Wie viel Sexismus ist normal?

Gleichberechtigung Der koreanische Bestseller „Kim Jiyoung, geboren 1982“ erzählt die Geschichte einer gewöhnlichen Frau und schwankt damit irgendwo zwischen Revolution und Müdigkeit.
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Der weltweite Erfolgsroman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ von Cho Nam-Joo ist eigentlich ziemlich unoriginell, denn er zeigt nichts anderes als den Alltag einer gewöhnlichen Frau. Er liest sich wie eine Zusammenfassung all dessen, was man als Frau entweder selbst erlebt hat oder von den Freundinnen und Bekannten schon gehört hat. Was das Buch ausmacht, ist die gnadenlose Offenlegung der Banalität von alltäglichem Sexismus, den selbst viele Frauen so weit verinnerlicht haben, dass er kaum noch auffällt. Kim Jiyoung ist der Max Mustermann einer Bevölkerungsgruppe, die konstant einer latenten Frauenfeindlichkeit ausgesetzt ist und sich irgendwie damit arrangiert hat.

Betont nüchtern

„Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist ein Mix aus Roman und Sachbuch. Cho Nam-Joo erzählt ohne rhetorische Ausschweifungen, betont nüchtern und dafür mit Fußnoten und Quellenverweisen. Streckenweise reiht sie einfach nur statistische Daten von Diskriminierung auf. In diesen Abschnitten findet man sich als Frau leicht kopfnickend den Beobachtungen zustimmend. Nichtmal großartig erzürnt, nicht unbedingt empört und auch nicht am Rande des Ausrufes, der die Revolution starten soll. Man nickt der geteilten Erfahrung von Sexismus einfach nur zu. Übergriffige Ereignisse der Geschichte werden mit den eigenen Erlebnissen abgeglichen, bei Übereinstimmungen wird ein Häkchen wie bei einer Bucket List gesetzt. Kim Jiyoung arbeitet alle Anmaßungen und Zumutungen ab, dir wir schon längst irgendwo zwischen den belanglosen Aktivitäten des Alltags archiviert haben.

Die Tatsache, dass hochqualifizierte Frauen keine Beförderung bekommen und ihren minderbegabten Kollegen dabei zusehen müssen, wie sie aufsteigen, wird phasenweise so teilnahmslos wiedergegeben wie eine Einkaufsliste. Ziemlich einleuchtend, denn die Geringschätzung von der Cho Nam-Joo in vielen kleinen Facetten berichtet, ist genauso alltäglich wie die Dinge, die auf dieser Einkaufsliste stehen. Auf der deutschen Ausgabe des Buches steht ein sehr passendes Zitat der New Yorker Review of Books, der die Verbreitung des Problems ganz gut verdeutlicht:

Man muss sich die millionenfach verkauften Exemplare dieses Buches als eine Art Mitgliederausweis vorstellen, der die kollektive Erfahrung der Erniedrigung von Frauen belegt.

Es ist wohl einer der trostlosesten Clubs der Welt, in den niemand rein und alle gerne raus würden. Aber wie soll das gehen?

Ohne Anfang und Ende

Wo anfangen in diesem gesellschaftlichen Clusterfuck? Bei der Familie, die subtil darauf drängt, dass die Frau endlich schwanger wird? Bei den Kollegen, die spotten, dass Mütter auf Kosten ihrer Ehemänner faulenzen würden? Bei den Chefs, die lieber Männer als Frauen befördern, selbst dann, wenn sie schlechter qualifiziert sind? Bei dem Unternehmen, dass gegen internen Sexismus und übergriffiges Verhalten nicht vorgeht, sondern sich eher um den eigenen Ruf fürchtet? Oder bei all denen, die meinen, dass Frauen sexuelle Belästigung durch ihr Aussehen, ihre Kleidung oder ihr eigenes Verhalten provozieren würden?

Am Ende von Kim Jiyoung hat man als Frau die Gewissheit, nicht alleine zu sein. Gleichzeitig breitet sich neben dieser Gewissheit aber auch ein Gefühl der Machtlosigkeit aus. Vielleicht ist es doch besser, nur unverheiratete Frauen einzustellen oder dann eben doch Männer. Weniger Arbeitsausfall im Falle einer Schwangerschaft, weniger Kosten und insgesamt mehr Planungssicherheit – ja, klingt plausibel, alles schon gehört. Und wahrscheinlich ist das auch der große Trick, die unerschöpfliche Widerstandsquelle, mit der sich Diskriminierung am Leben erhält: Es ist alles so alltäglich, so normal. Und wer soll sich schon über die Normalität empören?

Rebellieren oder wieder hinlegen?

Vielleicht liegt es auch an der Pandemie-Müdigkeit, aber was die Geschichte von Kim Jiyoung primär hinterlässt, ist eine gewisse Überforderung und die Erkenntnis, von alldem in erster Linie erschöpft zu sein. Anerkennung und Lob all denen, die in diesem Mosaik aus Reißnadeln nicht den Überblick verlieren. Die ganz genau wissen, wo man anfangen soll und an welchen Stellen der Einstich am meisten wehtut. Und die sich von den immer selben Vorurteilen und Relativierungen nicht ermüden lassen. Immerhin: Es werden Fortschritte gemacht. Oft sind politische Bemühungen für Gleichberechtigung zwar scheinheilig und nur sehr halbherzig oder einfach ineffizient, aber es gibt trotzdem Hoffnung. Auch, wenn sie in „Kim Jiyoung, geboren 1982“ nicht vorkommt.

Deutschland ist unterdurchschnittlich

Ja, zwischen Deutschland und Korea muss man unterscheiden. Patriarchale Strukturen sind in Deutschland zwar nicht mehr so stark ausgeprägt wie in vielen Teilen Asiens, allerdings liegt Deutschland im Gender Equality Index der Europäischen Union bei 67.5, während der EU-Durchschnitt bei 67.9 liegt. Also ist die Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit in Deutschland unterdurchschnittlich im EU-Vergleich. Das ist alles andere als vorbildlich. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland europaweit die größte Volkswirtschaft ist und sich gerne als modern und fortschrittlich verkauft, ist es eigentlich nur noch peinlich.

Von einem Kontinent zum nächsten – die Erfahrungen von Frauen wiederholen sich überall, sie sind universell. Sie haben sich hartnäckig in den Alltag eingenistet und dort die Gestalt der Normalität angenommen. Cho Nam-Joo hat sich aber nicht täuschen lassen, hat jedes kleinste Detail beobachtet und herausgearbeitet, sodass für alle eindeutig sichtbar ist, was eigentlich nie verborgen war. Diese tückische Falle der subtilen Wiederholung, die Normalität suggeriert – wenn dieser Mechanismus ausgehebelt ist, wie viel Sexismus wird dann noch normal sein?

Zuerst erschienen auf browserblatt.de.

Zuerst erschienen auf browserblatt.de.

11:48 02.06.2021
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Browserblatt

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