Brett

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RE: Trau keinem über 20 | 28.03.2018 | 18:46

Es gibt bei solchen politischen Ereignissen immer dreierlei: Anlass, Thema und Trend. Der Anlass wird schon deshalb nicht so schnell vergessen, weil er wiederkehrt. Das Thema bleibt aktuell, weil die Waffenlobby eine mächtige Krake ist, seltsamerweise scheint sie ähnlich stark zu sein wie die Energie-Lobby, obwohl wirtschaftlich nahezu unbedeutend. Wirklich interessant ist der Haupttrend, die Unterströmung. Die geht gegen die von Lobbyisten gekaperte Demokratie, gegen den Trumpismus, für die Selbstverständlichkeit der Diversität. Dabei wurde auch wieder das Mobilisierungspotenzial einer maximal vernetzten Generation deutlich - über 800 zeitgleiche Demos. Trump liefert das Erregunsmaterial, fast wie einst der Vietnam-Krieg. Ich würde das nicht unterschätzen, was hier an frischer politischer Grundierung sichtbar geworden ist. Selbst wenn es jetzt 12 Monate lang wieder stiller würde, kann da jederzeit ein heißer Sommer 2019 draus werden. Interessant auch die neuartigen politischen Rollenvorbilder, die die Jugendlichen binnen Wochen aus sich heraus gefunden haben, so wie Cohn-Bendit, Dutschke, Krawehl oder wie sie hießen zu Rollenvorbildern wurden (vielleicht sogar ohne sich dessen bewusst zu sein oder das zu wollen). Im Vergleich steckt da kein theoretischer Bombast drin, dafür mehr konkreter emotionaler Antrieb und mehr politische "Masse" drin. Auf keinen Fall würde ich glauben, dass es nur die Waffengesetze sind, um die es hier ging. Das war schon in einigen der Reden herauszuhören, dass viele dieser Jugendlichen eine gerechtere Gesellschaft auf dem Zettel haben. Konkrete Handelsaufforderung war "register & vote".

RE: Das wahre Problem von Volker Beck | 04.03.2016 | 01:51

Der Satz ist hübsch: "Die Kritik an Beck ist nämlich völlig unbegründet." Komplett grundlos. Klar. Das gehört in die Rubrik, man kann jeden Unsinn plausibel behaupten, man muss es nur irgendwie geschickt mit den Worten anstellen. Es gibt offensichtlich einige Kritikpunkte, und die haben nichts mit moralisch aufgeblasenen Backen zu tun. Beispielsweise Erpressbarkeit. An dem Punkt ist nämlich ein Abgeordneter nicht ein Irgendwer. Es ist ein Verstoß gegen die Verantwortlichkeit, die man mit dem Amt auf sich genommen hat. Dafür wird man auch nicht so schlecht bezahlt als Abgeordneter. Wenn außerdem Crystal im Spiel gewesen ist, ergeben sich noch andere eher sachliche Kritikpunkte. Ansonsten ist nur eins richtig: Es gibt keinen Anlass zu Häme, Verachtung oder Verteufelung. Sogar aus dem Kanzleramt kam Achtung und Mitleid. Beck war ja auch noch so klar im Kopf, dass er für sich selbst die Konsequenz gezogen hat, bevor der "Skandal" überhaupt so richtig einer wurde.

Alle diese Freund-/Feind-Argumentationen sind lächerlich. Es gibt Gründe für Kritik-Beck selbst kennt sie offenbar sehr gut.

RE: Weil es gerecht ist, verdammt | 08.06.2015 | 13:03

"Sie direkt aus der Nazi-Zeit übernommene irrationale Angst" finde ich jetzt nicht nachvollziehbar und ein bisschen sehr weiträumig konstruiert. Wenn ich an die Massenproteste in Frankreich gegen die Homsexuelle Ehen denke, steht doch D. als geradezu aufgeklärt da. Ganz zu schweigen von dem ehedem Anti-Nazi-Land im Osten, wo ja die Homophobie nicht nur versteckt wirkt, sondern geradezu populär ist und man schon von einer weiterhin bestehenden staatlichen Verfügung der Homosexuellen reden muss.

