Theater wie man es sich wünscht!

Hermannsschlacht ..
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Will man in diesen Tagen und Wochen Theater und Theatralik vom Besten erleben, muss man hinaus in Germaniens Wälder nach Osnabrück mitten in den Teutoburger Wald fahren, dorthin, wo vor 2000 Jahren der römische Feldherr Varus im Regen und Sumpf seine drei Legionen verlor.

Hier wird nämlich die Hermannsschlacht von Christian Dietrich Grabbe aufgeführt. Philipp Tiedemann hat sie inszeniert. Wer kennt Grabbe? 1801 in Detmold geboren und 1836 ebenda gestorben. Er gilt neben Büchner und Lenz als Wegbereiter des modernen Dramas. Und wer kennt die Hermannsschlacht? Kleist-Fans vielleicht, der ebenfalls ein Drama darüber schrieb, das aber kaum mit Grabbes "Schlacht" vergleichbar ist. Philipp Tiedemann, den jungen, kreativen Regisseur, der an der Burg in Wien und am Berliner Emsemble arbeitete, hat sich dieses Stoffes anläßlich der 2000jährigen Jubiläumsveranstaltungen in Kalkriese, Demold und Haltern angenommen. Man wird sich ihn merken müssen, spätestens nach dem hier beschriebenen Theater-Ereignis. Unter seiner Regie gerät das Stück von Grabbe, das dieser als sein Bestes bezeichnete und immer wieder umschrieb, zu einem Meisterwerk. Ein Jahr nach der Vollendung starb Grabbe 36jährig.

Tiedemanns Interpretation ist die erste unverfälschte Inszenierung nach der Entstehung vor beinahe 200 Jahre. Die Uraufführung erfolgte 1934 in der Nazizeit. Das Stück wurde damals mittels Veränderungen, die Grabbes Text entstellten und in die nationale Ecke rückten, für die rassistischen Ideologien des "1000jährigen Reiches" missbrauchbar. Dadurcht wurde es lange still um das Stück und diesen großen Dramatiker. Erst jetzt ist die Zeit reif, es als Realsatire auf eine deutsche Bühne zu bringen. Eine Rezeptionsgeschichte, die so recht zu diesem Autor und der außergewöhnlichen Form des Dramas passt. Unter Tiedemann kommt es wunderbar leicht trotz seiner "Blutrünstigkeit" daher.

Doch nun genug der Vorab-Information und zum Stück. Die Lacher im Publikum beginnen schon gleich am Anfang der Aufführung. Eine Reihe römischer Legionäre, eng zusammengepresst, marschieren in einem langsam und verhaltenen Vierviertel Vor- und Zurück-Ryhtmus in das vierstufige Bühnenbild, was oberhalb nur einen schmalen grauen, düsteren Himmel frei lässt. Mühsam und schwerfällig stoßen sie sich im Gänsemarsch durch die germanischen Wälder und Sümpfe am Teutoburger Wald. Aufmerksam und neugierig schweifen ihre Blicke in das düstere, fremde Land.

Doch davor liest Grabbes Witwe aus Briefen, die er an sie, seinen Verleger, seinen Intendanten und mögliche Sponsoren schrieb. Es geht darin um das Stück, seine Fertigstellung und Grabbes Existenzsorgen. Sie zeigen ein desaströses Künstlerdasein. Sie sind Ausdruck über ein Scheitern, was individuelle Existenz überschreitet und so thematisiert wird. Vor solchem Hintergrund muss das Stück mit seiner dargestellten Historie, sowie die handelnden Personen gesehen werden.

Thusnelda, die Frau des Cheruskerfürsten Hermann, in einem langen rosa Kleid, erscheint. Varus besucht sie. Eine verhaltene Liaison. In welchem Drama könnte Liebe fehlen. Aber dieser Konflikt "Frau" spielt in Grabbes Stück keine allzu große Rolle. Ganz ausgespart soll er jedoch auch nicht werden. Hermann, der Germane in höchsten römischen Diensten, weiht Thusnelda in seine Pläne ein, Varus und seine Römer zu verraten, Germanen aus dem Harz um sich zu scharen, um dann die Römer in einem Hinterhalt mit germanischen Truppen aus der Gegend zu vernichten. Illusorisches Fernziel Hermanns dabei ist, mit den Germanen dann Rom zu erobern um dort sich als Herrscher krönen zu lassen. - Bilder, wo Hermann mit erhobenen Schwert wie auf dem Hermannsdenkmal in Detmold steht -, verdeutlichen seine träumerischen Machtgelüste. Als treue Ehefrau unterstützt Thusnelda ihren Ehemann und verrät dem Buhler Varus nichts. Auch nicht ihrem Vater, der treu bis zu seinem Tod in römischen Diensten bleibt. Mit Thusnelda fügt Grabbe Elemente in das Dramas, die zukunftsweisend sind. Konflikte werden nicht ausgespielt. Das sind Kunstmittel des heutigen Theaters.

