe und Untergangsprophet. Der Stadtspaziergang, auf dem das Trio sich in Straßenmusik übt und Pfandflaschen eintauscht, mündet daher in keinem Happy End. Es bricht die große Flut herein, und natürlich darf dann auch die Arche nicht fehlen. Was absurd klingt, ist es auch.

Gespickt mit viel Witz und Ironie, entwirft der 1974 im Kibbuz Dan in Galiläa geborene Schriftsteller eine spätmoderne Odyssee en miniature, die alle Macht der Literatur heraufbeschwört. Aus Fakten macht sie ein Spiel, aus Realität Fiktion, sodass sich auch vermeintlich unumstößliche Wahrheiten mitunter als Klischees entlarven. „Indigen, habe ich gesagt, indigen, was soll das denn überhaupt heissen?“, fragt Gardi beispielsweise bezogen auf überkommene Zuschreibungen, um sogleich fortzufahren: „Ein Yacht wird zu einem Jagd. Eine Muschi aus Silikon wird zu einem Deutschen Schäferhund Maulkorb (…). Sogar das Indigen wird zum Ündügün. Alles ist im ständigen Bewegung, trotzig und beladen in seiner Unstabilität, alles!“

Worte sind nichts mehr und nichts weniger als Worte und geben in der Logik des Romans keinen Anlass dazu, mit ihnen irgendwelche Hierarchieverhältnisse oder Abwertungen aufgrund von Ethnie, Geschlecht oder Ähnlichem zu begründen. Vielmehr erweisen sie sich in der Schreibstrategie des israelischen Autors als Teil eines dynamischen Sprachsystems. Wohl auch deswegen dienen die Motive des Wassers und des in Gardis Geschichte wegweisenden Flusses zur umfassenden Metapher.

Das Dasein, das Denken, das Sprechen und insbesondere das, was wir abstrakt unter „Identität“ verstehen – all dies ist fluid und prägt auch den zweiten Teil von Eine runde Sache, der auf einer von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzten Story beruht. In diesem zweiten Teil des Buches steht eine historische Figur im Zentrum, nämlich der indonesische Maler Raden Saleh (1811 – 1880).

Wie schon in Gardis herrlich surrealem Trip verschlägt es auch ihn auf eine Reise. Aufgewachsen auf Java, ergeben sich für den Protagonisten nach der Überfahrt nach Europa bald Chancen zum künstlerischen Studium. Allen voran seine im Laufe der Jahre entstehenden Porträts verhelfen ihm dazu, binnen kurzer Zeit an den Adelshöfen und Königshäusern zu reüssieren. Wir haben es also mit einer Art Bildungsroman zu tun, der zugleich eine Aufsteigergeschichte offenbart; allerdings weitaus ernster als der erste Part des Buches, weitaus mehr in einem epischen Stil verfasst, der dem 19. Jahrhundert voll und ganz Rechnung trägt.

Aufbruch ins Weite

Und doch überlappen sich die beiden Prosastücke. Zum einen in Konstanten wie der Selbstsuche und dem Aufbruch ins Weite, zum anderen in dem Plädoyer, sich für das Fremde und Andere zu öffnen. Heutige Kräfte, wie etwa religiöser Terror, die Vielfalt zugunsten eines festgezurrten Menschenbildes beschränken wollen, werden dabei stets durch historische Gegenbeispiele infrage gestellt. „Zu anderen Zeiten“, weiß Saleh, „lebten moslemische Gläubige in Frieden mit der unvermeidlichen Kluft zwischen dem, was im Heiligen Koran steht, und der Art, wie der Mensch auf dieser Erde sein Leben führt, als ein Geschöpf aus Trieb und Fleisch und Blut“.

Was könnte also besser dieses Bewusstsein für Freiheit beschreiben, als die Geschichte zweier Künstler, die echte und erträumte Kontinente durchqueren? Tomer Gardi findet nicht nur die richtige Handlung, sondern ebenfalls eine überzeugende Ästhetik. Sein mirakulöser Roman lässt sich wie eine Welt mit doppeltem Boden durchschreiten. Die Wirklichkeit, so könnte man die Botschaft zusammenfassen, ist nicht genug. Sie braucht einen brüchigen Untergrund, durch den man in tiefere, arkane Gründe hineinrutschen kann.

Info

Eine runde Sache Tomer Gardi Droschl 2021, 256 S., 23 €

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