Ist aber eigentlich auch Wurscht wie Jacke, weil wir es mit einem ziemlich mächtigen Langzeit-Trend zu tun haben, der die alten Definitionen in circa 5 bis 15 Jahren ohnehin irgendwie plattrollt. Dass das keine Folgen haben wird, halte ich für eine unwahrscheinliche Annahme. Die Eheprivilegien werden parallel zurückgeschraubt, das steht ja eigentlich auch schon an, aber wie macht man das? Man muss ja schon die erwünschten Effekte irgendwie retten.

Logischerweise geht dieser Wandel nicht ohne heftige Kämpfe und Talkshow-Scharmützel ab, schließlich stehen da unterschiedliche Interessen gegeneinander. Beim Vergleichen mit anderen Ländern müsste man übrigens prüfen, wie tief die Eheprivilegien in die Sozialgesetzgebung eingebaut sind.

RE: Weil es gerecht ist, verdammt | 07.06.2015 | 11:20

"Die Beschwörung vermeintlich schlimmer Folgen" ist überhaupt gängige rhetorische Praxis, auch in der Mitte, und links natürlich auch schon oft praktiziert. Das ist daher kein Argument. Ein Argument entsteht hier nur, wenn man überlegt, was die Folgen sind und welche es wahrscheinlich nicht sind. Ich vermute auch, dass K.-K. in die Übertreibungskiste gegriffen hat. Ihr Appell, sich aber über die Folgen einer "Umdefinition" des Ehebegriffs klar zu werden, ist nicht verkehrt. Aktuell geht der Trend bei der Mehrheit der Bevölkerung dahin (aus vielen Gründen), zu sagen: Warum soll nicht jeder die "ehelichen Rechte und Pflchten" auf sich nehmen dürfen, deren Liebe so groß ist, dass die zwei (oder mehr) Personen dies auf sich nehmen möchten?! Die Ehe wird also mit dem Grund verbunden, während der Staat bisher die ganze Litanei der sozialpolitischen Bevorzugung an den "Zweck" knüpfte.

Dabei wird schon lange hingenommen, dass der "Zweck" gar nicht mehr so sehr von der Ehe erreicht wird u nd dass andererseits in einer größeren Zahl von Fällen, als es ausmachen würde, wenn alle Gleichgeschechtlichen in D heiraten würden, dass also sowieso schon in einer viel größeren Zahl von Fällen "Ehe-Subvention" eingestrichen wird, ohne dass die Ehen die entsprechende gewünschte "Gegenleistung" aufbringen.

Vermutlich arbeiten in der Debatte verschiedene Parteien mit unsauberen Argumenten. Bei jemandem wie K.-K. vermengen sich vermutlich konservative Gedanken mit sozialpolitischen Überlegungen um die Knete. Auf der anderen Seite wird mit "Liebe" argumentiert, wo es nicht zuletzt um Penunze geht ("wollen die gleichen Vorteile haben"). Ich wäre dafür, die Sache rein sozialpolitisch zu diskutieren - das ganze Thema "Ehe, Familie, Kinder, Bildung" hat heute die psychische und soziale Groß-Krise am Hals, die es vermutlich schon immer hatte, die aber durch "Werte" verdeckt wurde. Der Witz is ja der, dass die überförderten Familien noch nicht einmal eine Garantie darstellen für das Gelingen des Dauerprojekts "Fortbestand der Gesellschaft". Die Familie ist als Privatbereich ist ja eher ein Garant für das Pepetuum Mobile der Neurosen und psychischen Zerstörungen. Aber wie man daran, da hinein kommen? Wäre vielleicht schon einiges möglich, aber das kostet Billionen.

