RE: Unser täglich Fleisch | 03.03.2013 | 10:01

Lieber Jörn Kabischs, lieber Weinsztein,

ich bin weder unruhig noch rigoros und akzeptiere jeden Lebensentwurf, Grade auch in Bezug auf "to Beef or Not to Beef". Selbstverständlich halte ich persönlich meinen vegetarischen Lebensentwurf für den sinnvolleren, sonst hätte der Verzicht ja auch sprichwörtlich keinen Sinn. Trotzdem freue ich mich über jeden (Teilzeit)Vegetarier, der neu hinzukommt.

Am diskutierten Artikel erkenne ich durchaus Problembewusstsein und hatte im Grunde nur einen Kritikpunkt, auf den Sie aber beide bisher nicht eingegangen sind: der (selbst?)kritische Tenor ihres Textes verträgt am Ende in meinen Augen keine derart überschwängliche Schilderung über den Genuss eines formidablen Steaks. Auch dann nicht, wenn Sie damit lediglich ihre Horrorvision eines "Beefshops" illustrieren wollten. Für den Fall hätten Sie sich eben einer Vision bedienen können.

So entsteht der Eindruck, dass Sie zwar um die Probleme wissen, aber in Ihnen trotzdem der Gourmet über den Moralisten Siegen wird. Und nochmal: das ist Ihre Entscheidung, da wird Ihnen niemand reinreden. Angesichts der ersten 60% Ihres Textes müssten Sie jedoch eigentlich zu einer anderen Entscheidung kommen können, sowohl logisch als auch moralisch.

Als Freitag-Leser fühle ich mich also eben nicht abgeholt, hätte den Artikel eher im Magazin "Beef" vermutet. Aber offensichtlich braucht der Fleischesser heutzutage gelegentlich etwas Beistand. Ich finde es schade, dass er den nun ausgerechnet im Freitag bekommen hat.

RE: Unser täglich Fleisch | 02.03.2013 | 10:46

Ergänzung zum besseren Verständnis:

ich hätte nicht gern einen Text zu einem anderen Thema gelesen, weil jeder Text zum Thema "Veggi" ja zeigt, dass es eben zumindest ein Thema ist - und das ist schon mal gut.

Ich hatte lediglich versucht eine Analogie aufzuzeigen:

angenommen, ein Magazin wie "auto, motor, sport" hätte den Biosprit-Skandal aufgegriffen - steigende Preise für Nahrungsmittel, die bei uns zu Sprit verarbeitet werden, daraus resultierend Hunger in ärmeren Ländern -, und der Autor eines solchen Textes würde sehr deutlich Problembewusstsein zeigen, nur um am Ende dann doch begeistert von der 200-km/h-Spritztour in seinem Porsche vom letzten Wochenende zu berichten - man würde ihm doch Zynismus vorwerfen. Warum sollte man das dann beim Thema "Fleisch" nicht tun? Die katastrophalen Folgen des Fleischkonsums a la 21. Jahrhundert sind die gleichen wie die des Individualverkehrs, wo also liegt das Problem? Ich behaupte, es könnte u.a. darin begründet liegen, dass "wir" linksalternativ-aufgeklärten Freitag-Leser größtenteils urbanen Milieus entstammen, in denen Porsche und SUV verpönt sind (frag nach bei Klaus Ernst oder Rezzo Schlauch), in denen aber gutes Essen, Kochen, Gourmet-Sein andererseits schwer angesagt ist. In "unseren" Milieus kann man eben leichter mal das Auto abschaffen oder zumindest stehen lassen und auf Rad oder ÖPNV (teil)umsteigen, als man an den zahlreichen Gourmet-Tempeln, Kochshows und Feinkostabteilungen vorbeikommt. Deswegen gilt der Porsche-Fahrer Vielen als verdammenswert, der Fleischesser jedoch eher weniger, bis hin zum Vegetarier-Bashing.

Da haben wir eine Unwucht in den Argumentationen, das wissen auch alle, behaupte ich mal. Und gerade deswegen ärgern mich Artikel "von der guten Seite", zu der ich den Freitag selbstverständlich zähle, außerordentlich, denn sie bieten das vom Leser "DH" oben erwähnte "Feigenblatt", nach dem Motto: hey, wenn sogar die vom Freitag jetzt schon schreiben, man müsse ja gar nicht sooo doll auf Fleisch verzichten, obwohl die ja auch schon um die Folgen wissen... das "holt halt viele ab". Erschreckend.

RE: Unser täglich Fleisch | 02.03.2013 | 08:24

Wie gesagt, Sie haben nicht verstanden.

