Verschwörungstheoretiker entlarvt

Neue Entdeckungen Wie man den Verschwörungstheoretikern auf die Schliche kommt
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Verschwörungstheoretiker entlarvt

Ich denke nicht besonders gerne an meine Schulzeit zurück, aber vielleicht war sie doch noch nicht so stressig, wie es heute an höheren Schulen zugeht. Ich war auf einem humanistischen Gymnasium, noch vor der Zeit der reformierten Oberstufe. Bisher dachte ich, es sei im Großen und Ganzen eine erträgliche Sache gewesen, bis mir in den letzten Jahren etwas auffiel, das ich kaum für möglich gehalten hätte.

Ein, wenn nicht das Thema, das die Welt in den letzten Jahren immer wieder aufregt, ist das Thema „Verschwörungstheorie“. Meins ist es nicht – oder doch? Im Rückblick auf meine Schulzeit entdeckte sich mir Folgendes unter neuen Aspekten: Schon in der sechsten Klasse informierte uns unser Englischlehrer über den Umsturzversuch des Guy Fawkes und prägte uns folgenden Satz ein: „Remember, remember, the fifth of November. Gunpowder treason and plot.“ „Plot“ heißt Verschwörung!!! Ob im Jahr 1605 tatsächlich eine Verschwörung stattgefunden hat, weiß ich nicht, ich war nicht dabei. Aber offensichtlich glaubten es Historiker, die darüber schrieben, und unser Englischlehrer glaubte es auch. War er ein Verschwörungstheoretiker?

In der 12. Klasse lasen wir im Lateinunterricht die Schrift „De conjuratione Catilinae“ des römischen Historikers Sallust. „Conjuratio“ heißt Verschwörung!!! Ob zu jener Zeit tatsächlich eine Verschwörung stattgefunden hat, weiß ich nicht, denn auch hier war ich nicht dabei. Aber offensichtlich glauben es eine ganze Menge Leute, sogar Studierte, ebenso unser Lateinlehrer, denn er hat sich in keiner Weise skeptisch dazu geäußert. War also auch er evtl. ein Verschwörungstheoretiker?

Im Geschichtsunterricht erfuhren wir, dass Julius Cäsar Opfer einer Verschwörung wurde und dass sich in der römischen Kaiserzeit die Verschwörungen auf höchster Ebene mehrten. Ich habe es damals naiv geglaubt. Ob ich es weiterhin glauben soll, weiß ich nicht, aber eines weiß ich ziemlich sicher: Auch unser Geschichtslehrer muss ein Verschwörungstheoretiker gewesen sein.

Nun aber fort von der Schule. Ich interessiere mich für Malerei und mag besonders viele Holländer – Rembrandt, Vermeer, Van Gogh – aber erst kürzlich habe ich entdeckt, dass ich auch hier auf unsicherem Terrain gehe. Ein berühmtes Gemälde von Rembrandt heißt „Die Verschwörung der Bataver unter Claudius Civilis“. Das Bild ist dunkel gehalten und die sich verschwörenden Personen sind von unten mit fahlem, unheimlich wirkendem Licht nur teilweise erhellt. – schaurig. Ist nun diese ganze Geschichte, auf der das Bild beruht, evtl. ein Lügenstück und kann denn Rembrandt selber ein Verschwörungstheoretiker sein, wenn er so etwas darstellt? Ich schließe es nicht aus, aber es schockt mich.

Gewisse Interessen sind von der Schule doch geblieben; ich liebe die deutschen Klassiker immer noch – beziehungsweise ich liebte sie bis vor kurzem. Um Goethe wieder etwas näherzukommen, las ich verschiedene mir noch unbekannte Dramen, unter anderem „Die natürliche Tochter“. Und worum geht es in diesem Stück? Ich mag es kaum sagen: Es geht um eine Verschwörung. Hier wird zwar mehr geredet als gehandelt, was manchmal ein bisschen langatmig wirkt, aber über den Inhalt gibt es keinen Zweifel. Ich zweifle nun aber an Goethe. War auch er ein Verschwörungstheoretiker? Kaum zu glauben, aber nicht völlig von der Hand zu weisen.

Und wie sieht es mit Friedrich Schiller aus, Goethes Bruder im Geiste? Als ich den Don Karlos las, wurde mir schon ganz schummerig, aber als ich dann noch in Rüdiger Safranskis Schiller-Biografie den Hinweis fand, dass nahezu alle Werke Schillers von Verschwörungen handeln, fiel mir die Kinnlade herunter. Schiller – ein Verschwörungstheoretiker durch und durch? Und Rüdiger Safranski, dieser geniale Biograf und Interpret mitteleuropäischen Geisteslebens, ohne Distanz zu diesen Dingen, also auch ein Verschwörungstheoretiker? Donnerschlag!!! Das ist mir doch ein bisschen zu viel.

Was ich hier angeführt habe, deutet in wenigen Beispielen darauf hin, dass die gesamte Geschichte, die Bildungs-, Literatur-und Kunstwelt mehr oder weniger komplett von Verschwörungen bzw. Verschwörungstheorien durchzogen sind. Kaum zu glauben, aber wahr? Ich halte mich bedeckt und lasse es mir offen, aber wie auch immer, das sagt noch nichts über die Gegenwart aus. Es gibt ja die Meinung, auch das gesamte Dritte Reich, die Naziherrschaft, sei eine einzige große Verschwörung gewesen. Nun gut, den Nazis mag man das anhängen, das soll mir egal sein. Aber das Gute daran ist, dass eine Verschwörung in diesem Ausmaß nicht wiederholt werden kann und dass man deshalb durchaus davon ausgehen kann, dass sich mit dem Ende der Naziverschwörung auch ein Ende jeglichen Sich-Verschwörens eingestellt hat. Seien alle früheren Ereignisse in dieser Hinsicht nun real oder ersponnen - es gibt ganz sicher diesen Punkt in der Geschichte, an dem alle Verschwörungen ein für allemal an ein Ende gekommen sind. Und gerade an dem Mangel dieser Einsicht kranken alle modernen Verschwörungstheorien nach 1945. Man meint, wenn es früher Verschwörungen gegeben habe, was ja aus heutiger Sicht schon äußerst zweifelhaft ist, müsse es auch immer weiter Verschwörungen geben. Ein Denkfehler par excellence! Aber lassen wir uns dadurch nicht verwirren. Wir wissen es besser und können das alles mir einer gewissen Abgeklärtheit betrachten und nun auch unsere Schulzeit in Ruhe vergangen sein lassen - auch wenn sie mit einigen Verirrungen belastet gewesen sein mag.

17:58 15.05.2016
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Geschrieben von

Brendan

"Wort ist Währung. Je wahrer, desto härter" (Reiner Kunze)
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