„Die Literatur ist ein Hund!“

Bachmannpreis Erinnerung und Vergangenheit sind zwei prägende Motive am zweiten Tag des Wettlesens. Große Favoritinnen oder Favoriten waren allerdings wieder nicht darunter
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„Die Literatur ist ein Hund!“
Leander Steinkopfs Text lässt mit dem Ende keine Fragen offen, er stellt auch keine

Leander Steinkopf: Ein Fest am See

Den zweiten Lesetag durfte Leander Steinkopf eröffnen. Mit seinem Text „Ein Fest am See“ erzählt er eine runde und geschliffene Geschichte über Liebe und Enttäuschung, die manchmal etwas klischeehaft und zu wenig radikal wirkt. Der Protagonist scheint sich selbst zu quälen, indem er auf die Hochzeit seiner großen Liebe eingeladen ist. Schon bald stellt er fest, dass er so gar nicht in diese Welt passt. Enttäuscht von der Feier, dem Essen und der Hochzeitsgesellschaft zieht er es vor, sich allein dem Whiskey hinzugeben und über die restlichen Gäste zu urteilen. Im Laufe der Geschichte erfährt man, dass er die Frau, die jetzt einen anderen geheiratet hat, auf einem Parkplatz kennengelernt und lieben gelernt hat und fast kitschig schwelgt er in der Erinnerung vergangener Zeit. Und fragt sich dabei: Warum muss es bei der Liebe immer um die Dauer gehen, wo sie allein aus Momenten besteht? Wobei die von der Enttäuschung geprägte Hauptfigur bis zum letzten Moment auf eine plötzliche Änderung des Ausganges des Abends hofft. Das Ende findet aber völlig anders statt als erwartet.

Info

Der Bachmannwettbewerb zum zweiten Mal digital: vom 16. bis 21. Juni organisieren 3Sat und der ORF die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur. Neun Schriftstellerinnen und fünf Schriftsteller sind in diesem Jahr für den Bachmannpreis nominiert. Studierende des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Lesewettbewerb. Das Blockseminar „Einführung in den Literaturbetrieb“ (Dozent: Karsten Krampitz) verwandelt sich für ein paar Tage in ein Blog-Seminar. Die Texte zum ersten Tag des Wettbewerbs finden Sie hier

Der Text wird von der Jury als schöne Gesellschaftsprosa gewertet, mit geistvollem Witz und einem Hang zur Satire erzähle der Autor die Geschichte einer enttäuschten Liebe, wobei der dem Publikum vermittle, dass die namenlose Braut die Hauptfigur sei – einer Erzählung, in der es in etwas narzisstischer Weise fast ausschließlich um den Protagonisten geht.

Der Text lässt mit dem Ende keine Fragen offen, er stellt auch keine, man sollte ihn aber auch als eine Geschichte lesen, welche unterhält und erzählt. Kleine Mängel – wie zu viele Details in der Erzählung selbst oder Ankündigungen von Ereignissen, welche nicht stattfinden – sind zu vernachlässigen.

Von der Jury gab es Lob. Klaus Kastberger begrüßte es, dass die Geschichte „auf Augenhöhe daherkommt“ und sprachlich gelungen sei. Kastberger habe den Autor nicht gekannt und zuerst gedacht, Leander Steinkopf sei ein Pseudonym für Sahra Wagenknecht.

Bettina Siebenhofer

Anna Prizkau: Hat Sie einen Vogel?

Nach Leander Steinkopf liest die in Moskau geborene Anna Prizkau „Frauen im Sanatorium“.

„Als ich ein Kind war, malte mir meine Mutter mit ihren Fingern Kreise auf die Wangen.“

Mit ihrer „russischen Melancholie“ – wie sie es selbst im Videoporträt bezeichnet – beginnt Prizkau die Geschichte einer jungen Frau, die sich in psychiatrischer Behandlung in einer Klinik befindet.

Im Fokus steht ein Vogel namens Pepik, welcher sich – vermutlich aufgrund der Tabletten, die die Protagonistin im Zuge ihrer Therapie einnimmt – als ihr liebster Gesprächspartner herausstellt und in dessen Gesellschaft sie Zuflucht findet.