Herr Kabisch, auch Herr Weinsztein und überhaupt jeder soll soviel (oder sowenig, auch das) Fleisch essen wie er mag. Herr Kabisch scheint zudem ein leidenschaftlicher Koch zu sein, und ich lese seine Kolumne immer gerne, egal ob es sich um Fenchel oder Steak handelt.

Seinen Artikel, den wir hier diskutieren, habe ich auch durchaus als Plädoyer zu weniger, zu verantwortungsbewussterem, zu respektvollerem Fleischkonsum gelesen. Soweit würde ich da auch nicht widersprechen.

Ich kritisiere nur eines, das allerdings haut in meinen Augen den gesamten Artikel am Ende um: wer angesichts des Themas (Pferdefleisch) relativ unnötig die Fässer "Hunger der Welt" bzw. "Klimawandel" aufmacht, der hievt das Thema von einer Verbraucherschutz-Ebene auf die ungleich größere moralische Ebene. Und dann wird es eben entsprechend UNmoralisch, wenn der Artikel dann mit den Freuden des gepflegten Fleischgenusses endet. Ich nenne das zynisch, ja. Und ich fühle mich ganz sicher nicht "abgeholt", wie die Redaktion des Freitag offensichtlich meinte. Und ja, es erschreckt mich durchaus, wenn dies offensichtlich der Meinung einer Redaktion entspricht, die ich eigentlich als relativ vegetarieraffin hätte einchätzen wollen, zumindest was das Milieu angeht, in dem hier publiziert wird (links, alternativ, ökologisch, wie immer Sie es nennen wollen).

Auf mich wirkt der Text relativistisch - man erkennt durchaus an, dass der eigene Lebenswandel problematisch ist (wäre ja auch im Jahre 2013 lächerlich dem zu widersprechen, oder?), man deutet diffuse Bereitschaft zur "Besserung" an, bleibt aber dabei besser unkonkret, und am Ende läuft´s dann auf das trotzig genossene Gourmet-Steak raus. Das konterkariert jeden Ansatz einer anderen Denkweise, der zuvor angedeutet wurde. Jörn Kabisch hätte meiner Meinung nach diesen Artikel nach der Hälfte enden lassen solen, den Bistecca-Teil hätte er ja dann in seine Kolumne transferieren können.

RE: Unser täglich Fleisch | 01.03.2013 | 21:03

Dann haben Sie, lieber Weinsztein, meine Salbaderei nicht ganz verstanden. Ich finde das Thema Vegetarismus absolut wichtig, kann jedoch Herrn Kabischs Argumentation nicht gut finden. So what?

Auf den Punkt: halbseitenlang Opfer von Massentierhaltung und exzessivem Fleischkonsum aufzählen, um am Ende dann genüsslich vom Erlebnis des Fleischverzehrs zu schwärmen - das geht nicht.

Ich respektiere jeden Fleischesser und teile mir sommers auch jeden Grill mit diesen. Belehrungs- und Bekehrungsversuche habe ich auch nicht im Angebot. Gleichwohl darf ich mich ärgern über Carnivoren, die mir, 900 g Bistecca noch zwischen den Reißzähnen, vorwerfen, als Vegetarier wäre ich ja inkonsequent, da nicht Veganer. Was sogar stimmen mag, aus dem Glashaus heraus aber deplatziert wirkt.

Ebenso wie Herrn Kabischs Argumentation, zumindest in diesem Fall.

Ansonsten würde ich mich über eine sachlichere Diskussion freuen. Trotz und semibeleidigende Wortwahl helfen da wenig.

RE: Unser täglich Fleisch | 27.02.2013 | 15:30

Nun, das ist womöglich gar kein Grat und in der Aussage insofern eindeutig genug.

Trotzdem sei Ihnen und auch Herrn Kabisch natürlich jedes wie auch immer benamte Steak vom Rind (oder Pferd, weiß man´s?) gegönnt. Mir war lediglich aufgefallen, dass in Herrn Kabischs Artikel die Argumentation wenig überzeugend (auf der Seite der "Abers"), wenn nicht gar zynisch ausgefallen war; man sollte einfach nicht einerseits Hungersnöte und "Sintflut" (und Leiden der Tiere usw) auf der Vegetarier-Seite aufführen, wohingegen sich die "Abers" der carnivoren Seite kaum übers "hach, aber wenns nunmal so gut schmeckt" hinausbewegen. Die Diskrepanz dürfte augenfällig sein. Da Sie es aber offenbar gern mit der Bibel halten (das Buch Drais hab ich allerdings nicht entdecken können, vermutlich apokryph?), ein Gleichnis zum besseren Verständnis:

