"Solange man uns noch lässt"

Freiheit der Netze ..
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"Nutzen wir die Freiheit der Netze, solange man uns noch lässt"

Dieser Satz steht im letzten Beitrag eines beinahe unbemerkt erschienenen kleinen, grünen Büchleins. So ganz ohne übliches Cover, nur mit der Aufschrift des Titels "VERNETZT" sowie des Namens des Herausgebers Krystian Woznicki kommt es daher. Angepriesen von der Internet-Zeitschrift "Berliner Gazette", aus deren Projekten es entstanden ist - herausgegeben vom Berliner "Verbrecher Verlag". Alles über den Herausgeber, den Verlag und die Zeitschrift ist bei Google leicht zu erkunden. 45 kurze Berichte aus der "digitalen Bohéme" und vielen anderen Gegenden, eingeteilt in die Kapitel: "Ich bin drin", "Wohnst Du noch - oder lebst Du schon?", "Go spin the globe!" und "Woran denken Sie, wenn Sie telefonieren?" Die 37 Autoren leben in Tokio, New York, Amsterdam, Mexiko-Stadt, Strassburg, die meisten von ihnen jedoch in Berlin. Der Älteste wurde 1940 geboren, der Jüngste erst 1992, viele von ihnen in den 70iger Jahren. Aus der Fülle der Mini-Essays und Kurzberichte können hier nur einige vorgestellt werden.

"Die Reise ins Ich." von Olaf Arndt ist so eine Text-Miniatur. Sie trägt den Untertitel: "Unsichtbare Wirtschaftskriege werden im Körper ausgetragen". Unmöglich, die Komplexität des Inhalts in eine Kurzform zu pressen. Deshalb sei als Beispiel nur der letzte Satz provozierend zitiert. "Ewige Jugend und Unsterblichkeit ist wahrscheinlich, was die meisten in die stählernen Büchsen der Cryonics-Tieffrieranlagen treibt - und damit in ein scientologisches Universum, in dem Marktwirtschaft die Ideen von Kapitalismus und Esoterik glücklich verschmelzen lässt."

Über Spiele im Internet berichtet als 17jähriger Florian Stötzer alias Shikan Bushi. Töten bei "Counterstrike" als Spiel? Gewalt im realen Leben sei nicht sein Ding. Wie auch anderswo regieren hier Clans und Ihre Warelords.

In Anne Schreibers Text "Ich bin ein Medium - Aus dem Leben eines interaktiven Mini-Feuilletons heißt es u.a.: "Die Aufforderung zur Interaktion ist aber nicht frei flottierend. Wie gesagt, ich bin ephemer, aber nicht durchlässig und beliebig osmotisch wie eine Membran. Ich gebe den Plot vor, das Setting. Nicht Rauschen sondern Kuration unter Prämissen ..." Diese Sprache reicht in zukünftige Welten, sie hat verlassen, was noch bis vor kurzem in unseren Kommunikationen bestimmend war.

Was sich in Teenager-Seelen so alles abspielt, erfahren wir von Magdalena Taube in ihrem Beitrag "Meine Fernbeziehung". Es war George Clooney, dem sie in der amerikanischen Krankenhausserie "Emergency Room" verfiel. Sie schwor sich, nie wieder einen Mann so zu lieben wie ihn. Auch hier ein Einblick in die virtuellen Welten, in und mit denen heute Menschen leben.

Übers Rappen in der Multikultigesellschaft von Berlin schreibt 14jährig Paul Thérésin, dessen Mutter Deutsche ist und dessen Vater aus Martinique kommt. "Rhymen ohne Bücher" nennt er seinen Bericht.

Grausige Vergangenheit verknüpft sich mit Gegenwart, wenn man von Hok Dany in "Mahlzeit in Übersee" erfährt, dass er einziger Überlebender seiner unter Pol Pot ermordeten Familie ist. In "Der lange Weg nach Mitte." beschreibt Samy, 1969 in Kambotscha als "Reicher" geboren, jetzt sich in Berlin als Liftboy und Bartender durchschlagend, seinen Lebensweg als den eines Entwurzelten - Heimat in einer heimatlosen Welt suchend

Erschütternd auch der Bericht "Verschenkte Zeit" von Christopher Kaatz über seine Arbeit bei einer Telefongesellschaft. Ohne einen Pfennig Geld flüchtet er mit einem Kollegen bei Nacht und Nebel nach Schlägen ins Gesicht aus dem kriminellen Arbeitsgefängnis, in das er geraten war.

"Ali Babas" heißen die amnestierten Schwerverbrecher in Bagdad, die sich durch Meuchelmord Respekt verschaffen. Über sie und anderes aus dem heißen, von Amerika besetzten Bagdad schreibt Klaas Glenewinkel in "Boom in Bagdad".

