Die Politik schafft es nicht

Bildung und Schule ..
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Wer hat heute bei den unzähligen und pausenlosen Informationen aus dem Netz sowie der Printmedien, die ebenfalls weiter präsent sind, noch Zeit und Geduld, 144 Seiten Essays über die Zukunft von Bildung und Schule oder "selbstbestimmtes Lernen" durchzuackern? Insofern war ich von vornherein durch die Fülle und Vieseitigkeit der Berichte dieses Buches zum Scheitern verurteilt, als ich mich darauf einließ, über das Buch "Modell Autodidakt", herausgegeben von Magdalena Taube und Krystian Woznicki zu schreiben. Der Zwang zur Selektion ist überall gegenwärtig, und längst bestimmt nur noch der Zufall, was hochgespült wird und irgendwo Früchte trägt oder auch nicht.

Einer von den zwanzig Beiträgen, nämlich "Im Twitter-Stream ist kein Platz für Frontalunterricht" von Peter Glaser - Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs (CCC) und Blogger - weist deutlich auf solche strukturellen Veränderungen unserer heutigen Welt durch das Cyberspace hin. Nicht mehr die Schule/Universität wird in Zukunft Grundlage unserer Wissensaneignung und Vermehrung sein, sondern ein soziales Lernen aus der virtuellen Community. Damit entsteht eine neue Freiheit durch zufällige Verknüpfungen von sozialen (virtuellen) Verbindungen.

Das hier besprochene Buch ist das Ergebnis eines Seminars des Internet-Feuilletons "Berliner Gazette" aus dem Jahr 2010. Magdalena Taube und Krystian Woznicki gehören zu den Machern dieser interaktiven Netz-Plattform, die es seit elf Jahren gibt. Sie wurde im vorigen Jahr mit dem alternativen Medienpreis ausgezeichnet.

"Kein Malen nach Zahlen", "Wozu noch Schule", "Kulturtechnik für alle" und "Offline war vorgestern" gliedern die zwanzig Aufsätze/Berichte und Essays, die aus der bunten Teilnehmerschar ausgewählt wurden, überwiegend Lehrende aus dem Hochschulbereich. Aber auch "Autodidakten" aus anderen Feldern unserer Gesellschaft sind dabei: Politiker, Manager, Blogger und Künstler. Durch sie gelangt Salz + Pfeffer in diesen außergewöhnlichen Bildungsdiskurs.

In der Einleitung schreiben die beiden Herausgeber: "... Beim Nachdenken über Bildung wird klar: Die Politik schafft es nicht, über den Tellerrand der Wirtschaft hinauszublicken ...". Sie zeigen die Richtung an, in der hier diskutiert wird. Es wird unter anderem gefragt: "Wie verändert sich das Schreiben (und Veröffentlichen) im Zeitalter der Digitalisierung? Wie verändern sich im Zuge dessen aktive Bürgerschaft und gesellschaftliche Partizipation?"

Die für mich überzeugendsten Antworten darauf gibt die Berliner Künstlerin Susanne Stövhase in ihrem Beitrag "Wozu noch Schule". Sie verweist auf den britischen Autor Ken Robinson, der das "gegenwärtige Bildungssystem komplett in Frage stellt, da es sich nach wie vor an den Produktionsprinzipien des Industriezeitalters orientiert." Menschliche Entwicklung verlaufe weder linear noch standardisiert, sondern organisch und verschieden. Stövhase verweist zudem auf den Hirnforscher Gerald Hüther, der im Übergang von der Ressourcennutzung zur Potenzialentwicklung nicht mehr Wettbewerbsdenken und Egozentrik, sondern Kreativität, Kooperation und soziale Resonanz als Herausforderungen der Zukunft zählt. Weiter heißt es: "... die (Zukunft) lasse sich nicht mehr in gewohnter Weise planen, und was sie uns bringen wird, sei nicht einschätzbar. Die Fähigkeit innerhalb dynamischer Prozesse manövrieren zu können, wird ein wesentlicher Faktor für sie (die Zukunft) sein ..."

Harsche Kritik am Bestehenden System ist auch der Beitrag "Blasse Überväter" der Philosophin Ruth Sonderegger, die zur Zeit an der Akademie der Künste in Wien lehrt.

Ebenfalls kritisch äußerst sich Mark Terkessidis, Migrationsforscher, Redakteur der Zeitschrift Spex sowie Mitglied des antirassistischen Netzwerks kanak attak. Er kritisiert unter dem Titel "Gemeinsame Zukunft" an Deutschland und seinem Bildungssystem, dass man "... primär nicht an Individualität und Differenz interessiert sei, an realen Problemen und pragmatischen Lösungen, sondern an der Allokation von Sicherheit in bestehenden Netzwerken ..."

Und es gehe darum, "... langfristige (Online)-Beziehungen aufzubauen, die auch über die Schnelligkeit à la Twitter hinausgehen ...", fordert der niederländisch-australische Medientheoretiker und Netzkritiker Geert Lovink von der Hogescholl van Amsterdam in "Wir müssen die Uni gemeinsam wachküssen".

In seinem Aufsatz "Schule des Lebens" stellt der in London lebende Schriftsteller und Journalist Alain de Botton plausibel dar, wie an den Universitäten unverändert die "Mathematisierung der Geisteswissenschaft" gepflegt wird und damit zu den Absurditäten der Bildungssysteme führt. Als Antwort gründete er in London 2009 die "School of Life", deren Geist "anarchisch und doch tiefernst" zu verstehen ist.

Fran Illich berichtet aus seiner Zeit als blutjunger Lehrer (21 Jahre) von seinem Unterricht in der mexikanischen Drogenstadt Tijuana. "Wenn die richtigen Lehrer nicht dabei waren, öffneten sich die Kinder und verhielten sich sehr frei."

Für den IT-Experten Wolfgang Neuhaus von der FU Berlin "ist das Internet vor allem ein riesengroßer Spaß" sowie "ein wunderbares Resultat kollektiver Bildung ..."

Nur eine subjektive und zufällige Auswahl aus der Fülle, die Vieles weglassen muss. Sie zeigt aber bereits, wie existenziell hier über eines der wichtigsten Themen unserer Gegenwart diskutiert wurde. Die Zukunft in ihrer umfassendsten Form hat in diesem Seminar und diesem Buch bereits begonnen. Wen dürfte das nicht interessieren? Auf dieser Ebene weisen alle Fakten nach vorn. Der Titel mag selbstgestrickt klingen und vielleicht sogar missverständlich sein. Die Inhalte der Beiträge sind es nicht. Hier reißt die Formulierung "Modell Autodidakt" eine spannende Verheißung auf und ein noch unlösbares Paradoxon entschlüsselt sich.

Modell Autodidakt Herausgegeben von Magdalena Taube und Krystian Woznicki 144 S., broschiert, 12,00 € ISBN 978-3-938714-17-1, Panama Verlag

16:28 14.10.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Brunopolik

Blogger der PolitikerInnen-Worte
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