RE: Weil es gerecht ist, verdammt | 06.06.2015 | 09:22

Es ist bei den Äußerungen von Kramp-Karrenbauer natürlich extrem einfach, empört zu sein, zumal wenn man sowieso andere Interessen hat. Es ist aber vermutlich, wieso so oft, ein Fehler, wenn man seine Argumentation auf dem maximnal möglichen Missverständnis aufbaut, statt die Überlegung zu erkennen, die jemand tatsächlich anstellt. Kramp-Karrenbauer sagt vor allem eins: Man müsse sich über die Folgen klar sein. Folgen können viele sein, aber eine Politikerin, zumal aus dem Saarland, denkt natürlich immer nur in eine Richtung: die finanziellen Folgen.

Dieses Problem ist nicht trivial und hat mit "Weltbild" und Gefühlsästhetik nichts zu tun.

Wenn man die soziapolitische Definition der Ehe aufgibt zugunsten einer "gefühlsorientierten" Definition, dann würde das über kurz oder lang eben das Ende der Ehe als sozialpolitisches Instrument nach sich ziehen.

Bislang sind Ehe und Familie der zentralste Ansatz für fast die gesamte Sozialpolitik. Da hängt so viel dran - von den Privilegien bei der Krankenverischerung bis zu den Renten u nd Nachlassregelungen, privat zu tragende Unterhaltspflichten (kann sein, man muss seine Eltern unterstützen, die einen als Kind geschlagen und verstoßen haben). Das Ehegattensplitting ist da noch beinahe das Wenigste.

Der Gedanke hinter einer Subventionierung war und ist immer die Förderung bestimmter gesellschaftlicher Zwecke - z.B. die Aufzucht von künftigen Rentenzahlern, die ja wiederum in einem umlagenfinanzierten Rentensystem für alle wichtig sind.

Förderung von bestimmten Zwecken diskriminiert logischerweise immer andere Zwecke als zweitrangig oder weniger förderwürdig - deshalb ist das Lamento über "Ungerechtigkeit" solange nur ein Schmollen, wie nicht gesagt wird, warum es zweckmäßig ist, die Förderung auszudehnen.

Das Problem an der ganzen Debatte ist aber möglicherweise ein anderes. Deutschland kann nicht so leicht wie einige andere Länder Eheverhältnisse für sämtlichen denkbaren Liebesverhältnisse einräumen, weil die Ehe über Jahrzehnte sozialpolitisch überprivilegiert wurde. Dies gilt - da müsste die Redaktion einmal gestandene Kenner der Materie heranlassen - ganz besonders stark für die Beamtenschaft mit ihrem Beihilfesystem, ferner für das Rentensystem sowie für wer weiß wie viele andere Bausteine, bei denen es Zeit wäre, die Förderung der Ehe zurückzuschrauben (DIsclaimer: Ich bin verheiratet mit einer Beamtin ; ) ).

Es gibt jetzt, überspitzt eingeteilt, zwei langfristige Wege für die Sozialpolitik: Entweder die Ehe-Privilegien werden weiterhin von der Förderung der Familien her gedacht - das wäre die Linie von Kramp-Karrenbauer, und die hat immerhin den Vorzug, dass sie die einfachste Lösung wäre, um das gegenwärtige sozialpolitische Gesetzgebungsgeflecht aufrecht erhalten zu können.

Der zweite Weg wäre, die Zwecke der Förderung ausschließlich vom eigentlich Sinn her zu denken, also von den Kindern her. Die Ehe als solche kann dann jeder haben, wie er will und eine Beamtin kann dann auch gerne 5 Witwer und Witwen gleichzeitig hinterlassen, aber sozialpolitisch würde die Ehe quasi abgeschafft und bräuchte dann auch nicht mehr auf dem Standsamt dokumentiert werden - kann jeder nach seinem Ritus "abschließen", wo und wie es gerade zwei oder mehr Leute wollen ("Privatisierung der Ehe" würde schöne Geschäftsmodelle ermöglichen ... und das Scheidungs-Tra-ra gibt es auch nicht mehr). Eine Heirat würde dann keinerlei automatische "Mitversicherung" mehr bedeuten, sondern nur da, wo Kinder einen Konnex zwischen 2 Menschen herstellen, kommt es zu Förderung und Subvention von Lebensgemeinschaften (ziemlich radikale Variante, aber in diese Richtung müsste sich dann das Sozialsystem weiterentwickeln).

