Silvester-Programm im Theater: Prost, verdammt nochmal!

Schauspiel Lustige Witwen, rachsüchtige alte Damen und ein Anti-Silvester: Was die Theater am letzten Abend des Jahres kredenzen, kommt nicht immer aus der Innovationsküche, spricht aber viele Stimmungen an. Manche Kostprobe könnte sich lohnen

Knaller, Feten … oder doch Flauten? Was die Theater zum Jahresausklang auftischen, fällt gemischt aus. Natürlich gibt es sie wieder: die Silvesterkonzerte, die Tschaikowski- und Nussknacker-Schlager, obschon russische Gastspiele ausfallen müssen. Besonders häufig kredenzt wird am 31.12. (zum Beispiel in Wiesbaden und Wuppertal) Die lustige Witwe von Franz Lehár, einem Evergreen über Standesunterschiede, verbotene Sünden, große Gefühle und ein Happy End.

Den nächsten Schritt wagt man in Nicolai Sykoschs am Staatsschauspiel Dresden zum besten gegebenen „musikalischem Hochzeitsdrama“ Liebe ohne Leiden, das gewiss mit der nötigen Komik von Pleiten, Pech und Pannen vom ritualisierten schönsten Tag des Lebens erzählt. Und auch das Staatstheater Darmstadt reiht sich in die Riege der Produzenten leichter Kost ein. „Schenk‘ mir doch ein kleines bisschen Liebe“, wird’s dort erklingen aus der Operette Frau Luna von Paul Lincke. Mit ein wenig Science-Fiction soll man hier in der Realisierung von Klaus Christian Schreiber zukunftsfroh in den Januar 2023 rutschen. Hauptsache, es wird geschmachtet und nur nichts Kritisches von uns verlangt. Die Wellen des diesjährigen Krieges, sie sollen branden an der Festung des Love, Love, Love!

Wem all das zu stark nach Eskapismus und Zuckerbäckerei schmeckt, der kann hier und da auch Kurioses finden. Für die richtigen Jahresendmuffel wirbt beispielsweise das Wiener Akademietheater für ein „Anti-Silvester“ mit Sad Sad Songs. Warum nicht einmal depri hinüberstolpern? So kann doch – gemäß der Überraschungshaltung des Pessimisten – alles, was kommen mag, nur besser werden, oder? Man darf überdies hoffen, dass der Blues auch hier und da mal in Ironie umschlägt.

Wann ist es zuletzt still gewesen?

Garantiert ist diese wiederum in Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame. Es mutet schon etwas ungewollt bizarr an, dass das Theater und Orchester Heidelberg neben einem festlichen Konzert diese Groteske gerade an Silvester zeigen will, handelt das Werk doch von dem brutalen Rachefeldzug der titelgebenden Protagonistin gegen ihr Heimatdorf sowie ihren ehemaligen Geliebten Alfred Ill. Negative Vorsätze, so der Gedanke dahinter, sind immerhin besser als gar keine zu haben. Zudem lässt sich ja auch aus Wut und Zorn Energie generieren. Prost, verdammt nochmal!

Was bleibt den geneigten TheaterfreundInnen am Vorabend zum innig ersehnten, immer grandioseren neuen Jahr also außer kitschigem Himmelhochjauchzen und der mürrischen Askese? Mehr denn je entsteht der Eindruck, dass an diesem Silvester auch das ganze Spektrum an konventioneller Bühnenware geboten wird. Viele Häuser verlassen sich einfach auf ihr Repertoire. Ist das nicht schnöde? Uninspiriert? Oder, um im Bild der Dinnersprache zu bleiben: Omas kalte Küche nur aufgewärmt?

Sicherlich könnte man erwarten, dass – wann, wenn nicht an Silvester! – einmal so richtig die Töpfe und Kellen in der Küche der künstlerischen Innovationen geschwungen werden. Utopisches Potential! Davon darf’s doch gern noch etwas mehr sein auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Aber mal ehrlich: Nach zahlreichen Monaten voller Verwerfungen und verheerender Ereignisse wiegt doch nichts mehr als ein wenig Routine. Wann ist es eigentlich zuletzt still gewesen? Wann hatten wir Zeit für Rituale? Ein bisschen Beständigkeit kann doch auch im Theater durchaus wohltuend wirken. Keine Sorge, auf die mögliche Ruhe wird der Sturm schon früh genug wiederkehren.

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