In den Gesprächen mit Pepik erzählt die Protagonistin in Form von Kindheitserinnerungen, wie Sie und ihre Familie aus Samara, einer südostrussischen Industriestadt, nach Deutschland ausgewandert sind und welche Probleme das neue Leben mit sich brachte. Einblick in ein Familiendrama: Streit, Enge, Demenz. Die Mutter wird zum Pflegefall.

Die Erzählerin wird verlassen, immer wieder, von Männern, die überfordert sind. Sie trinkt, will ihr Leben beenden, provoziert einen Verkehrsunfall und findet sich schließlich in besagtem Sanatorium wieder.

In Ihrer Erzählweise zeigt sich die Autorin sehr detailverliebt und spielt bei der Beschreibung der Schauplätze häufig mit der Farbe Rot. Wie auch die Heldin der Geschichte ist auch die Autorin in den 90er-Jahren nach Deutschland ausgewandert. Diese Parallele wirft die Frage auf, ob und inwieweit ihr Text Anspielungen auf Ihr eigenes Leben beinhaltet.

Lob von der Jury, die am Beispiel dieser Erzählung über Objektivität und Subjektivität, den Einsatz von Rhythmik in der Literatur diskutierte. Aber auch über eine brüchige und doch trickreiche Erzählstruktur.

Christian Esterl

Verena Gotthardt: Die Jüngste Zeit

Dass Fotografie und Film im Leben der jungen Kärntnerin eine große Rolle spielen, lässt uns Verena Gotthardt schon in ihrem Vorstellungsvideo erkennen. In diesem spricht sie kein Wort, ihre Stimme bleibt uns noch verborgen. Was wir sehen ist ein Fotoshooting, auf eigentümliche und doch einzigartige Weise. Sie spielt mit der Perspektive.

Ihr Text „Die Jüngste Zeit“ fügt sich gewissermaßen passend in das Bild, dass wir von ihr bis hierhin bekommen haben. Sie entführt die Lesenden in die Welt der Erinnerungen und konfrontiert mit der unvermeidbaren Vergänglichkeit. Dabei verzichtet sie fast gänzlich auf Prädikate und setzt stattdessen auf den vermehrten Einsatz von Adjektiven. Fotos und Bilder dienen als Erinnerungsstütze zur Vergegenwärtigung der Vergangenheit der Protagonistin. Einer Protagonistin, die in der bäuerlich-ländlichen Gesellschaft verortet zu sein scheint und sich mit der Veränderung der geliebten Lebenswelt auf ihren alten Tagen konfrontiert sieht. Mit Hilfe der Fotografien erinnert sie sich an eine Vergangenheit, die scheinbar besser war als das hier und jetzt. Doch die Bilder sind ungemütlich und ehrlich, enthüllen eine verzerrte Sicht und halten das fest, was wirklich war und nicht das, woran man sich glaubt zu erinnern. Wie im Video wechseln wir auch hier wieder die Perspektiven, springen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, sind einmal jung und dann wieder alt. Ständig schwingt der Wechsel der Jahreszeiten in der Erzählung mit, um den Kreislauf des Lebens zu symbolisieren. Ein Kreislauf, der durchbrochen wird, vom Ruf des Einen, der das Leben zu beenden vermag. Wer das ist und warum das geschieht, bleibt offen. Zumindest für die kindliche Form der Protagonistin, die nicht versteht und den Ruf nicht hört.

Dem Gros der Jury war der Text von Verena Gotthardt „zu schwer“. Diese Schwere ergibt sich für Insa Wilke etwa daraus, dass sie oft auf Prädikate und Subjekte verzichtet. Vea Kaiser kritisiert in diesem Zusammenhang den übermäßigen Gebrauch von klassischen Adjektiven wie „groß“ und „klein“. Für Philipp Tingler hingegen war der Text eher „zu locker“. Doch allesamt lobten sie die radikale Form des Textes und den Mut dieser jungen Autorin etwas derartiges vorzutragen. Mara Delius, die Verena Gotthardt eingeladen hat, sieht vor allem die Tiefgründigkeit des Textes, der bewusst auf lineares Erzählen verzichtet und eine einzigartige Melodie beim Lesen erzeugt.

Christian Frühwirth

Lukas Maisel: Anfang und Ende

Das von Fela Kuti musikalisch untermalte und an bissigem Sarkasmus kaum zu übertreffende Videoporträt des Schweizer Autors Lukas Maisel ließ einen ebenso bissigen und mit Humor gespickten Text erahnen. Was uns mit „Anfang und Ende“ jedoch tatsächlich erwartete, war ein etwas langatmiger, gleichwohl unterhaltsamer Text über die romantischen Kennenlernriten unserer heutigen Tinder-Gesellschaft.