Die Argumentation von K-K. war entweder fahrlässig formuliert (machen wir alle mal) oder bewusst rhetorisch gedreht. Auch gängige Praxis, dass man per absurder Überdehnung ("Dann könnte da ja jeder kommen") ein Anliegen abzuschmttern versucht. Allein mit dem Ruf nach Gerechtigkeit zu antworten, finde ich verständlich und auch legitim - die "Ungerechtigkeit" besteht ja wirklich, es ist aber leider etwas zu kurz gedacht.

Realistisch betrachtet ist die Ehe als Ankerpunkt der Sozialpolitik ein Auslaufmodell. Die Bevorteilung muss sich angesicht von immer mehr zebrbrochenen Ehen einerseits, immer mehr kinderlosen Ehen andererseits und dank der kaum zu verhindernden Ausweitung der Ehedefinition über kurz oder lang in wenig bis nichts auflösen.

Es wäre nämlich zutiefst ungerecht, wenn die Ungeliebten den Glücklichen noch ihr Glück finanzieren sollten, oder nicht?

Vermutlich muss die ganze Sozialpolitik also radikal und möglichst zügig auf das Thema "Kinder" umgestellt werden. Ansätze gab es schon dazu in jüngster Zeit ("Mütterrente"). Eventuell kriegen wir auch mehr Bürokratie, weil die Förderung eben nicht mehr pauschal an einen einzigen Schein geknüpft werden kann, sondern nur noch an das, was real in einer Beziehung für "den Fortbestand der Gesellschaft" getan wird.

RE: Ceci n’est pas un livre | 11.08.2014 | 20:08

Der Artikel wird etwas ungerecht, teils auch borniert kommentiert, scheint mir. Augenscheinlich sind die sogenannten "Vorteile" oder "Nachteile" von Papier vs. Screen für die Position von Frohmann irrelevant. Stattdessen geht es doch um die Frage, ob das Scheiben für den Screen neue Textsorten jenseits des klassischen Werkbegriffs möglich macht. Das kann man immerhin fragen oder - wie Christiane Frohmann - auch schon mal emphatisch vorauseilend rühmen. Doch bevor man nicht einen dieser neuen Textsorten gelesen hat, braucht man eigentlich nicht so laut über den Artikel herfallen.

Vielleicht kommt man ja der Sachlage näher, wenn man fragt, was denn vorzeiten ein Buch war und was wir bis heute mit dem Begriff verbinden. Ein Buch war ja von Anfang nicht nur ein schwerer Klotz Papier, sondern die "auf ewig" dokumentierte Anstrengungsbereitschaft eines Autors. Die Wertanmutung eines Buchs, das ehrfürchtige Erstarren, wenn einer sagt, er schriebe gerade an einem Buch, das rührt doch daher, dass ein Buch ursprünglich eine immens wertvolle Arbeit enthielt, fast analog zu einem Kunstwerk, meist die Summe einer jahrelangen Anstrengung. Das Vorbild war das Buch der Bücher - der Autor studierte, sammelte, grübelte, formulierte, verbesserte, warf um und verbesserte weiter, ließ Probe lesen etc. "Geistige Arbeit" war das Innenleben des Buchs, der Druck eine Aufbewahrungsmethode daür. Und die Leser waren sich dessen bewusst! Sie lasen Wort für Wort, zum wiederholten Male, sehr exegetisch, machten sich manche Bücher zu "Lebensbegleitern".

