„Auch kein Wasser?“

Ramadan Typische Fragen von Freunden und Arbeitskollegen, die sich zum alljährlichen Klischee verdichten
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„Auch kein Wasser?“
Und am Ende gibt es das Zuckerfest

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Im Ramadan müssen sich fastende Menschen auf einige Umstellungen einstellen, zum Beispiel früh vor dem Sonnenaufgang aufzustehen, um die letzte Mahlzeit vor Beginn des Fastens zu essen. Auch stehen die Enthaltsamkeit gegenüber materiellen Bedürfnissen und die spirituelle Besinnung ganz oben auf der Liste dessen, was in der muslimischen Fastenzeit erwartet wird. Die wohl bekannteste Praxis, die auch Außenstehenden bekannt ist, betrifft den Verzicht auf Essen und Trinken während des Tages. In dieser Zeit sollte man an die Bedürftigen denken, die nicht immer etwas zu essen haben, in sich einkehren und dankbar für die kleinsten Dinge sein, die man hat. Um eine Sache kommen die meisten nicht wirklich herum, nämlich die Fragen von Freunden und Arbeitskollegen, die selbst nicht fasten und wenig über die Fastenzeit der Muslime wissen. Die klischeehafteste Frage aller wird jährlich gestellt: „Auch kein Wasser?"

Fragen, die viele kennen...

- „Nein, auch kein Wasser.“ „Nicht mal ein bisschen?“ – „Nein, bis zum Sonnenuntergang sollte man nichts essen und trinken.“ Diese zwei Fragen habe ich in meiner gesamten Schullaufbahn womöglich 50 Mal beantwortet. Das Fasten an sich und die Konsequenz mit der ich es einhalte, wurde von Menschen in meinem schulischen Umfeld und bei der Arbeit oft mal freundlich, mal verwundert in Frage gestellt. Eine ganz besondere Frage kann ich mir dabei selbst nach acht Jahren nicht aus dem Kopf schlagen, weil sie einfach zu witzig ist: „Aber was ist, wenn es am Nachmittag anfängt zu regnen? Da ist die Sonne ja weg.“ Zwar war ich nie sonderlich strebsam im Physikunterricht, aber auch ich kann mit Gewissheit sagen, dass die Sonne nicht untergeht, sobald es zu regnen beginnt. An meine Antwort auf diese Frage kann ich nicht entsinnen. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran, dass ich zu lachen begann, weil ich nicht glauben konnte, dass diese Frage ernsthaft gestellt wurde.

Eine weitere Frage, die fast alle kennen: „Ist es nicht ungesund, den ganzen Tag nichts zu trinken und sich am Abend mit Essen voll-zu-stopfen?“ Als Gegenfrage stelle ich oft: „Konfrontierst Du auch Menschen mit dieser Frage, die eine mehrtägige Fastenkur machen, ausschließlich Kräutertees trinken und hinterher wieder wie gewohnt essen?“

Dass man sich im Ramadan nach stundenlanger Enthaltsamkeit am Abend den Bauch mit Essen vollschlägt, ist nicht der Sinn des Ganzen. Ich kenne auch niemanden, der oder die das so tut. Der Ramadan soll auch weder der Gesundheit dienen, noch ihr schaden. Schwangere, Reisende, Kinder und Menschen, die körperlich und geistig beeinträchtigt sind, sind von der Fastenzeit ohnehin ausgeschlossen. Wer im Stande ist zu fasten und mit ganzem Herzen voll dabei sein möchte, kann dies tun. Wer sich schlecht fühlt, kann ruhig den Tag aussetzen. Hin und wieder gab es Tage, an denen ich nicht fasten konnte, weil ich mich körperlich angeschlagen fühlte. Selbst da ließen die Fragen nicht nach. Unvergessen blieb mir: „Wird dein Gott jetzt böse, wenn du nicht fastest, obwohl du eigentlich könntest?“ Mit verdrehten Augen antwortete ich: „Nein!“ Natürlich nicht. Wie denn auch? Gott ist doch barmherzig. Wenn es einmal nicht geht, dann geht es nicht. Die Gesundheit hat immer Vorrang. Erneute Gegenfrage: „Wird dein Gott böse, wenn du in der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern mal an einem Tag nicht auf die Gummibärchen verzichten konntest, die auf deinem Schreibtisch lagen?“

Nein danke. Ich bin (es) satt.

Mir und vielen anderen ist bewusst, dass manche Fragen gut gemeint, dass sie von Sorge um die Gesundheit der Mitmenschen motiviert sind. Doch nicht wirklich von Interesse getragene Fragen können ebenso übergriffig wirken wie das Angebot, ein Stück Kuchen anzubieten, obwohl man weiß, dass jemand fastet: „Du hast doch bestimmt Hunger!“ – „Nein danke. Noch habe ich keinen Hunger. Ich bin (es) satt!"

Zudem kann die Mehrheit jener Muslime mit Gewissheit sagen, dass der Ramadan der einzige Monat im Jahr ist, in dem die ganze Familie gemeinsam am Tisch sitzt. Sonst schaffen sie es nämlich selten unter der Woche. Ein ganzer Monat fühlt sich an wie Heiligabend. Denn genau das erzählen mir meine christlichen Freunde. „Wir verbringen Stunden und Tage gemeinsam mit der Familie, das ist der schönste Abschluss des Jahres.“

Wenn der Tag für die einen zu Ende geht, beginnt der Tag für jene, die gefastet haben. Zwischen 22 und 23 Uhr gibt es den ersten türkischen Tee oder Kaffee. Darauf freut man sich den ganzen Tag. Nach 30 Tagen klingt die Fastenzeit feierlich aus: dem Zuckerfest. Auch hier kommt die ganze Familie zusammen, es wird den ganzen Tag gegessen und die Kinder werden reichlich beschenkt. Im Haus herrscht eine feierliche Stimmung, die einige Tage andauert. Zudem gibt es wieder massenhaft Wasser, und die vielen Fragen, die sich zum alljährlichen Klischee verdichten, werden pausiert. Zumindest für ein Jahr.

22:49 27.05.2019
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