Die Grauen Wächter

Antifaschismus, 8. Mai Das Kriegsende liegt nun 75 Jahre zurück. Zeit sich neue Gedanken über den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheits- und Zukunftsbewältigung zu machen.
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Jüngere Generationen haben den Vorteil das sie auf aktuelle und historische Ereignisse unbefangener schauen können als die Alten. Das merkt man allein schon daran, dass sie auf den zweiten Weltkrieg zum Teil desinteressiert schauen oder sich vornehmen sich des beispiellosen Völkermord und die Entrechtung aller Verfolgten zwischen 33 und 45 zu erinnern. Bei den Alten ist das Erinnern meist subjektiver. Zwar finden sich auch noch einige ältere Antifaschist*Innen, doch ist es eher so das ein großer Durchschnitt die eigene Kindheit im Blick hat, und findet das hinter dem Schleier des Unfassbaren ein Schlussstrich gezogen werden müsse. Die Politik macht es oftmals nicht besser. Viele glauben es sei damit getan ein paar Kränze niederzulegen, und die altbekannten Phrasen von "Nie wieder." mantraartig herunterzubeten. Diesen Zustand kann kein Staat auf Dauer halten. Insbesondere dann, wenn diejenigen die sich wirklich noch erinnern können langsam wegsterben. Deshalb brauchen wir einen neuen Umgang mit dem Faschismus. Einer der uns schmerzlich bewusst macht, dass vom "Nie wieder"-Mantra erstens Nichts kommt, zweitens dass der Antifaschismus Teil des deutschen Staatsverstädnisses werden muss. Sachsen-Anhalt hat ihn als erstes Bundesland zum Verfassungsrang in seinem neuen Artikel 37a gemacht. Das verdient Anerkennung und Würdigung. Westdeutsche Bundesländer könnten sich da mal ein Beispiel nehmen. Ich würde noch einen Schritt weitergehen, und den 27. Januar wie Israel den Jom haSchoá mit einer öffentlichen Gedenkminute begehen, bei der das gesamte Leben auf den Straßen für einen Moment stillsteht. Natürlich wäre ein solches Innehalten freiwillig, allerdings muss jeder für sich entscheiden ob er den Opfern der Nazis diese Würdigung vor allen Augen versagen will. Gedenken sollte alle Bürger*Innen betreffen, und nicht dem Bundestag vorbehalten bleiben. Warum habe ich als Schüler für die Opfer des Amokläufers von Winnenden in der Schule innehalten müssen, aber nie ein einziges Mal für die Ermordeten der Nazis? Die demokratischen Politiker*Innen die mir auf diese Frage eine Antwort geben können, ohne augenblicklich in Schamesröte zu verfallen möchte ich sehen! Gedenken sollte nicht wie ein unbeweglicher Block stillstehen. Es bedarf einer ständigen Evaluierung. Das muss nicht einmal mit Schuld belastet sein. Grundsätzlich bescheinigen Holocaustüberlebende den Deutschen die für die Nazi-Zeit zu jung oder noch ungeboren waren, dass sie keine Schuld träfe, sie aber Verantwortung tragen das es nie wieder dazu kommt. Warum diesen Gedanken nicht zu unserer Identität machen? Von allen Deutschlands die es seit der Existenz dieses Namens gibt, leben wir im allerbesten. Dennoch gibt es mit dem Rechtsruck, dem Rassimus und einer allzu oft relativierenden Mehrheitsgesellschaft gravierende Probleme die nicht mehr wegzureden sind. Um daran etwas zu ändern müssen die Deutschen erkennen, dass es keinen Schlussstrich geben kann. Faschismus wird nicht aufhören zu existieren nur weil wir Kränze niederlegen und #NieWieder auf Twitter schreiben. Es kann sich nur etwas ändern, wenn jeder persönlich Antifaschismus als seine staatsbürgerliche Pflicht begreift, und den Wortlaut des Art. 1 GG zum Kern seines Denkens und Handelns macht. Dazu gehört auch die Frage welche Rolle Antifaschismus für einen selbst einnimmt und wie man seine eigene Rolle dabei sieht. Analogien aus Filmen, Literatur und ja auch aus Computer-Spielen können helfen dies zu bewerten.

So abstrus es im ersten Moment in diesem Zusammenhang klingen mag, denke ich in den letzten Tagen öfter an ein Computerspiel das ich früher sehr gerne gespielt habe. Dragon Age Origins handelt von einer Fantasy-Welt, in der eine vom Blutdurst getriebene Dämonenhorde namens "Die Dunkle Brut" die Zivilisation überrennt und in den Abgrund zu stürzen versucht. Um sie aufzuhalten gibt es die sogenannten Grauen Wächter. Um ein Grauer Wächter zu werden müssen die Anwärter*Innen von dem Blut der dunklen Brut trinken. Nicht alle überleben diese Tortur, aber die Überlebenden sind ihr Leben lang von diesem Akt befleckt. Sie sind derart an die Dunkle Brut gebunden, dass sie die Präsenz von diesen bemerken können um sie dann aktiv zu bekämpfen. Eine Aufgabe von der sie nur der Tod entbinden kann. Die Grauen Wächter sind für mich die Antifaschist*Innen in diesem Spiel. Einige mögen den Vergleich grotesk finden, aber für mich trifft er vollends zu. Niemand von uns konnte sich aussuchen ausgerechnet in dem Land zur Welt zu kommen, dass den schrecklichsten Völkermord in der Menschheitsgeschichte verübt hat. So wie der Name der Ermordeten in Yad Vashem niemals getilgt werden kann (Jesaja 56:5), kann es auch niemals einen Schlusstrich geben. Und wie wir damit umgehen müssen wir selbst wählen. Wir können uns uns dem verschließen um wieder Gefahr zu laufen dieses Land den Rechten zu überlassen. Oder wir können uns der Vergangenheit stellen und die Menschenwürde verteidigen. Vielleicht indem wir als erstes die Namen der Opfer von Solingen, Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Hanau und des NSU´s lernen und nie wieder vergessen. Ich kenne aus dem Stand bisher nur zwei. Halit Yozgat und Ferhat Unvar. Der Umgang mit ihrem Tod beschämt mich. Von den Akten die zurückgehalten werden, von dem Desinteresse das in der Mehrheitsgesellschaft vorherrscht bis hin zu Trauerfeiern wo die Angehörigen die Statist*Innen der Politik spielen dürfen. All das zeigt nur umso mehr das dieses Land seit 1945 nicht aufgehört hat von der Dunklen Brut befleckt zu sein. Was also tun? Die Geschwister Scholl wussten es schon 1942. "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt!" Für uns heute bedeutet das als Konsequenz uns zu Erinnern, Betroffenen von Rassismus und Menschenfeindlichkeit zuzuhören und an ihrer Seite zu kämpfen. Und mit vollem Herzen Antifaschist*In zu sein. Und damit auch Graue Wächter*Innen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Blue Sweet Potato

narrenfreier parteiloser linker Aktivist der sich ungefragt zu Wort meldet gerade dann wenn es am meißten wehtut.
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