Das alles ist zwar schon lange nicht mehr die Norm, sondern die sterbende Nische, trotzdem kommt jedes "Buch" und selbst der letzte Genre-Durchfall noch mit dem alten Heiligenschein daher - "seht her, ich bin ein Buch!"

Dem Screen muss man nun immerhin zugute halten, den Texten nur noch so viel Heiligenschein zu lassen, wie sie tatsächlich Qualität haben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Goethe oder Seneca leiden nicht die Bohne, wenn ich sie auf dem Screen lese. Es tut wirklich nicht weh. Dieses ganze Heftchenroman-Unwesen dagegen, das neuerdings als "Buch" bei Amazon zu großen Bestseller-Ehren aufläuft, eben das ist auf dem Screen tatsächlich kein Buch mehr, sondern nur noch der Textmüll, der es eben ist. (Da habe ich neulich in schlafloser Nacht den Bericht einer Indonesienreise als "E-Book" heruntergeladen, das war so unsagbar blöd und nichtssagend, dass es eigentlich einen Betrugsfall darstellte, mit einem Software-Sachbuch ist mir Ähnliches auch schon mal passiert.)

An die Textsorten, die bewusst mit den Möglichkeiten der Elektronifizierung arbeiten, würde ich aber eben an dem Punkt die gleiche Qualitätsforderungen stellen, wie an die Texte, die nicht nur als Buch erscheinen, sondern tatsächlich ein Buch sind - also die gewisse Anstrengungsbereitschaft der Autorin/des Autors in den Punkten Konzeption und Genauigkeit im Detail und den Gedanken erleben lassen. Und da beschleicht mich natürlich schon der Verdacht, dass die "Offenheit" und jederzeitige Änderbarkeit zu Übereilung und Faulheit verführen _kann_, also zu Texten minderer Qualität, aber in höherer Zahl. Ist das nicht auch der Trend, der sich deutlich bei Amazon manifestiert?

Ein anderer Punkt: Ob die textinternen Sprünge vor und zurück "ganz einfach durch Verlinkungen" dem guten alten Vor- und Zurückblättern überlegen sind, glaube ich nicht, und zwar weil man im "strömenden", seitenzahllosen Text schlecht die Orientierung behält. Das wäre eine Frage der Darstellung - kein Zweifel, das Papier bietet einem Autor da bislang mehr Möglichkeiten.

Was hätten Arno Schmidt, Joyce, Cummings heute getan? Was Gomringer, Jandl, Bense und wie sie alle hießen? Christiane Frohmann schreibt hier ja kein Plädoyer für irgendwelche praktischen Lesegeräte, sondern für die (eventuellen) avantagardistischen Möglichkeiten des elektronischen Textens und Lesens. Sicherlich "geht da noch was". Und da treffen sich dann vielleicht die ältesten Traditionslinien doch wieder mit den jüngsten Neuerungen, aber eben nur dann, wenn die "Bücherschreiber" diese good old fashioned, buchtypische Manie mitbringen, sich auch gerade an dem festzuhaken, was tausend anderen zu schwierig wäre zu formulieren. Von den Schreibern, die sich nun plözlich zum Schreiben berufen fühlen, weil das alles "heute" so wunderbar leicht und locker geht und der Weg zum eigenen "Buch" von keinen Gatekeepern mehr verstellt ist, von denen würde ich da allerdings nicht viel erwarten, schon gar nichts Revolutionäres, höchstens so ein Next-Tralala, wie es dieser "Professor für Texttheorie und Textgestaltung" aus Berlin immer gerne mal verkündet. W enn das "Nächste" nicht besser ist, als das, was wir hatten, dann ist es höchstens die nächste Stufe abwärts zur geistigen Verbilligung, mehr nicht.

