Ohne Fassade

Theater 100 Variationen über die Gewalt – warum „[Blank]“ eine fantastische Zumutung ist

Wer bisher an der Hoffnung festhielt, der Welt könnte doch noch die Erlösung durch einen spät erwachten Gott widerfahren, dürfte nach diesem Theaterabend vollends alle Illusionen verlieren. Es gibt in der deutschsprachigen Erstaufführung von Alice Birchs Stück [Blank] nur eine Regentin auf diesem Planeten, nämlich die Gewalt, und sie entwickelt in 100 Szenen ein eiskaltes Stakkato: Ein Mann vergewaltigt ein junges Mädchen. Das junge Mädchen wird schwanger. Die Mutter des jungen Mädchens tötet den Mann. Anderer Fall: Eine Frau trinkt und vernachlässigt ihr Kind. Anderer Fall: Wieder ein junges Mädchen verschwindet. Es wird von einer Psychopathin entführt. Sie selbst verlor ihr Kind. Das junge Mädchen wird sterben. Die Mutter des jungen Mädchens wird sich umbringen. All dieses Grauen und noch vieles mehr ereignet sich in einem Sündenpfuhl aus Drogen, Alkohol und sozialer Verwahrlosung. Das schlimmste Faktum dieser markerschütternden Darbietung: Sie kennt keinen Abgrund, sondern nur eine endlose Spirale des Missbrauchs, insbesondere an Kindern und Frauen.

Wohl auch deswegen mag sich Anna Bergmann in ihrer Inszenierung am Badischen Staatstheater Karlsruhe für eine Rondellbühne mit einem ruinösen Betongebäude entschieden haben, die von den DarstellerInnen wie Sklaven des Schicksals immer wieder um die eigene Achse gedreht wird. Wo derartig brachiale Verhältnisse herrschen, schützen auch keine falschen Fassaden mehr vor fremden Blicken. Zwischen den Pfeilern und Streben ist daher jedes Zimmer offen einsehbar. Und so wie die Interieurs ineinander übergehen, so sind in diesem Milieu der Übergriffe längst sämtliche moralischen Grenzen zwischen den Menschen eingerissen.

Dass dies nicht nur auf prekäre Lebensverhältnisse zutrifft, sondern in unterschiedlichen Ausprägungen alle Schichten durchdringt und dabei neben Schauder auch Zynismus hervorruft, wird später an diesem Abend noch für so manche unerwartete Wendung sorgen.

Altbekannte Unterdrückungsmuster der Gewalt

So oder so könnte Birchs Text kaum aktueller sein. Zwischen dem Umgang mit den Vorwürfen sexueller Nötigung in der Chefetage der Bild und dem verfestigten Gewaltregime in den Kirchen tritt eine Kultur des Wegschauens zutage. Anna Bergmann hat sich schon bei ihrem Antritt als Schauspieldirektorin 2018 in Karlsruhe auf die Fahnen geschrieben, althergebrachte Unterdrückungsmuster am Theater zu durchbrechen, indem sie entschied, fortan ausschließlich Regisseurinnen zu beauftragen. Obgleich man diese Ambition auch wieder als Bestätigung einer binären Geschlechterordnung kritisieren kann, schien ihr Ansatz am Badischen Staatstheater zur richtigen Zeit zu wirken. Bevor dort mittlerweile Ex-Intendant Peter Spuhler seinen Stuhl räumen musste, soll er zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so lange psychisch massiv unter Druck gesetzt haben, bis ein Teil der Belegschaft sich zum öffentlichen Protest durchringen konnte.

Alice Birch ist bekannt für ihre radikale Schreibweise, ihr Text [Blank] dient so auch zu einer umfassenden Aufarbeitung, die indirekt den Theaterbetrieb und offensichtlich die Gesellschaft in die Pflicht nimmt – mit viel Melancholie, die übrigens berührend durch Song-Intermezzi der Sopranistin Frida Österberg befördert wird, aber auch mit schonungsloser Ironie. Die äußert sich vor allem in den Slogans, die auf einer Werbeleinwand über dem Dach des Bühnengebäudes eingeblendet werden. Mal wird dort die Beinfreiheit im Fond einer bestimmten Automarke mit der Aufforderung „Spread your legs“ betont, mal die neueste Bulette bei Burger King vor einem lusterfüllten Damenmund mit dem Spruch „It’ll blow your mind away“ präsentiert.

Erst roh, dann subtil

Bleibt von diesem Abend also nur die Verzweiflung über die Allmacht eines phallisch organisierten Gemeinwesens übrig? Zur Überraschung des Publikums: Nein. Denn der zweite Teil des Werks ist eine bitterböse Farce. Eingeladen sind wir nun zu einem Dinner im großbürgerlichen Kreis aus Direktoren, Rechtsanwältinnen und Schauspielerinnen. Fast alle sind nackt, bis auf eine Lehrerin, die den dekadenten Clan gehörig aufwirbelt. Während sich die Reichen frisches Koks reinziehen und ein gestürzter Fahrradkurier, der zuvor noch den Wein gebracht hat, am Bühnenrand vor sich hindarbt, fällt sie mit provokativen Fragen auf. Was steckt zum Beispiel hinter #metoo, zu dem eine der Anwesenden angeblich einen hochwertigen Film „aus Frauenperspektive“ gedreht haben will? So richtig überzeugende Antworten erhält sie nicht. Stattdessen wird geschmaust und hier und da künstlich eine Träne über den schlechten Zustand der Welt vergossen. Man suhlt sich vor goldenem Vorhang und entlang einer Tafel, die auf da Vincis Das Abendmahl anspielt, in selbstgefälliger Gutmenschen-Attitüde. Gleichzeitig täuscht ganz im Sinne des Märchens Des Kaisers neue Kleider das gigantische Blabla nicht darüber hinweg, dass die Decadents genauso nackt dastehen wie alle anderen.

Kommt im ersten Teil der Premiere die Gewalt in ihrer rohesten Form zum Ausdruck, wirkt sie im zweiten weitaus subtiler. Nun offenbart sie sich in der Ignoranz und der Abschottung gegenüber all jenen, die unter prekären Bedingungen leben.

Klassen- und Missbrauchsporträt, Sozialstudie und Trauerspiel, perverse Komik und eine emotionale Wucht, die beklommen stimmt – all dies führt Anna Bergmanns fantastische Inszenierung eng, die sich von der ersten bis zur letzten Minute dieser dreieinhalb Stunden ihre existenzielle Dichte bewahrt. Dass wir es dabei mit einer buchstäblichen Zumutung zu tun haben, liegt schon allein in dem schwierigen Thema begründet. Aber es lohnt sich, vor allem der ungemeinen Intensität wegen.

Info

[Blank] Alice Birch Anna Bergmann (Regie), Badisches Staatstheater Karlsruhe

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