Rainer Gamahl, schweizer Künstler in New York lebend, ist ein manischer Sprachfetischist. So liest sich jedenfalls sein kurzer Essay "Das viagraische Vorspiel. Drei Monate, drei Tage die Woche, drei Stunden pro Tag", in dem er über Sprachen, die er sich aneignet, besser noch, anzueignen versucht, sich klar zu werden hofft. Auch hier ein Leben in den Räumen der Kontinente und Kulturen unserer Gegenwart.

"Was nutzt der unmittelbare Charakter des Web 2.0,wenn nichts gesagt wird? Wenn keine realen Gesten gemacht werden und gehandelt wird?" So heißt es u.a. bei Fran Ilich, einem Studenten in "Zeit für eine Welt. Postkarte aus Mexiko Stadt" Sein Zimmer ist ein Alptraum. Die Nachbarn spiegeln eine Gesellschaft meilenweit entfernt von europäischem Bürgertum. Allein die Freunde an der Uni sind es, die "eine Oase in der urbanen Wüste" in Fernen auftauchen lassen. So erscheinen ihm seine Visionen und Erfahrungen von "Zeitgeist, diesen Begriff, der in unseren Gesprächen immer wieder auftaucht wie ein Bumerang."

"Im Cockpit der Wahrnehmung." nennt Professor Franz Xaver Baier aus München seine Betrachungen zu "Raum und Zeit" nach Heidegger.

Außerordentlich spannend sind die geschilderten Experimente mit Zeit und Musik des Berliner Musikers und Komponisten Dirk Dresselhaus alias Schneider TM in seinem Beitrag "Musik ist weder Zeit noch Geld. Wie die Mayas dem Zeitdruck beikamen" So schreibt er u.a.: "Ich glaube, die Menschheit steht kurz vor einem fundmentalen Bewusstseinssprung, der unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum neu definieren (allein schon durch das WWW), dualistisches Denken aufheben und spirituelles Wachstum begünstigen wird." Diesen Fragen nachzugehen ist wahrlich eine Herausforderung unseres Denkens. Hier haben Kunst, Politik und Wissenschaft die Chance einer Verschmelzung zu gravierenden Veränderungen unserer "hierarchischen Strukturen".

Unter dem Titel "Höhlen für alle. Berlin muss über die Zukunft der freien Szene nachdenken" stellt der Künstler und Kurator Jan Rohlf das Projekt "General Public" vor. " Es sei noch roh, schreibt er, weder durchrenoviert, noch anspruchsvoll ausgestattet. In Berlin sei es möglich, "einen nicht-kommerziellen Ort zu schaffen, der sowohl professionelle als auch soziale Qualitäten hat, der auf einem lokalen Netzwerk fußt und doch äußerst international ist - "

Kurze, fragmenthafte Wortgebilde, in denen sich die Realitäten einer globalisierten Welt spiegeln. Vernetzungen über den Globus. Krieg, Vertreibung und Technik sind die Dinge, die archaische Lebensstrukturen vernichteten und ins Heute führen. Das Netz - das Internet - verbindet sie informierend zu Menschen in einer Zeit, die vielen noch fremd, aber zur Heimat verdammt ist. Es sind die modernen Slams der Internet-Cafés, der Hochhausverliese, der unendlichen Balkon-Augen. Hier schafft Literatur aus dem Netz einen Blick in das Netz, die die Netze der Gegenwart sind. Und das Besondere an diesen Texten ist, literarische Ansprüche, wie sie unsere feuilletonistische Hochkultur zumeist stellt, bedienen sie meist nicht. Sie wollen direkt sein. Damit erreichen sie ganz ungekünstelt unsere junge Gegenwartswelt. Man möchte provozierend fragen, findet hier und so "Konkrete Kunst" eine Fortsetzung?

Das Internet ein virtueller Ozean - so Joerg Offer , Regisseur, Autor, Musikproduzent aus Berlin, im letzten Beitrag der Sammlung "Segel setzen. Warum ich der Störtebecker des Internets bin". Eine weite Welt hinter Glas, wie ein Aquarium. Und er kommt zu dem Schluß: "Nomadisierendes Verhalten ohne Regeln wird von der Zivilisation nicht lange geduldet" Das ist die ganz bittere Erkenntnis, mit dem das Buch endet. Also nutzen wir die Freiheit der Netze, solange man uns noch lässt.

Vernetzt, von Krystian Woznicki (Hg.) 176 Seiten € 14,00 ISBN: 978-3-940426-37-6, Verbrecher Verlag Berlin

16:39 08.06.2011
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Geschrieben von

Brunopolik

Blogger der PolitikerInnen-Worte
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