Die Erzählung gibt einen Einblick in die verworrene Gedankenwelt des namenlosen Protagonisten („Er“). Die anfängliche Suche nach einer perfekten, jedoch frei erfundenen Kennenlerngeschichte mit seinem aktuellen Date Sara und die intensive Auseinandersetzung mit seinem eigenen Zeugungsakt geben einen Vorgeschmack, wie es in seinem Kopf zugeht. Auch die Diskussion darüber, ob Sara und er nun ein Pärchen seien oder nicht, führt zu einer immer größeren Reibung und schlussendlich zur Trennung der beiden Charaktere.

Die ersten Seiten lassen die Frage aufkommen, ob und inwiefern solch eine Kennenlerngeschichte unter Verwendung standardisierter und unpersönlicher Mechaniken heutiger Dating-Apps überhaupt möglich ist und welche Rolle diese eigentlich spielt.

Der weitere Verlauf der Geschichte lässt den/die Lesende(n) weitere Gedanken über Selbstzweifel, Ängste und starke Unsicherheiten im Umgang mit Frauen beobachten. Das Spiel mit diesen vermeintlich klischeehaften Vorstellungen und Idealen eines jungen Mannes über die Frauenwelt lässt den Text nahezu plakativ erscheinen.

Entgegen meinen anfänglichen Erwartungen, einen humorvoll unterhaltsamen Text vorzufinden, hinterließen die letzten Zeilen ein leichtes Gänsehautgefühl, gar eine gewisse Traurigkeit. Im direkten Vergleich war dieser Nachgeschmack sogar intensiver als jener des Textes von Anna Prizkau, welche ein vermeintlich weniger banales Thema (Familienkrise im Migrationskontext) behandelte.

Die Anschließende Jury-Diskussion entfachte ein wahrliches Feuergefecht, insbesondere zwischen Klaus Kastberger, der dem Text quälende Langeweile und fehlende Transzendenz vorwarf und Philipp Tingler, der den Bruch der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem schätzte. Dieser Zweikampf bot – wie auch der Text selbst – hohen Unterhaltungswert, wenn auch gepaart mit teilweise schmerzhaftem Kitsch. Denn wie schon der große deutsche Philosoph Sepp Herberger sagte: „Wir müssen da hingehen, wo es weh tut.“

Christian Esterl

Fritz Krenn: Mr. Dog

Der Grazer Schriftsteller Fitz Krenn (geboren 1958) machte am zweiten Wettbewerbstag den Abschluss. Der Autor, seit 2015 freischaffender Schriftsteller, eingeladen von Klaus Kastberger, ist nach 1992 das zweite Mal in Klagenfurt dabei. Seinerzeit gewann er mit „Das Holz“ das 3sat-Stipendium.

„Mr. Dog“, der heurige Text, handelt vom Literaturbetrieb. Ein österreichischer Autor ist Gast im literarischen Salon einer Ostberliner „Staatsschriftstellerin“ (laut Juror Kastberger Christa Wolf) und wird während seiner Lesung in einem Fort vom Hund der Gastgeberin behelligt.

Krenns Text, so die Jury, sei mit Mitteln von gestern verfasst worden. Eben diese sprachlichen Mittel habe er aber im Griff. Die Weise seines Vortrags sei eine sehr lebendige gewesen. Und auch wenn der Humor zu hinterfragen sei, so sei er dennoch bitterer Ernst.

Das Milieu des alten Salons (eine Parodie auf den Literaturbetrieb?) wird ins Lächerliche gezogen. Es geht darum, zu sehen und gesehen zu werden, nicht mehr um das Vortragen der Texte unter Kollegen, das Sprechen mit Gleichgesinnten über Themen, die interessieren; es wird viel gesprochen, aber doch wird nichts Wichtiges besprochen.

Juror Klaus Kastberger bringt die Botschaft auf den Punkt: „Die Literatur ist ein Hund!“

Tamara Müller

20:48 18.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Christian Esterl, Christian Frühwirth, Tamara Müller, Bettina Siebenhofer | Blogseminar

Studierende des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Bachmannpreis
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