unter anderen Voraussetzungen als dem Pferdefleisch"skandal" hätte ein Redakteur des Freitag auch bspw über den Klimawandel schreiben können, über die Tatsache, dass der menschliche Rohstoffhunger in Form von Erdöl und Biosprit verantwortlich wäre für Klimawandel und Hunger. Wenn dann jedoch als "Aber" im zweiten Teil gekommen wäre, man wolle auf seinen SUV "rib-eye" oder Porsche "Bistecca" dann doch eher nicht verzichten, weils halt Spaß macht, höchstens vielleicht ab und an mal den Zweitwagen der Gattin nutzen - es wäre zynisch, oder? Es machen zwar Millionen Deutsche genau so, aber die würden das sicher nicht in einer "linken" Zeitung in einen Leitartikel packen. Passt eben nicht, schon gar nicht, wenns quasi als langgesuchter Königsweg angekündigt wird. Da erwarte ich eindeutig mehr.

RE: Unser täglich Fleisch | 26.02.2013 | 16:32

Liebe Freitag-Redaktion, lieber Jörn Kabisch,

endlich bin ich heute dazu gekommen den Artikel "Unser täglich Fleisch" zu lesen, der mir die ganze Woche über im Editorial schon angekündigt wurde als der perfekte "Abholer" im Angesicht der (all)täglichen Veggie-Debatten. Und ich muss sagen: ich schwanke zwischen Fassungslosigkeit und mildem Entsetzen.

Wenn man in diesen Tagen journalistisch mit dem Thema "Fleischkonsum" zu tun hat, dann sollte man dies entweder rational oder emotional bzw. moralisch tun. Der rationale Zugang würde sich zunächst mal mit dem beschäftigen, um das es geht: Pferdeteile in Rinderlasagne. Dies könnte man skandalisieren, Frau Aigner interviewen, Fotos von Pferdewurst zeigen etc pp.

Macht man jedoch ein größeres Fass auf und öffnet das Thema hin zu einer Grundsatzdiskussion der Frage, ob man in diesen Zeiten zwischen BSE und Pferdelasagne überhaupt noch Fleisch essen soll/darf, dann sollte man wissen, dass man argumentativ scheitern wird. Sie können doch nicht, lieber Herr Kabisch, die erste Hälfte ihres Artikels dazu nutzen, all die guten Argumente für Vegetarismus ins Feld zu führen, und dann ernsthaft meinen, dass Sie in der Lage sein würden, im zweiten teil schon genügend "Abers", wie sie es nennen, ins Feld führen zu können.

Während also im ersten Teil ihres Textes quasi die halbe Menschheit den massentierhaltungsbedingten Hungertod stirbt oder gleich der gesamte Planet an seinen CO2-Ausdünstungen krepiert, führen Sie im zweiten Teil das drohende Aussterben der wenigen Turbo-Nutztierrassen ernsthaft als Gegenargument an? Mal ganz abgesehen davon, dass sicherlich unzählige alte Rinder- oder Schweinerassen bereits allein aufgrund der Massentierhaltung ausgerottet wurden, scheinen mir hier die Maßstäbe aber gewaltig verrutscht zu sein. Ganz zu schweigen davon, dass Sie sich nicht einmal entblöden die Frage, ob denn nicht auch Pflanzen eine Seele haben, in die Debatte zu werfen. Am Ende, das war natürluch jedem, der Ihre Kolumnen regelmäßig liest, klar, läuft es bei Ihrem Artikel auf die bequeme Frage hinaus, ob man denn nicht fleischmäßig etwas kürzer treten könnte. Und natürlich könnte man das, und natürlich ist jeder Tag ohne Fleisch ein gewonnener Tag, aber ob´s am Ende nutzt? Wenn ein Raucher seinen Konsum von 20 auf 15 Zigaretten täglich drückt, ist das zu loben. Aber ob´s nutzt? Und wer aus Klimaschutzgründen den 8-Liter-Golf gegen den 5-Liter-Corsa eintauscht hat ja auch nicht alles falsch gemacht, sollte sich aber angesichts seines im Keller verstaubenden Fahrrads oder der S-Bahn-Haltestelle 100m Luftlinie vom Büro entfernt auch nicht zu begeistert auf die Schulter klopfen.

In diesem Sinne: ein noch so leckeres "Bistecca alla Fiorentina" als Begründung gegen Fleischverzicht wirkt angsichts der auch in Ihrem Artikel formulierten, wirklich sehr, sehr guten Gründe gegen jeden Fleischkonsum mindestens zynisch, wie ein lapidares "Nach mir die Sintflut, ´s schmeckt halt so gut!"

Fleischfreie Grüße