Spaltungs-Sprache: Von Eliten und Abgehängten

Debatten-Wortungeheuer Gutmenschen und Abgehängte, Eliten und besorgte Bürger. Es sollte eine Satire werden. Daraus wurde nichts. Dazu ist die derzeitige Spaltungs-Sprache zu erschreckend.
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Die deutsche Sprache entwickelt zur Zeit erstaunliche Begriffsdefinitionen. Einige der häufigsten Begriffe gilt es, unter die Lupe zu nehmen. Wer ist gut, wer ist schlecht? Wer ist dumm, wer ist schlau? Gibt es nur rechtslastige besorgte Bürger und rechthabende Eliten? Es sollte eine Satire werden. Doch daraus wurde nichts. Dazu ist die derzeit gepflegte Spaltungs-Sprache zu erschreckend. Lest selbst.

GUTMENSCH, der:
Kombination aus einem positiven Merkmal und einem neutralen allumfassenden Wort für Humanoiden der Gattung sapiens sapiens. Ergo: nach linguistischer Herleitung ein mindestens neutraler, wenn nicht positiver Gesamtbegriff. Das Gegenwort Schlechtmensch kommt in der Sprache nicht vor.
AKTUELLER BEGRIFFSINHALT in der Debatte: schimpflich gemeinte Definition für alle, die sich bemühen, die Gesellschaft im Rahmen ihrer Möglichkeiten ohne Ausgrenzung anderer zu verbessern. Bezeichnung für Leute, die Toleranz auch gegen Intolerante, Nächstenliebe auch gegen Hartherzige, Näherung auch für Kulturfremde fördern wollen. Also ein Begriff für besonders Bibeltreue? Jesus wäre Gutmensch gewesen.
BESORGTE(R) BÜRGER/IN, der/die:
Kombination aus einem Begriff ernstzunehmender menschlicher Emotion und der umfassenden Bezeichnung für die Menschen in einer Gebietseinheit. Nach linguistischer Herleitung also ein ernster, jedoch neutraler Gesamtbegriff.

AKTUELLER BEGRIFFSINHALT in der Debatte: schimpflich gemeinte Definition für jene, die Angst vor einem negativen unbeeinflussbaren Wandel haben, die ihren Unmut über die Verhältnisse äußern, die Entwicklungen sehen, die ihrer Meinung nach in die falsche Richtung gehen und dagegen aufbegehren. Leute, die gern in den Tempeln der politischen Macht die Tische umschmeissen würden. Jesus wäre auch besorgter Bürger gewesen.

ABGEHÄNGTE; der/die:
Ursprünglich Begriff aus der Fuhrmannssprache. Pferdewagen, die man nicht mit auf die weitere Fahrt nehmen wollte, wurden abgehängt. Waggons einer Eisenbahn, die nicht mit auf die weitere Reise gehen sollten, wurden abgehängt.
AKTUELLER BEGRIFFSINHALT in der Debatte: oft mitleidslos und zumeist abwertend gemeinter Begriff für jene Menschen, deren berufliche Kompetenzen in der aktuellen Wirtschafts-Gesellschaft nicht benötigt oder so schlecht bezahlt werden, dass davon kein Lebensunterhalt zu bestreiten ist.
Ausserdem: Negativer Begriff für Menschen, bei denen der Wunsch nach einer ruhigen Lebenswirklichkeit ohne erzwungenen gesellschaftlichen Wandel besteht. Oft in Kombination mit „besorgte Bürger/innen“ verwendet, um beide Begriffe in Korrelation zu bringen.
Menschen also, die ihre Zukunftschancen schlecht sehen, die auf Transferleistungen angewiesen sind, die sich vielleicht nicht so durchboxen können, wie es heute nötig ist.
Ihr Wunsch nach Realisierung einer deutlich besseren Lebenswirklichkeit wird nur am Rande der aktuellen Debatte thematisiert. Karl Marx hat für sie das kommunistische Manifest geschrieben. Jesus hätte gerade sie zu seinen Jüngern gemacht.
Ihr lautes Aufbegehren in Form von Wählerstimmen wird aktuell eher als Schwäche der Demokratie betrachtet von den (siehe unten) „Eliten“.

Im Zusammenhang mit den „Abgehängten“ werden derzeit, besonders in Bezug auf die USA, „alte weisse Männer“ als Untergruppe derselben genannt. Eine, wenn negativ gemeinte, dreifach alltagsrassistische Zuschreibung (aufgrund von Hautfarbe, Alter und Geschlecht).

ELITEN; die
Von lateinisch eligere = auslesen. Soziologisch eine Gruppe überdurchschnittlich qualifizierter, herrschender oder einflussreicher Kreise. In den vergangenen Jahrzehnten gesellschafltich eher positiv verwendeter Begriff, (z. B. „Elite-Uni“, „Elite-Schule“, „Elite-Soldaten“). Eliten sollten positiv betrachtet jene Kräfte sein, die eine Welt voranbringen zum Nutzen aller.
AKTUELLER BEGRIFFSINHALT in der Debatte: Wird zumeist von jenen, die sich selbst als Mitglieder dieser Gruppe betrachten, im journalistischen und politischen Diskurs verwendet.
Steht dort für eine spezifische gesellschaftliche Prägung, die den unbedingten Toleranzbegriff, Weltoffenheit, aktuell auch Globalisierung und das problemlose Zurechtfinden in einer komplizierter werdenden Welt für sich in Anspruch nimmt, ohne diese grundlegend zu hinterfragen.
Führt dadurch ein „oben“ und „unten“ von „Eliten“ und „Abgehängten“ wieder stärker in die Sprache ein. Erhebt das eigene moralische Denksystem zum Absoluten.
Die Gruppe, die sich selbst so definiert, sieht sich ex definitione im Recht. Sie sieht die Probleme der „Abgehängten“ und „besorgten Bürger/innen“ mit dem politischen System als „postfaktisch“ und in Verständnisschwierigkeiten wurzelnd. Die „Eliten“ hinterfragen im Diskurs aktuell die eigene Fähigkeit, der Mehrheitsgesellschaft ihre Haltung verständlich zu vermitteln.
Die eigene Verteidigung eines politischen Systems, das immer mehr "Abgehängte" hervorbringt, wird jedoch (bisher?) nicht hinterfragt.
Gutmensch, besorgter Bürger, Abgehängter oder Elite: Mit wem möchtest Du Dich solidarisieren, wessen Anliegen möchtst Du vertreten für eine bessere Gesellschaft? Kann man gleichzeitig Gutmensch und besorgter Bürger sein? Gibt es unter den "Abgehängten" Menschen, die in einer anderen Gesellschaft das Zeug hätten, zur "Elite" zu gehören?
Im 2. Teil der „Spaltungssprache für Fortgeschrittene“ werden wir uns mit den Begriffen „Lügenpresse“, „Globalisierung“ und „Populismus“ beschäftigen.
03:58 12.11.2016
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Geschrieben von

SchreiberinB

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