Schreiben ist wie Unterwasseratmen

Bachmannpreis Der dritte Tag bietet Texte über gesellschaftliche Spaltung, Familiengeschichten und Heimatsuche. Einer der Texte begeistert die Jury
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Schreiben ist wie Unterwasseratmen
Dana Vowinckel sagt, sie habe den „kurzen Schock“ beim Sprung in ein Schwimmbecken vermisst. Man ist „bei sich“, denn „es gibt nichts, was das ersetzen kann“. Ein solcher Schock führe zur Sprache

Foto: Puch Johannes

Am dritten Lesetag ragte ein Beitrag heraus: „Gewässer im Ziplock“ der deutschen Autorin Dana Vowinckel, die gerade an ihrem ersten Roman arbeitet. Sie las auf Einladung von Mara Delius. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht die Zerrissenheit einer orthodoxen jüdischen Familie. Der Vater arbeitet als Kantor in einer Berliner Synagoge, während Rita, die adoleszente Tochter, ihre Großeltern in Chicago besucht und wieder heim will…

Der Bachmannwettbewerb zum zweiten Mal digital: vom 16. bis 21. Juni organisieren 3Sat und der ORF die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur. Neun Schriftstellerinnen und fünf Schriftsteller sind in diesem Jahr für den Bachmannpreis nominiert. Studierende des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Lesewettbewerb. Das Blockseminar „Einführung in den Literaturbetrieb“ (Dozent: Karsten Krampitz) verwandelt sich für ein paar Tage in ein Blog-Seminar. Hier finden Sie die Texte zum ersten Tag und zum zweiten Tag des Wettbewerbs

Dana Vowinckel: Gewässer im Ziplock

Den letzten Lesetag eröffnet die junge Berliner Autorin Dana Vowinckel, eingeladen von Mara Delius, mit „Gewässer im Ziplock“.

Mit fast pingponghaftem Episodenwechsel führt uns die Autorin durch ihre detailverliebte Erzählung, die Gefühle und Gedanken der Protagonisten. Vater, Tochter. Berlin, Chicago. Hebräisch, Englisch. Glaube, Liebe. Jugend, Alter. Verbot, Gebot. Fremde, Heimat. Isolation, Integration. Themen, die uns bruchstückhaft immer mehr in die Welt von Rita und ihren Vater eintauchen lassen. Die Episoden: Rita, ein Mädchen im Teenager-Alter, das in Nico verliebt ist und den Sommer lieber daheim in Prenzlauer Berg verbringen möchte als bei den Großeltern in Chicago. Der Vater, von Beruf Kantor in der Synagoge, findet im Glauben Halt, den ihm seine Familie nicht (mehr) geben kann. Und das ewige Motiv des Ankommens. „Flying home?“, fragte sie der Mann an der Passkontrolle, als er den Stempel drückte. „No“, sagte sie, und er erwiderte: „Leaving home?“. Sie wusste nicht, warum sie nickte.

Die Jury zeigte sich begeistert: „Sehr starke Sinneseindrücke“ (Philipp Tingler), der „Blick für Details und Lebensgewohnheiten“ (Vea Kaiser) und sogar „das Tempo der Lesart, das sich der Emotionalität des Textes anpasst“ (Klaus Kastberger) wurden betont. Die „diametrale Perspektive“ sei nach Vea Kaiser „eine sehr mutige Entscheidung und großartig gelungen“. Uneinig ist man sich bei den Brüchen, der abwesenden Figur der Mutter, aber auch bei der Perspektive der Gemeinde. „In jedem Fall sieht man die tollen Anlagen“, so Insa Wilke über den Auszug aus dem ersten Roman, an dem Dan Vowinckel noch arbeitet.

In ihrem Einspieler-Clip steht die Autorin vor dem Schwimmbecken eines menschenleeren Freibades und sagt, dass sie den „kurzen Schock“ vermisst habe, beim Sprung ins Wasser. Man ist „bei sich“, denn „es gibt nichts, was das ersetzen kann“. Ein solcher Schock führe zur Sprache. Überhaupt sei Schreiben wie Unterwasseratmen.

Bianca Dorfer

Timon Karl Kaleyta: „Mein Freund am See“

Das Vorstellungsvideo von Timon Karl Kaleyta wirft Fragen auf. Wir sehen ein Gewässer. Einen Mann. Wellen. Ein Boot. Es ist Sommer und doch werden wir beschallt mit düsterer Musik. Erst nach der Lesung beginnt das Gesehene Sinn zu ergeben und gleichzeitig auch nicht. Womöglich greift das Video auf den Text voraus, gibt subtile Hinweise.

