Die dunkle Seite unserer Willkommenskultur

Willkommenskultur Manche glauben, wir sind flüchtlingsüberfordert. Glaubt jemand, wir sind willkommenskulturüberfordert? Falls ja, hier ist die dunkle Seite von ihr.
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Mein Freund, der mit seinen kleinen Kindern in einer Berliner Turnhalle als Flüchtlingsunterkunft wohnt, machte seine Erfahrung mit der dunklen Seite der deutschen Willkommenskultur. Seine vierjährige Tochter bekam von einem größeren Kind mit einem Spielzeug einen Zahn abgebrochen, sowie zwei weitere beschädigt und weil er kein Deutsch spricht, war ich mit ihm unterwegs. Er spricht zwar sehr gutes Englisch, aber die Ärztin konnte bei seinem ersten Besuch, trotz ihrer Ankündigung im Netz, kein Englisch liefern. Was sie stattdessen liefern konnte, war ihre Verachtung den beiden gegenüber. Die Zahnärztin in der Stresemannstrasse untersuchte also das Mädchen und sprach professionell kindlich mit ihr, blieb uns gegenüber aber argwöhnisch. Sie fragte gehässig, ob ich der Übersetzer wäre, so als wäre die Idee absurd überflüssig und fand die Übersetzeridee auch weiter erheiternd, als sie über den Fall telefonierte. Sie sprach abweisend über meinen Freund und fragte mich, was er wieder hier wollte. Als ich ihr erklärte, er bräuchte ihre Diagnose als ein schriftliches Gutachten, wollte sie sich nicht an den Fall erinnern, obwohl sein Besuch nur ein paar Tage her war. Abgesehen davon tat sie als ob sie das Wort „Gutachten“ nicht kannte, oder sie kannte es tatsächlich nicht, wobei ich nicht weiß was von beiden wahr ist und für sie peinlicher klingt. Sie untersuchte das Mädchen erneut und erstellte eine Diagnose, die sich erheblich von ihrem Zustand unterschied. Es war klar, dass die Ärztin absolut nicht hilfreich sein wollte. Statt uns zu sagen, was möglich war, fuhr sie fort, uns feindselig zu sagen, was nicht ging. Sie war missvergnügt über unseren Besuch, der ja auch unnötig gewesen wäre, hätte sie nicht auf ihrer Website über ihre Sprachkenntnisse gelogen. Ich erklärte ihr die düstere Situation der Flüchtlinge in einer Turnhalle und dass wir etwas Schriftliches über den Zustand des Kindes brauchten, während sie uns gleichgültig ansah. Nicht zu lange; als sie plötzlich realisierte, dass das Mädchen erkältet war, fing sie an uns zu drohen, wir würden gefährlich handeln und stellte die Verantwortung des Vaters in Frage. In ihrem Gesicht konnte ich die Frage lesen, ob sie wegen der Ausländer die Polizei rufen könnte. Es war uns allen klar, dass wir hier waren, weil sie beim ersten Besuch die Diagnose nicht schreiben wollte oder konnte.

Es gibt gar keinen Zweifel darüber, dass viele von uns ehrlich helfen wollen und tatsächlich helfen und ich bewundere diejenigen zutiefst, die sich weit mehr als einsetzen als ich. Umso frustrierender war es für mich, eine Doktorin in ihrer moralischen Pflicht versagen zu sehen. Ich befürchte, dass ihr Benehmen etwas über die dunkle Seite unserer Willkommenskultur aussagt, wenn sich eine Ärztin weigert, Ungerechtigkeit und Gewalt anzusprechen. Die Atmosphäre in Massenunterkünften ist immer gewalttätig, weil die Menschen dort der Sicherheit ihrer Privatsphäre beraubt sind. Die Frage ist aber, wie wir als Gesellschaft mit Gewalt und deren Resultaten umgehen wollen. Ich hätte nicht erwartet, dass sich eine Ärztin in Berlin so klar und deutlich als Rassistin zeigt. Solche Verachtung ist mir vorher mit meinem Sohn und meinen Freunden mit deren Kindern niemals begegnet. Ich muss zugeben, dass ich an diesem Tag nicht darauf stolz war, ein Berliner zu sein.

21:43 10.01.2016
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