Wir sind es, nicht du

Theater Das Zeitalter des Individualismus war ein Versehen. In Enis Macis „Bataillon“ wird das Schicksal der Welt wieder von vielen gewoben

Ich. Und immer wieder ich. Wie der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner Studie Die Gesellschaft der Singularitäten treffend analysiert, leben wir in einer Zeit des Hyperindividualismus. Alles ist auf das Ego zugeschnitten, das überall seine Besonderheit unter Beweis stellt: mit dem ganz exklusiven Urlaub oder dem unverwechselbaren Geschmackserlebnis. Und damit das auch alle sehen, werden die Events fleißig via Instagram inszeniert – ganz getreu dem Motto: Schaut auf mein Glück!

Macht das Theater diesen Hype mit? Erwartbar wären unzählige, nuanciert entwickelte Charaktere faustischen Schlags. Doch von ihnen keine Spur. Stattdessen triumphiert auf den Bühnen das Wir, samt austauschbarer Sprecherfiguren. Die Renaissance des antiken Chors steht dabei unter unterschiedlichen Vorzeichen: Während etwa Ulrich Rasche in ihm ein verloren gegangenes Pathos sucht, betreiben uniforme Massen in Elfriede Jelineks Texten nichts anderes als Ausgrenzung.

Eine Uraufführung in Mannheim bringt indessen eine andere Sicht auf das Wir ein. Als Enis Maci ihren Text Bataillon für das Nationaltheater schreibt, wohnt sie als Hausautorin im unweit gelegenen Collini-Center, einem gigantischen 70er-Jahre-Hochhaus, das mit der Ambition erbaut wurde, eine ganze Stadt mit Läden und Schwimmbad in einen Komplex zu integrieren. Einst verband sich mit ihm die Utopie der Stadt, des rundum perfekten Zusammenlebens.

Dort, im Keller arbeitend, muss man sich die Frauen in Macis Dramas vorstellen. Es sind Weberinnen (Sophie Arbeiter, Annemarie Brüntjen, Otiti Engelhardt, Carina Thurner), die – allesamt in derselben Kleidung – zu Beginn von Marie Bues’ Inszenierung auf einem Gerüst sitzen und zum Publikum reden. Sie haben viele Namen: Mal gibt sich das Quartett als Gottheit Kikimora, mal als Penelope aus. Nachdem der griechischen Mythologie zufolge ihr Mann Odysseus ins Abenteuer aufbricht, versuchen verschiedene Freier, sie für sich zu gewinnen. Um sie fernzuhalten, gibt Penelope vor, erst ein Totentuch für ihren Schwiegervater Laertes anfertigen zu müssen. Was sie tagsüber schneidert, trennt sie des Nachts wieder auf. Überdies bezeichnen sich die vier Protagonistinnen, die erzählerisch von einer älteren Concierge des Wohnhauses (Johanna Eiworth) begleitet werden, auch als Flechte. Als Vereinigung aus Pilzen und pflanzlichen Lebensformen ist sie Inbegriff eines symbiotischen Daseins.

Reichlich verwirrend mutet diese Mixtur aus alten Sagen, Naturbeobachtungen und Anspielungen auf den ersten Blick an. Trotzdem eint die von Sprüngen und Abschweifungen geprägte Suada des Chors ein zentrales Momentum, nämlich das des Verwebens. Fragmentarische Erzählungen und loses Wissen bringt die Autorin in der Großmetapher des Netzwerks zusammen, die sich – denkt man an die jüngeren Schriften von Bruno Latour oder den sogenannten New Materialism – auf der Höhe der Zeit befindet.

Knoten der Halbwahrheiten

Statt das Individuum in den Vordergrund zu rücken, sind die Theorien bestimmt von der Idee, dass das Leben sich erst im Zusammenspiel von Kräften und gleichberechtigten Akteuren organisiert. Weder das Humanum noch Gott stehen an der Spitze. Tiere, Pflanzen und Menschen sind jenseits aller Hierarchie Teile eines Öko- und Klimasystems. Vernetzung wird als das wesentliche Prinzip der Evolution gesetzt. Die ganze Zivilisation lässt sich aus diesem Blickwinkel als Resultat von Kooperation und Teamwork verstehen.

Gleichwohl stimmt Bataillon keinen bloßen Lobgesang auf das Wir an. Das Urteil fällt differenzierter aus. Was die Sprecherinnen auch weben, sind Tarnnetze für Soldaten. Zwischen den vielen Puzzleteilen der Aufführung bildet der Krieg eine Konstante. Am eindrücklichsten wird dessen Präsenz in einem Panzer (Bühne: Heike Mondschein), den die Figuren vor den Zuschauern zusammenbauen. Einmal fährt er sogar bei rotem Licht und an den Herzschlag erinnernden Beats auf das Publikum zu. Die Botschaft ist klar: Das Verknüpfen von Wissensfäden führt nicht nur zu friedlichem Fortschritt, es kann durchaus auch schlechten Zwecken dienen. Neben „Wäscherinnen“ und „Schwätzerinnen“ begegnen uns mit den Frauen auf der Bühne stets auch Erfinderinnen. Reflektiert wird von ihnen neben militärischen Innovationen mitunter noch das Lochkartensystem, dessen binärer Code sowohl für die Entwicklung des heutigen Computers als auch zur Kategorisierung von KZ-Häftlingen genutzt wurde.

Fäden können sich zudem zu einem Knäuel zusammenfügen, das man kaum noch auseinanderbekommt. Es entstehen dann Diskursknoten, ein Ineinander von Halbwahrheiten und Stereotypen. Als die Protagonistinnen sich einmal im Panzer aufhalten, sehen wir sie via Handkamera auf ein überdimensionales weißes Tuch projiziert. Sie tragen Mundschutz und haben Skalpelle in den Händen. Währenddessen erzählt die auf dem Panzer sitzende Concierge von einer erhöhten Krankheitsrate unter Frauen bei ausbleibenden Schwangerschaften. Ironisch unterlegt wird die groteske Szene durch die Rede von vermeintlich wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Körper der Frau, die jedoch reine Fakes sind.

Gekoppelt sind an die feministische Kritik ebenso kulturkritische Betrachtungen der spätmodernen Medienlandschaft. Kurzerhand und mit galligem Sarkasmus stellen die fünf Schauspielerinnen auf der Bühne die Erschießung des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu nach und ziehen die Aufnahmen von der Hinrichtung in Zweifel. Die Bilder seien erst im Nachhinein künstlich inszeniert worden. Statt Gewehren kommen im pantomimischen Spiel der Damen Fotoapparate als moderne Waffen zum Einsatz. In der vernetzten Welt reisen Bilder in Sekundenbruchteilen von einem Ort zum anderen, werden verändert und mit Botschaften versehen. Die Fäden – um im Bild zu bleiben – wickeln sich chaotisch um den Planeten. Wo sie beginnen und wo sie enden, wer sie wann und wo zusammengefügt hat, vermag man oftmals nicht mehr nachzuvollziehen.

Die gern genutzte Phrase „Alles hängt mit allem zusammen“ eröffnet hier somit ein spannendes Problemfeld, wie Bues’ avancierte Inszenierung eines starken Textes beweist. Selten ist Theater so ingeniös und intellektuell fordernd wie an diesem Abend. Die Mischung aus filigraner Sprachästhetik, die souverän sämtliche Diskurse miteinander verwebt, und präzisen Bildern schafft Bewusstsein für global gewachsene Strukturen, die zu erfassen der Individualismus nicht genügt.

Info

Bataillon Enis Maci Nationaltheater Mannheim, nächste Aufführung am 22. Februar

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