Der Text „Mein Freund am See“ nimmt uns mit in die sorglose Welt des Julian und seines Freundes, der uns die Geschichte erzählt, selbst aber namenlos bleibt. Julian besitzt ein Boot, genauer gesagt einen Oldtimer aus der DDR. Gefertigt aus Kunststoff, weist es eine Besonderheit auf, die uns einen Hinweis auf die Welt gibt, in die wir uns mit den beiden Protagonisten begeben: Das Deck des Bootes ist aus feinstem Mahagoniholz gearbeitet, das es, laut Julian, in der DDR einfach gab, weil es aus der „sozialistischen Südsee importiert“ wurde. Wo genau sich diese befindet oder ob es so eine Gegend überhaupt gibt, spielt für die beiden keine Rolle. Zusammen verbringen sie im Sommer viel Zeit am See. Zeit, die sie haben. Arbeiten müssen sie augenscheinlich nicht. Julian ist Einzelkind und künftiger Millionenerbe, bei seinem Freund wissen wir es nicht. Doch können wir ihn durch seine Gedanken, in denen er abschätzig über den Alltag der schwitzenden Menschen in der Großstadt herzieht, ebenfalls in die Oberschicht hineinprojizieren. Auch ihr Kennenlernen impliziert eine solche Herkunft, denn kennengelernt haben sich beide beim Studium in Westdeutschland. Nach dem Mauerfall kehrt die Familie des Julian zurück in den Osten, wo sie die alte Immobilie des Großvaters vom neuen Staat zurückerhalten hat – ein Anwesen am See.

Auf den ersten Blick wirkt dieser Text als wolle er uns in eine heile Welt entführen, doch wie Juror Michael Wiederstein bemerkt, suggeriert schon der Beginn der Geschichte Gewalt: Zwei Menschen fahren mit einem Boot auf einen See. Julians Freund ist froh ihn an seiner Seite zu haben und gleichzeitig brodelt in ihm die Wut der Eifersucht. Warum ist nicht ganz klar, doch hegt er ihm gegenüber Mordfantasien. Zur Tat kommt es nicht.

Wenn es hier nun nicht um körperliche Gewalt geht, dann ja wohl um seelische! Julian hat viele Freunde, besuchen kommen sie ihn aber nur im Sommer, also in jener Jahreszeit, in der sie mit ihm und seinem Boot unterwegs sein können. Julian wird augenscheinlich ausgenutzt, doch tangiert ihn dies nur peripher, denn er lebt in seiner eigenen Welt, die Uhr tickt in seinem Tempo.

Könnte es sein, dass man die Gewalt zwischen den Zeilen suchen muss? Julians Familie stammt aus dem Osten und wurde vermutlich enteignet. Vielleicht ist die Familie des Großvaters aber auch nur nach Westdeutschland geflohen, in den Fünfzigerjahren, wie Hundertausende DDR-Bürger damals. Im Westen machen seine Eltern Karriere, doch kehren sie zurück, um das verfallene Familienanwesen am See zu restaurieren. Als Julian und sein Freund auf den See fahren, beobachten sie zwei Menschen beim Nacktbaden. Auch ihre Begegnung mit der Polizei scheint unterschwellig etwas zu vermitteln, wenn die Beamten sich durch den Anblick des DDR-Bootes begeistert an die guten alten Zeiten erinnern. Hier werden Klischees bedient. Klischees, die eindringlich auf die strukturelle Gewalt in Deutschland hinweisen, die gerade dabei ist, die Gesellschaft noch weiter zu spalten. Worin aber nun wirklich der intendierte Gewaltfaktor in diesem Text liegt, darüber müssen sich die Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen.

Für Insa Wilke scheint klar: Der Text setzt sich mit sozialer Ungleichheit auseinander und greift die Ostdeutschland-Thematik auf, gerade durch den scheinbar naiven Erzähler, der die historische Situation verkennt. Klaus Kastberger fühlt sich bei dem Text an „Die Sendung mit der Maus“ erinnert, erwähnt allerdings auch die unterschwellige Boshaftigkeit, die einen gewissen Spannungsbogen aufbaut. Hingegen kritisiert Philipp Tingler den Text als mittelmäßig und „sehr flach“. Vea Kaiser geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn sie dem anonymen Erzähler eine „tumbe Sprache“ unterstellt und den Text als „handwerklich arm“ bezeichnet.

