Leere Symbolik bringt uns nichts

LGBTQ+ Politik Regenbogenfahnen, Solidaritätsbekundungen und vor allem eine gute Portion Selbstgerechtigkeit. Die Regierung kümmert sich in erster Linie um ihr eigenes Image.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn man sich die öffentlichen Mitteilungen der Regierungsparteien anschaut, könnte man meinen, dass in Deutschland paradiesische Zustände für Mitglieder:innen der LGBTQ+ Community herrschen. Da sind Regenbogenfahnen, Solidaritätsbekundungen und – vor allem – eine gute Portion Selbstgerechtigkeit. Das Problem: Worte und Taten passen nicht zueinander.

Keiner Segnung würdig

Vor wenigen Wochen gab es eine Welle der Empörung über eine Äußerung des Vatikans, nach der die katholische Kirche homosexuellen Paaren eine Segnung verweigern sollte. Das ist interessant, weil die Kirche beispielsweise auch Tore segnet (die offenbar den Willen Gottes verkörpern?). Diese Erklärung zielt schlicht und einfach auf die Ausgrenzung bestimmten Personengruppen ab. Auf die Ausgrenzung von gleichgeschlechtlichen Paaren, um etwas präziser zu sein. Die Antwort der Regierung darauf: Naja, ist halt so. Werdet ihr halt nicht gesegnet, euer Problem.

Neben den Befürwortern dieser Regel gab es aber glücklicherweise auch viele, die sich dem widersetzten. Der Pfarrer Carsten Leinhäuser sagte dazu: „Menschen, die sich lieben, nicht zu segnen, ist eine Frechheit. Und es ist verletzend.“ Genau so und nicht anders.

Der katholische Freifahrtschein

Dass die seit sechzehn Jahren von CDU und CSU angeführte Regierung nicht willig ist, dem Treiben der Kirche mal etwas Konkretes, etwas Unmissverständliches entgegenzusetzen – geschenkt. Ganz egal, ob es dabei um sexuellen Missbrauch, um Vertuschung oder um Ausgrenzung von Minderheiten geht. Hier und da wird mal ein lauwarmes Wort der Empörung geäußert und zusammen mit den klassischen Untätigkeitsfloskeln wie „das kann nicht akzeptiert werden“ und „wir fordern eine umfassende Aufklärung“ fühlt man sich dann auch der Verantwortung entledigt. Das absolute Mindestmaß wurde erfüllt, das Offensichtliche noch einmal gesagt. Gut gemacht, auf die Schulter geklopft, damit wäre das auch erledigt. Für die Opfer wird dadurch nichts besser.

Verantwortung ist nicht optional

Der Tenor in Gesellschaft und Politik ist immer noch derselbe: Wenn man etwas gegen die Entscheidungen der Kirche habe, dann soll man einfach austreten. Diese Perspektive stört mich, weil sie suggeriert, dass die Kirche nur für ihre eigene Mitgliedschaft zuständig ist und darüber hinaus keine Verantwortung trägt. Dass das eine sehr eigenwillige und relativierende Auffassung ist, verdeutlicht ein Beispiel.

Die Aussagen des ehemaligen DFB-Chefs Fritz Keller halte ich für absolut abstoßend und verurteilungswürdig. Obwohl ich kein Mitglied des DFBs bin und generell absolut gar nichts mit Fußball zutun habe, würde ich mich den Forderungen nach Reformen anschließen. Solche Äußerungen sollten niemanden egal sein. Sie diffamieren einerseits den Adressaten in einem vollkommen unverhältnismäßigen Grad und relativieren gleichzeitig die Verbrechen der Nationalsozialisten. Die Empörung über Keller kommt nicht nur aus den eigenen Reihen. Weil der DFB eine große und öffentlichkeitswirksame Institution mit viel Macht und Einfluss ist, steht außer Frage, dass der Präsident nicht einfach willkürlich Nazi-Vergleiche raushauen kann. Er hat eine Art Vorbildfunktion, die über die Grenzen der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes hinausgeht. Und die Kirche soll diese Verantwortung nicht haben, wenn sie gleichgeschlechtliche Paare de facto als Menschen zweiter Klasse herabstuft?

Show, don’t tell

Wenn man den Tweets von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak oder der SPD Glauben schenkt, dann setzt sich die Bundesregierung mit voller Kraft für sexuelle Minderheiten ein. Dafür muss man nur den Umgang mit der Kirche ausklammern. Und die Tatsache, dass die CDU und CSU über Jahre hinweg die gleichgeschlechtliche Ehe verhindert haben. Und, dass sie am Ende mehrheitlich dagegen gestimmt haben. Und, dass die Große Koalition gerade gegen eine Abschaffung des diskriminierenden Transsexuellengesetz gestimmt haben.
Ist das noch Abstimmungsamnesie oder schon Wahlkampfschizophrenie?

Regenbogenfahnen sind schön und gut, aber sie ersetzen keine Politik, die sich wirklich für diese Menschen einsetzt. Und genau das macht die Regierung nicht. Das Verhältnis der Union zu den Betroffenen schwankt härter als der Bitcoin-Kurs: Die feel-good Symbolik nehmen wir gerne mit, das ist gut für den Wahlkampf. Aber wenn es dann zu den tatsächlichen Entscheidungen kommt, dann stimmen wir doch lieber dagegen. Die SPD ist da nicht viel besser – Ihr guter Wille wirkt zwar etwas authentischer, aber wer soll da applaudieren, wenn man sich am Ende doch wieder dem Koalitionspartner beugt?

Alle lieben bunte Farben

Ich würde mich sogar über eine Regenbogenfahne vor dem Konrad-Adenauer- und dem Willy-Brandt-Haus freuen, wäre da nicht diese auffällige Diskrepanz, die ein bisschen nach Heuchelei riecht, vielleicht aber auch nur der Vorbote dafür ist, dass im September ein neuer Bundestag gewählt wird.

In der Pride Flag hat übrigens jede Farbe eine eigene Bedeutung: Pink steht für Sexualität, Rot für das Leben, Orange für Gesundheit, Gelb für die Sonne, Grün für die Natur, Türkis für die Kunst, Blau für Harmonie und Violett für Spiritualität. Wenn sie heute vor den Parteizentralen der Regierungsparteien weht, dann wirken die Farben eher wie die Signalraketen eines sinkenden Schiffs.

Zuerst erschienen auf browserblatt.de.

Zuerst erschienen auf browserblatt.de.

09:55 28.05.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Browserblatt

Blog über Gesellschaft, Politik, Medien und Literatur. Rechtschreibfehler werden mit voller Absicht gemacht und dienen der allgemeinen Erheiterung.
Browserblatt

Kommentare