Wie Rita eine Lolita erfindet: Ana Marwans Roman „Verpuppt“

Literatur Wie literarischer Jazz liest sich der neue Roman „Verpuppt“ der Bachmann-Preisträgerin Ina Marwan. Aber was will sie uns sagen?
Ausgabe 05/2023
Was will Ana Marwan uns da bloß sagen?
Was will Ana Marwan uns da bloß sagen?

Foto: Imago / Future Image

Ein Studium der Literaturwissenschaft und Romanistik, erste Erfolge als Schriftstellerin und schließlich die Prämierung mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis 2022 – das klingt mehr als seriös. Aber blauäugig trauen darf man der 1980 in Slowenien geborenen und inzwischen in Österreich lebenden Autorin Ana Marwan nicht, wie ihr neuster Coup, der Roman Verpuppt, beweist. Denn während man zunächst ohne Hintergedanken eine schlichte Story über den Außenseiter und Einzelgänger Jež liest, manövriert einen die listige Erzählerin Rita unversehens aus dem Geschehen. Abgesetzt mittels kursiver Schrift, hebt sie uns in ihren Passagen auf eine Metaebene, auf der sie uns Einblicke in ihre Weise der manipulativen Geschichtenkonstruktion gewährt. „Manchmal füge ich etwas hinzu und erfinde etwas“, berichtet sie. Auch ein kindliches Spiel mit Namen und Rollen gehört zu ihrem kreativen Repertoire.

Dass dabei nicht nur wir auf das Glatteis geführt werden, sondern auch die Figuren ins Straucheln geraten, wird spätestens bei dem Eintritt der unzuverlässigen Illusionserzeugerin in ihre eigenen Geschichten deutlich. Mit ihrer „tausendschichtigen Seele“ zieht sie anfangs sämtliche Register nymphenhafter Verführung, um den um weibliche Aufmerksamkeit bemühten Jež in eine Lolita-Neuauflage zu verstricken. Wie er arbeitet sie angeblich im Ministerium für Verkehr und Raumfahrt, wo sie nach diesem lediglich angedeuteten Tête-à-Tête später noch allerlei anderen Unfug treibt. Ihre Chefin provoziert sie bis aufs Blut. Eine Kollegin stiftet sie zum nächtlichen Ausbruch durchs Fenster mittels Bettlaken an ...

Aber stopp, warum flüchtet jemand so aus einem Regierungsgebäude? Vielleicht weil auch diese Konstruktion erstunken und erlogen sein könnte. Es geht der Protagonistin in ihrem Fabulieren, wie sie betont, nur um „Suspense. Ich muss so erzählen, dass sie wissen wollen, was danach geschieht“. Mit „sie“, kleingeschrieben, sind nicht wir gemeint, sondern wahrscheinlich ... die Leiter einer Nervenheilanstalt. Diese Vermutung drängt sich mehr und mehr auf. Am Ende scheint nichts mehr gewiss zu sein. Weder können wir beurteilen, ob es irgendeine der Figuren gibt, noch ob Rita überhaupt Rita heißt.

Die Welt übers Knie legen

Viele Erklärungen könnte es für diese vielen Erschütterungen der Wahrheit, diesen „morastige(n) See“, geben. Aber was ist denn nun die Metaebene der Autorin Ana Marwan? Um was geht es ihr? Geht es ihr um die gesellschaftlichen Verwerfungen aufgrund der identitätspolitischen Grabenkämpfe, die wir seit Jahren erleben? Eine solche Gesellschaftskritik wäre die wohl anregendste Erklärung. Insbesondere „Unterschiede“ erregen Aufmerksamkeit, heißt es einmal im Text, „die noch nicht abgeschafft waren und an die wir uns klammern wie ein Betrunkener an den Zaun, denn in der Gesellschaft findet sich jeden Tag ein neuer Unterschied, den wir zuerst bemerken müssen, bevor wir so tun können, als gäbe es ihn nicht, und was wird aus uns, was wird aus der Menschheit, wenn sie sich durch nichts mehr stören lassen darf, sie wird von so viel aufgestautem Groll überlaufen wie eine überlastete Senkgrube“. Während die Gesellschaft also versucht, phänotypische Differenzen diskursiv zu beseitigen, um Diskriminierung zu vermeiden, sinnt Marwans Ich auf das bewusste Ausstellen von Vielfalt, quasi durch gezielte Realitätszerschlagung.

Einen Text auf diese Weise anzulegen, ist geistreich und zugleich wagemutig. Daher mag es auch nachvollziehbar sein, dass die Komposition Schwächen aufweist. So trägt die streckenweise maue Sprachästhetik jenseits der Jonglage mit Kalauern und Redewendungen dem ausgefuchsten Erzählverfahren kaum Rechnung. Hinzu kommt ausschweifendes Geplapper, mitunter über den Sinn und Unsinn von hartem Brot, die Angst vor Flecken oder Unterhosen, die auf dem Hintern Abdrücke hinterlassen. Andererseits: Zu viel Stringenz hätte nicht zu dem bunten Gestöber im Kopf der Heldin gepasst. Das ganze Chaos soll unsere eingefahrene Welt sozusagen übers Knie legen. Bilder dürfen hier gern einmal schief oder krumm sein, haben wir es doch mit einer sehr speziellen Form des Schreibens zu tun, die man am ehesten als literarischen Jazz bezeichnen dürfte.

Verpuppt Ana Marwan Otto Müller Verlag 2023, 220 S., 24 €

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