Christian Frühwirth

Nava Ebrahimi: Der Cousin

„Ein ganz toller Text“ so Mara Delius, die in der Diskussion als erste zu Wort kam. Bisher sei der Eindruck entstanden, dass es Gräben in der Jury gebe, vor allem zwischen Philipp Tingler und Klaus Kastberger. Auf der einen Seite habe es Texte gegeben, die gut erzählen und von einer „Welt“ handeln und auf der anderen Seite manchmal etwas sperrige Ideen und „Wortkonstrukt-Texte“, die man als „Rezensenten-Prosa“ bezeichnen könne. Der Text von Nava Ebrahimi sei ein Text, der beide Seiten versöhnen könne. Die in Teheran geborene und in Köln aufgewachsene Autorin erzählt von einem Familiengeheimnis, das im Verlauf der Handlung nicht nur gelüftet, sondern auf großer Theaterbühne verraten wird.

Die von Klaus Kastberger eingeladene Nava Ebrahimi erzählt von der Heimatsuche, vom Wiedersehen der Ich-Erzählerin mit ihrem Cousin. Sie, Autorin, und er, erfolgreicher Tänzer, verbringen gemeinsam Zeit in New York. Für die Jury-Vorsitzende Isa Wilken stellt dieser Text „überaus schmerzende Fragen“ auf einer „ästhetischen Ebene“, allen voran die Frage, ob es überhaupt möglich ist, Leid und Erfahrung zu übermitteln und damit eine Katharsis zu erreichen. Durchwegs Lob und positive Kritik gab es auch von den anderen Jury-Mitgliedern, vor allem von Vea Keiser, die heuer als Jurorin neu dabei ist. Micheal Wiederstein lobte den Vortrag der Autorin und deren „virtuoses Formspiel“. Philipp Tingler kritisierte, dass an dem Text „sehr viel nicht stimmt“, Bilder und Szenen in denen es von außen schön aussehe, innen aber nicht. Allerdings habe er auch viel Gutes in dem Text gesehen. Klaus Kastberger hingegen erklärte, dass die Lesart nicht realistisch sein darf, und sich hier ein ganz neuer Raum geöffnet hat: „Der Raum ist die Kunst selbst“.

Fiona Timko

Nadine Schneider: Quarz

Der letzte Tag der Lesungen endete heute mit dem Text von Nadine Schneider. „Quarz“ ist, wie der vorherige Text, eine Familiengeschichte, eine Familiengeschichte, die die Autorin in einem Dorf ansiedelt. Was anfangs wie eine einfache, unspannende Beschreibung des Dorflebens wirkt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Erzählung über die Suche nach Heimat, das Ankommen, Ausgrenzen und Rassismus. Die Ich-Erzählerin, über deren Alter und Entwicklung die Jury viel spekulierte, beschreibt, wie auch die Autorin vor ihr, auf mehreren Ebenen den Prozess der Assimilation ihrer Familie. Die Erzählung wird weitergeführt und ergänzt in Tagebuch-Eintragungen, in denen wir den kritischen Blick der Erzählerin auf bestimmte Vorfälle erfahren.

Vea Kaiser, die auch diesen Text „grandios“ findet, wirft die Frage auf, ob es hier um die Schilderung eines Zustandes oder einer Entwicklung (des Ichs) geht. Insa Wilke erklärt, dass in diesem „formal sehr strikt gebauten Text“ das Dorf als Metapher, als Kontinuum der Zeit gesehen werden muss, in dem die Menschen die Veränderung bringen. Der Text von Schneider sei ein Nachdenken über Zeit, Gleichheit und Veränderung und politisch höchst aktuell. Brigitte Schwens-Harant, die die Autorin nach Klagenfurt eingeladen hat, macht darauf aufmerksam, dass das Wort Rassismus im Text nie wörtlich erwähnt wird, sie lobt das „poetische, zärtliche Bild“ am Ende der Geschichte in dem die Erzählerin am Friedhof vor dem Grab ihrer Urgroßmutter den Schnee von der Bank wischt und sich setzt und der Kerze beim Brennen zusieht.

Fiona Timko

23:24 19.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bianca Dorfer, Christian Frühwirth, Fiona Timko | Blogseminar

Studierende des Instituts für Kulturanalyse an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt berichten hier über den Bachmannpreis
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