Was essen wir, wenn nichts mehr wächst?

Landwirtschaftsfalle Strukturwandel in der Landwirtschaft bedeutet Bauernhofsterben, Industrialisierung, Börsenwetten. Und Zerstörung der Bodenfruchtbarkeit. Natürlich wächst da nichts mehr.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

"Bei mir kommt der Strom aus der Steckdose, und Lebensmittel kauf' ich im Supermarkt." Was als Selbstironie aus Sicht kurzsichtiger Verbraucher formuliert ist, abgedroschen zwar, trägt leider aber eine traurige Wahrheit in sich: die Kurzsichtigkeit des Marktes bei der Nahrungsmittelherstellung. Diese wird heutzutage den Börsenregeln unterworfen, das Wehklagen, man müsse global konkurrenzfähig sein, sprich, beim Wetten an den Rohstoff-Börsen und beim Handel mit Grundnahrungsmitteln mitmachen können, heiligt scheinbar jegliche Mittel.

Dabei bahnt sich die Katastrophe bereits ihren Weg, hinter verschlossenen Türen und auf freier Feldflur. Aufmerksame Beobachter erkennen, dass mit dem sogenannten landwirtschaftlichen Strukturwandel nicht nur eine immense Arbeitsplatzvernichtung einherging und weiter voranschreitet - das Bauernhofsterben forderte allein in Deutschland in 10 Jahren im Minimum 150.000 Arbeitsplätze-, sondern dass der Wandel hin zur industrialisierten Landwirtschaft lebensbedrohlich ist und die natürliche Bodenfruchtbarkeit in immensem Ausmaß zerstört.

Gewinner sind lediglich die global aufgestellten Agrar-Konzerne und mit ihnen die Finanzindustrie. Der Acker wird zum Reagenzglas, in das immer mehr hineingeschüttet wird (guter Umsatz für die Agrar-Konzerne), und um die Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten, kommen immer leistungsstärkere und schwerere Maschinen zum Einsatz (guter Umsatz für die Landmaschinen-Hersteller, in der Regel gut verzinst fremdfinanziert, d.h. guter Umsatz für die Banken). Dies bei gleichzeitiger Freisetzung landwirtschaftlicher Arbeitskraft.

In welche tödlichen Sackgassen das für die Bauern führt, kann man heute bereits in Nord- und Südamerika sowie in Indien besichtigen. Die Bauern geben ihre Erzeuger-Rolle ab und tauschen sie gegen eine Konsumenten-Rolle der Agrar-Konzern-Produkte. Wenn es dann kein eigenes Saatgut mehr gibt und die Böden ausgelaugt sind, gibt es für die Bauern auch keine Perspektive mehr.

Den Initiativen der Freihandels-Lobby in der EU nachzugeben würde den bereits existierenden Trend des Strukturwandels noch verstärken und indische oder nord-/südamerikanische Verhältnisse bei uns schaffen. Die Agrar-Lobby, deutsche wie amerikanische, setzt sich, wo immer sie sich einnistet, für ihre eigenen Interessen ein, nicht die der Gesellschaft. Und das heißt: eine industrialisierte, input-basierte, petro- und agrochemische Landwirtschaft. Sie nimmt in Kauf, dass der Boden kontaminiert und durch die schweren Landmaschinen so zusammengepresst wird, dass die Bodenlebewesen vom Regenwurm bis zu den Mikroorganismen zerquetscht werden und die Bodenporen für Pflanzwurzeln, den Wasserdurchfluss und Luftdurchlässigkeit so zusammengepresst, dass der Boden für Pflanzwuchs immer mehr verlorengeht.

Doch der Widerstand wächst, formiert sich online und auf der Straße. Eine gute Zeit zum Richtungswechsel also. Und der wird nicht nur von den Endverbrauchern gefordert, sondern auch von der UN. Der UN-Weltagrarbericht 2008 verlangt nach einem radikalen Wandel der Nahrungsmittelproduktion - weltweit.

Und da Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind, ist ein Umdenken erforderlich. Also:

Pferde auf den Acker statt schwerer Landmaschinen!

Dies hieße nicht nur, die schädlichen Bodenverdichtungen zu vermeiden, sondern die landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen grundsätzlich umzustellen. Nämlich prozess-basiert statt input-basiert. Natürlich und nachhaltig. Mit Bauern, die autark wirtschaften können. Ohne fremdfinanzierte Maschineninvestitionen, dafür mit wesentlich günstigeren Arbeitskräften: den Zugpferden. Diese integrieren sich hervorragend in nachhaltig-natürliche Kreisläufe. Sie ernähren sich vom Grünland, sommers wie winters, mit Gras und Heu, das sie selbst eingebracht haben, ebenso Hafer und Zuckerrüben und anderem. Sie wandeln die aufgenommene Nahrung in Energie um, die als Arbeitskraft auf dem Feld eingesetzt wird. Ihre Ausscheidungen sind hervorragender organischer Dünger, den sie wiederum selbst aufs Feld ausbringen. Der Zukauf fossiler Brennstoffe und petrochemischer Düngemittel erübrigt sich oder wird reduziert.

Die Methoden sind erprobt und haben ihre Umweltverträglichkeit in langjährigen Anwendungsreihen ('field work') bewiesen. Noch in den 1930er-Jahren wurde eine Bevölkerung von 60 Millionen Menschen in Deutschland mit pferdegestützter Landwirtschaft ernährt, damals mit 3 Millionen Pferden. Und es war erklärter politischer Wille, dies so unabhängig wie möglich von Importen zu tun.

Auch heute gibt es Pferdebauern, die an diesen erprobten Konzepten festhalten und sich nicht dem Industrialisierungs-Trend unterwerfen. Dies wird anschaulich in der Bilderfibel "Langsamer. Kleiner. Gut. Mit natürlicher Pferdekraft aus der Fortschrittsfalle in der Landwirtschaft" beschrieben, in der Pferdebauern in Deutschland und der Schweiz porträtiert und die Wirkungszusammenhänge der Zugpferdearbeit in der Landwirtschaft beleuchtet werden.

Die Vorteile sind so offensichtlich, dass es nur an der heutigen Agrar-Subventionspraxis liegen kann, warum nicht alle Bauern auf diese Weise arbeiten. Zugpferde in der Landwirtschaft sind jedenfalls ein Garant in der Absicherung der Bodenfruchtbarkeit und damit der Zukunftssicherung unserer Nahrungsmittel-Ressourcen.

Vor diesem Hintergrund muss die politische Diskussion aufgenommen und geführt werden. Wahrscheinlich nicht mehr vor der Wahl. Aber bevor die Tinte unter die Agrarreform gesetzt und dem EU-Freihandelsabkommen zugestimmt wird.

12:19 28.08.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 4