RE: „Wir sind Abhängige“ | 01.05.2014 | 11:57

"Wenn auch nur ein kleiner Teil, sagen wir mal 15 Prozent der Netznutzer... ihre Daten wirkungsvoll sichern" - der Punkt ist tatsächlich mindestens so zentral wie gesetzliche Offensiven, vielleicht sogar wichtiger. Big Surveillance ist ja angelegt auf Lückenlosigkeit und Komplettheit. Es geht ja nicht darum, "Massen" zu überwachen, sondern in den Massen die Wenigen herauszufinden, neben Planern von Gewalttaten natürlich auch Opponenten uoder wer auch immer gerade im politischen Raum aus dem Verkehr gezogen werden soll. Sobald es in der Überwachung massive Lücken gibt und "Untertauchen" und Täuschen Option sind, wird das System ineffektiv und ineffizient. Das ist ja der Grund, warum Snowdon als "Verräter" gilt und er vor einigen Monaten schon gesagt hat, er habe ja im Grunde schon gewonnen. Das ist auch der Grund, warum der E-Mail-Anbieter, den Snowdon genutzt hatte, als erstes ausgestellt wurde. Dabei fürchtet die NSA natürlich nicht so sehr, dass sie jemanden nicht kriegen - ihre größte Sorge sowie die ihrer Technlogie-Provider ist, dass sie dann auch kein Geld mehr kriegen. Ich würde mir von daher vom "FREITAG" und CCC dringend wünschen, regelmäßig über die Geheimhaltungstechnlogien informiert zu werden, an denen jetzt überall gearbeitet wird, insbesondere was von den Angeboten zu halten ist, ob Verschlüsselungen, Threema, Zenmate oder Smartphones, mit einschränkbarer Ortsverfolgung etc.

RE: Der Dschungel frisst die Gesellschaft | 29.01.2013 | 17:42

Wenn Promis erniedrigt werden, das hätte ja beinahe etwas Preiswürdiges ;)

Was nach meiner zugegebenermaßen äußerst spärlichen Kenntnis im Djungel stattfindet, ist eine allseitige und bewusst angestrebte Vera...ung von Schauspielern und Publikum zugunsten des Produktionsgeldes, dass sich verzinsen soll. Es ist ja bei Unterhaltungssendungen generell heikel, Maßstäbe zu definieren, die mit der "Würde" des Grimme-Preises übereinstimmen und andererseits diesen Sendungen gerecht werden, bei denen von vornherein alle Maßstäbe auf die Höhe der Teppichkante heruntergesetzt wurden - "we are just entertainers". Es wird also sowieso nur nach der schönsten hohlen Luft gesucht.

In diesem Fall ist allerdings mit den Händen zugreifen, dass Sekunde für Sekunde nichts anderes stattfindet als das, was die Zielgruppen für die Werbung am Glotzen hält. Das ist eine hochgradig kalkulierte Infamie mit doppeltem Boden und per se nicht nominierungsfähig, ich glaube, da haben Sie recht.

Wie auch immer, aber interessant ist schon, dass es da eine Jury gibt, in der die kritischen Juroren zur kritischen Perspektive nicht mehr fähig sind - leben im Zeitalter der Affirmation von allem, was erfolgreich und prominent ist, egal ob es ansonsten grauenvoll ist. Aber wenn das so ist, dann kann man ja Bambi, Goldene Kamera und Grimme-Preis bald zusammenlegen und an einem Abend stattfinden lassen. Wäre vielleicht sowieso besser so.