Gelächter bei den Zuschauern rufen die Beispiele römischer Rechtssprechung in Germanien hervor. Cherusker, Leute aus dem Volk, treten vor dem römischen Prätor und seinem Schreiber auf. Sie erfahren das römische Recht einer Besatzungsmacht, die Ordnung in ihr Leben bringen soll. Ehebruch ist verjährt, weil der Kläger erst nach 10 Jahren bemerkte, was vor sechs Jahren erfolgte. Das Urteil: "Ehebruch und dergleichen dummes Zeug verjährt nach fünf Jahren", also Freispruch! So setzt sich Szene um Szene wie eine Büttensitzung im rheinischen Karneval fort. Die Zuschauer kichern vergnüglich.

Wunderbar die Szene, wo Hermann wieder einmal von Deutschland faselt und seine Cherusker sich fragen: "Wo liegt dieses Deutschlang eigentlich?" "Weiß nicht", kommt die Antwort. "Ich glaub' bei Engern (Engter)," meint der eine und ein anderer: "Nein, irgendwo im kölnischen Sauerlande."

Humorvoller kann nationales Gestammele und blutiges Schlachtengetümmel nicht vorgezeigt werden. Bei Grabbe bluten die eingeschlagenen Körper und Köpfe. Auch Tiedemann läßt das Blut auf der Bühne kräftig fließen, gemischt und vermischt mit dem unaufhörlichen Regen Germaniens. Doch so wird Blut zu Wasser und Ernst, wird zur Satire, über die gelacht wird, die aber dann im Grauen erstarrt.

Das Scheitern von Geschichte macht Tiedemann im Schlussbild erschreckend brutal sichtbar. Die friedliebenden Germanen, die sich Hermanns Plänen so menschlich verweigern, fallen von einem leichten Bewegungsrhythmus nach und nach immer stärker in einen stumpfen und dumpfen Marschierschritt. Marsch, Musik und Bewegung mit Knüppeln und Füßen gestampft, eskalieren zu den hinreichend bekannten Kolonnen der Nationalsozialisten aber auch anderer totalitärer Systeme. Die Gesichter der Besucher scheinen zu gefrieren und befreien sich erst im tosenden Beifall des Schlussapplaus' über die ganz ungewöhnliche Leistung von Schauspielern und Machern. Der Bogen der Geschichte spannt sich von archaischem Blutgemetzel in heutige technische Kriegsszenarien. Hier werden Bilder gezeigt, die sich tief und bewegend in Zuschauer-Köpfe eingraben. Solange Theater das vermag, stimmt Kunst, Kultur und Gesellschaft noch.

Tiedemann inszenierte die Aufführung ganz dicht an Grabbes Vorlage und in überzeugender Aktualität. Keine Spur also von dem heute so beliebten und oft missglückten Regietheater. Denn Grabbe schrieb sein Stück damals "modern" und außerhalb der Tradition. Hier ist ein Theaterbesuch nicht nur eine Entdeckung, sondern auch noch eine amüsante Freude. Und das mit einem Historien-Stück - zu Grabbes Zeiten und von ihm selbst auch als "Nationaldrama" bezeichnet, wo es um Krieg, Besatzung, Blut, Gemetzel und Eroberung geht. Das Bühnenbild sowie die Inszenierung bieten noch viele Überraschungen, die auszuführen, den Rahmen dieses Berichtes sprengen würde. Wer diese Inszenierung versäumt, ist in puncto Theater einfach nicht up to date!

Die Hermannsschlacht - Drama von Christian Dietrich Grabbe

Regie: Philipp Tiedemann

Bühne und Kostüme: Etienne Pluss

Städtische Bühnen Osnabrück - Theater am Domhof

18:44 13.06.2009
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Geschrieben von

Brunopolik

Blogger der PolitikerInnen-Worte
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