Budapest Keleti 1989 und 2015

Fluchtstation Keleti Was trennt und was verbindet die DDR- Flüchtlinge des Sommers 1989 und die des Jahres 2015- Rückerinnerung und Reflexionen sich verändernder Weltkoordinaten.
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Die dramatischen Bilder der Flüchtlinge an der ungarischen Grenze und am Keleti-Bahnhof in Budapest begleiten mich durch die Tage. Sie erinnern mich an den anderen weltbewegenden Sommer der offenen Grenzen in Ungarn 1989. Damals veränderten sich so wie heute die Koordinaten Europas und der Welt in unvorstellbar kurzer Zeit.

Als ich Anfang August 1989 meinen Berliner Freund vom Keleti-Bahnhof abholte, berichtete er davon, dass nach dem Passieren der ungarischen Grenze Sektflaschen und Schnaps von den Abteilinsassen herausgeholt wurden, um miteinander anzustoßen. Ich erinnere mich dankbar an die Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Unterstützung der Ungarn, an ihre Prognosen, dass die Mauer innerhalb des kommenden Jahres fallen wird, was wir damals als irreal weit von uns wiesen. Die ungarischen Freunde sollten Recht behalten. Auch deshalb lese ich seit Jahren mit zunehmender Trauer und Irritation die Berichte über die rechtsnationale Politik der ungarischen Regierung unter Orban.

Als wir bei unserem ersten Versuch eines Grenzübertritts nach Jugoslawien festgenommen wurden, verhörte man uns nach einer hell erleuchteten Nacht hinter Gittern in freundlich ironischem Tonfall. Der Dolmetscher erklärte uns, dass nach der neuesten Order erst beim zweiten Versuch ein Stempel in den DDR-Pass erfolgen würde, und wir wurden zum nächsten Bahnhof zu einem Zug nach Budapest eskortiert.

Am 13. August 1989 landeten wir erneut am Bahnhof Keleti und mischten uns wenig später im Stadtzentrum von Budapest unter eine für uns überraschend große Demonstration anlässlich des 28. Jahrestages des Mauerbaus, gegen die Mauer in Berlin und für offene Grenzen in Europa. Zu diesem Zeitpunkt, Mitte August war die ungarische Botschaft bereits mit ca. 180 ausreisewilligen DDR-Bürgern überfüllt. Jeden Tag wurden es mehr, die um die Botschaft herum campierten.

Bei unserem zweiten Fluchtversuch wenige Tage später durchschwammen wir nach einer langen von Mücken surrenden Nacht im Maisfeld an einem sonnigen Sonntagmorgen die Drau, den Grenzfluss zu Jugoslawien, nachdem unsere ungarischen Freunde für uns das Grenzgebiet beim Spaziergang erkundet hatten. Per Anhalter und im Zug erreichten wir Belgrad, wo wir in der bundesdeutschen Botschaft Fahrkarten und vorläufige Pässe entgegennahmen.

Ich konnte die Erleichterung und Begeisterung der syrischen Flüchtlinge so sehr nachfühlen als sie Züge nach Deutschland besteigen konnten, um dort endlich und vorerst am Ziel einer langen lebensgefährlichen Reise anzukommen. Die Geste, die Züge vom Bahnhof Keleti fahren zu lassen und die Äußerungen Angela Merkels mit dem Tenor, wir schaffen das, entwirft ein überraschend freundliches Bild von Deutschland als einem offenen Land, ein warmer Wind von Empathie und Freiheit, gesetzt gegen die Schatten der Vergangenheit.

Ich erinnere mich genauso intensiv an unsere Ankunft in München, an die Unsicherheit angesichts der westlichen Glitzerwelt der Münchener Innenstadt, in die wir außer ein paar wenigen Kleidungsstücken in einem Rucksack nichts mitbrachten; an die Weiterfahrt im ICE, in dem wir uns beschämt als Fremdkörper in einer befremdlich aufgeräumten Welt wieder fanden.

In was für einer ungleich komfortableren Situation waren wir damals, als DDR-Flüchtlinge, die ohne existentielle Not, nur mit der Sehnsucht nach Freiheit und einer Welt voller persönlicher Möglichkeiten aus autoritärer Enge aufgebrochen waren und ohne unmittelbare Lebensgefahr unser Ziel erreichen konnten. Wie weit und gefahrvoll war dagegen der Weg der Syrer in diesem Sommer bis nach Ungarn, verbunden mit dem Verlust von Muttersprache und Kultur, mit dem Wissen um die Bedrohungen für zurückgebliebene Familienmitglieder oder der Trauer um verlorene Angehörige. Die Empathie für das Leid unüberwindbarer Grenzen und die Sympathie für Flüchtlinge, die aufbrechen, um anderswo zu leben ist mir vor diesem Hintergrund sehr nah.

In den Medien verfolge ich die erschütternden Bildern der flüchtenden und sterbenden Menschen an den Rändern Europas, freue mich über die herzerwärmenden Aktivitäten der Flüchtlingsinitiativen in Deutschland und bin irritiert von den politischen Stimmungsschwankungen der Bundes-Regierung. Seit Wochen schockieren mich die nahezu täglichen Nachrichten brennender Flüchtlingsunterkünfte und demonstrierenden Anwohner, die mit ihren Äußerungen die eindeutigen Gesten rechter Brandstifter begleiten. Sie erinnern mich an den traumatischen rassistischen Geist der 90iger Jahre in der Nachwende-DDR, der die menschliche Neigung eigene Ängste, Wut und Ohnmacht an vermeintlich Schwächeren abzureagieren, erschreckend vor Augen führte.

Ich wünsche mir sehr, dass die Flüchtlinge im Herbst 2015 eine vergleichbare und anhaltende Hilfsbereitschaft, Offenheit und Neugier erleben wie wir in den Monaten nach unserer Ankunft in der Bundesrepublik im August 1989 erfahren haben. Ich hoffe auf etwas, was es auch 1989 brauchte, den Mut und die Bereitschaft zur Veränderung mit offenem Herzen.

22:31 30.09.2015
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Geschrieben von

botrychium

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