RE: Der Gast als Problem der Talkshow | 31.03.2012 | 23:16

Interessante Überlegungen zur Psychologie der Talkshow als Podiumsgespräch. Vielleicht zur Ergänzung zwei Aspekte: Für den "Wirt" gibt es verschiedene Typologien. Der Klassiker ist der recherchierend Fragende, z.B. Gauss - der Host als Journalist. Dann gibt es den moderierend Fragenden, der inzwischen arg verbreitet ist, Jauch, Kerner usw- usf., der Typus des Einfühlsamen, der Gästen die Bühne frei macht. Ein dritter Typus ist neu, da macht sich der Fragende selbst zur wichtigsten Gestalt, man könnte sagen "Raab und die Folgen", aber auch Gottschalk gehörte schon zu diesem Typus - die Interviewten sind das Futter für die Show des TV-Stars.
Der zweite Aspekt ist: Egal welcher Typus, der Host muss wie ein Schiedsrichter letztlich unantastbar sein, er muss der Sieger sein, sonst wird er entlassen. Das ist der Grund, warum das konfrontative Interview um mehrere Stufen schwieriger ist als das Gespräch á la "Wie fühlten Sie sich da ...?" oder "Was machen Sie morgens nach dem Aufstehen als Erstes?" Tralala kann jeder, kritische Fragen führen in eine Streitsituation und erfordern daher hohe Themenkompetenz und enorme Geistesgegenwart. Daher beinhalten kritische Fragen auch eine Selbstgefährdung des Fragenden - wenn er Pech hat, geht er als kleinlauter Verlierer vom Platz. Daher für solche Gesprächsformen ja auch gerne zwei Frager genommen werden - die können sich gegenseitig Flankenschutz geben und sind sozusagen in der Übermacht, was gegenüber rhetorisch hoch begabten Politikern aber vielleicht nur ein fairer Machtausgleich ist.
Ich habe die konkrete Sendungen gar nicht gesehen, aber allein die Tatsache des Nachgesprächs zeigt natürlich, wie prekär eine Talkshow für die gastgebende Mannschaft sein kann, wenn sie an sich selbst hohe Maßstäbe legt.

RE: Mitten in der Schneekugel | 12.01.2012 | 22:13

Danke, gedanklich sehr anregend. Der Skandal - und ein solcher ist es durchaus, wenn Ministerpräsidenten so eng mit Lobbyisten kungeln und herumfreundeln - wurde im Springer Verlag gescriptet. Ich habe es nur bei Welt online verfolgt. Man spürte Tag für Tag, dass da nicht nur ein Journalist schreibt, sondern ein Kämpfer planmäßig von der Chefredaktion ins Feld geführt wurde. Ich sehe allerdings noch weitere Fragen, die hier völlig ungeklärt sind: Was bedeutet es eigentlich, wenn einer der Top-Politiker "droht" (eigentlich nur: feststellt), es käme zum "endgültigen Bruch" zwischen ihm und dem Springerverlag, wenn dieses oder jenes berichtet wird? Brechen können ja nur gute Verbindungen. Eine andere Frage: Springer hat sich ja hier nicht nur als Enthüller eines "Skandal" inszeniert, sondern augenscheinlich regelrecht ein Kampagnenziel verfolgt (und verfolgt es noch), nämlich den Rücktritt Wulffs. Es ging nie primär um genauere Aufklärung, sondern um "fertigmachen". Aufklärung scheint da nur ein Vehikel zu sein, um einen anderen Buprä zu bekommen. Das ist von der Qualität her ein ganz anderes Ziel als "Auflage steigern". Und muss die Frage nach der tatsächlichen Intention hervorrufen. Es gibt da etliche Fragen, die man an Springer stellen muss: Wann und wie oft habt ihr in der Vergangenheit Stories unterdrückt oder heruntergespielt, nachdem einer eurer politischen Freunde euch darum gebeten hat? Das war und ist doch immer noch die Regel. Als ob Friede Springers Freundin Angela sich jetzt auf einmal vor Springer fürchten müsste ... Die Vorteilsnahmen und Unwahrheiten des Ministerpräsidenten Wulff sind die eine Seite des Skandals - die Unwahrheiten des Springerverlags und seine Verstöße gegen guten Journalismus bleiben wieder einmal die andere Seite. Zu viel dramaturgische Kunstfertigkeit macht dann eben auch misstrauisch.