Bodo Lehr

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RE: Eine Polemik als Antwort auf die Kritiker | 05.03.2009 | 17:51

Lieber Herr Augstein,

angesichs der Weltwirtschaftskrise verleihen Sie Ihrer Überzeugung Ausdruck, "dass es sich hier um einen 'Total-Crash' handelt sondern um eine große gewalttätige Bereinigung, ein schlimmes Fieber eines überanstrengten, überreizten Systems." Gewiß, jeder soll sagen können, was er zu sagen hat. Doch sind Metaphern, wie Sie ebenso wissen werden, niemals unschuldig. Schon gar nicht sind es medizinische. Ein fiebergeschüttelter Körper? Ein überanstrengtes Organsystem? Und außerdem noch überreizte Nerven? Wo bleit die Fabel des Menenius Agrippa, der einige römische Plebejer mit seiner Fabel vom Magen und den Gliedern betört haben soll, um sie mit dem Organismus der Macht zu versöhnen?

Doch vielleicht ließe sich daran erinnern, daß man es mit politischen und ökonomischen, weniger mit medizinischen oder anatomischen Problemen zu tun hat. Und daß metaphorische Verschiebungen ins Medizinische, wie Sie sie vornehmen, deshalb mehr verdunkeln als erhellen. Nicht von ungefähr diagnostizieren Sie im bereits erwähnten Fieber denn auch eine "große gewalttägige Bereinigung". Gewalt, so legt dies unausgesprochen nahe, ist ein gleichsam organischer Prozeß. Sie trägt sich unvermeidlich zu, wo ein fiebernder Organismus gesundet; und sich ihr widersetzen zu wollen gerät so schon in die Nähe des Widernatürlichen. Keine Rede mehr von politischen Antagonismen, von Interessen und den Techniken, mit denen die durchgesetzt werden. Stattdessen eine "Bereinigung". (Welcher Dreck wird da übrigens beseitigt?)

Unausgesetzt operieren Sie derart mit einem zweiten, suggestiven Text, der unausgesprochen läßt, was umso beredter zur Sprache kommt. "Im kern", so versichern Sie Ihren Lesern jedoch, "sind wir machtkritisch und skeptisch und humanistisch gesonnen, irgendwie links im gausschen sinne." Ehrlich gesagt, interessieren mich solche Gesinnungen herzlich wenig, und zwar umso weniger, als sie sich bei sich selbst kaum auszukennen scheinen und deshalb nur "irgendwie" gesonnen sind. Worauf es mir aber ankäme, ist eine präzise Sprache, die ihrem Gegenstand wenn schon nicht gerecht wird, so doch nahe kommt, anstatt ihn im Dickicht entgleisender Metaphern unkenntlich zu machen. Die Machtkritik, die Sie reklamieren, dürfte sich nicht zuletzt am Duktus publizistischer Sprache erproben, der in Ihrem Blatt zum Zuge kommt. An ihm nicht zuletzt entscheidet sich nämlich, was als "Aufklärung" einzufordern indes schon zu weit gegriffen wäre, den "Freitag" jedoch irgendwann mal vorzuschweben schien.