Suff und Sühne

Kampf Freunde, die sich entzweien, und eine Spelunke als Zufluchtsort – Christian Barons Roman erzählt lebhaft vom Proletariat
Suff und Sühne

Illustration: Büke Schwarz

„Das Glück wird nie vergeh’n“, schmachtet es aus der Jukebox, nachdem erst leise Melancholie aufkam: Goodbye, My Love, Goodbye. In Helgas Spelunke versprechen derlei Oldies dringend nötigen Trost. Denn wer dort versackt, hat entweder ein hartes oder aussichtsloses Leben. Manche Gäste gehören seit der Eröffnung der Szenekneipe nach dem Zweiten Weltkrieg gewissermaßen zum Inventar, darunter auch Willy und Horst – zwei Kumpane, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Um Frau und Tochter ein halbwegs erträgliches Dasein in Kaiserslautern zu sichern, entscheidet sich Ersterer früh für einen „anständigen“ Weg. Als Zimmermann und Wachdienstler schuftet er sich durch den Alltag, während sein bester Freund mit krummen Geschäften immer wieder auf die kriminelle Bahn gerät und ihn sogar in Mitleidenschaft zieht. Weder gelingt es dem einen noch dem anderen, aus den prekären Verhältnissen auszubrechen. Im Gegenteil, in den mehr als 50 Jahren der jungen BRD, die Christian Baron in seinem familienbiografisch gefärbten Roman abbildet, erfahren beide die ganze Härte der menschlichen Existenz: finanzielle Not, scheiternde Beziehungen, das Abdriften der eigenen Kinder, Krankheit und Tod.

Was der 1985 geborene Autor und Journalist in Schön ist die Nacht darlegt, lässt sich als Fortsetzung seines gefeierten Debüts Ein Mann seiner Klasse verstehen, nämlich als ein so kritisches wie gleichsam einfühlsames Panorama einer von sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaft. Mit einem ungemeinen Sensorium für das Detail beschreibt er die Gefühle, Sehnsüchte und Aporien der Unterschicht und gibt ihr zugleich eine sprachliche Repräsentanz. Man trifft auf Begriffe wie „Knallchargen“, „Streuselkuchenphlegmatiker“ und „Kaltwassercholeriker“. Transportiert wird mit diesem speziellen Slang zum einen eine Art Gruppenidentität, zum anderen reichlich Lokalkolorit. Denn die „Batschkapp“ und den „Labbeduddel“, die gibt’s wohl nur in der Pfalz.

In guter Gesellschaft

Da die Armut keine geografischen Grenzen kennt, wäre es jedoch fatal, Barons Text vornehmlich als Heimatroman zu deklarieren. Die Ambition des Schriftstellers geht weit darüber hinaus und reiht sich in gleich mehrere Linien der Literaturgeschichte ein. Nachdem sich bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert zunächst Klerus und Adel, später dann das gehobene Bürgertum selbst zu bespiegeln wussten, kam letztlich mit Gerhard Hauptmanns naturalistischen Dramen und modernen Klassikern wie Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick (1931) die große Wende. Fortan geriet die Arbeiterklasse in den Blick. Bertolt Brecht verhalf ihr sogar zum Einzug in eine neue, das Publikum und die LeserInnenschaft aufrüttelnde politische Ästhetik. Und auch heute findet sich Schön ist die Nacht in bester Gesellschaft wieder. Denn in Werken wie Heinz Strunks Der goldene Handschuh (2016), Thomas Melles 3000 Euro (2014) oder Angelika Klüssendorfs April (2014) nimmt sich die Gegenwartsliteratur intensiv des Prekariats an.

Unterlegt sind diese Annäherungen nicht selten mit Humor, manchmal gar mit bewusst billigen Witzen. Jedoch erweist sich die Perspektive der AutorInnen nie als despektierlich im Sinne eines „Lachens über“ die Mittellosen. Die Komik scheint vielmehr Brücke zu sein, die Nähe und Empathie mit jenen Figuren ermöglicht, denen viele in der Gesellschaft der Spätmoderne allenfalls noch im Supermarkt begegnen. Sie zu verstehen, heißt aber ebenfalls, deren Abgründe aufzudecken. So gewährt uns Baron mitunter auch verstörende Einblicke in das Denken vieler politisch Abgehängter. In zwischen Suff und Wut dahergelallten Stammtischsätzen à la „Kein Volk hat sich je gefallen lassen, was sie uns Deutschen angetan haben seit fünfundvierzig“, zeigt er, wie der Faschismus noch immer als Ideologie im Untergrund wirkt.

Wohl auch deswegen sucht Barons Roman immer wieder die Rückkopplung an die Kriegszeit. So wie die Gesellschaft die Vergangenheit aufarbeiten müsste, so steht am Ende des Prosatextes auch die Hinterfragung einer zwischenmenschlichen Schuld im Raum. Indem sich Willy, ohne zu viel zu verraten, mit seinem Verhalten in den letzten Tagen des NS-Regimes auseinandersetzen muss, vermittelt sich die zentrale Hoffnung auf Vergebung und Versöhnung dieses liebevoll geschriebenen Romans, die potenziell auch das Verhältnis der entfremdeten Protagonisten einschließen dürfte. In Zeiten des wiederkehrenden Hasses ist das Buch daher zweifelsohne eine Wohltat.

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