Daniel Khafif

Vgl. Sprach- und Literaturwissenschaftler, Semiotiker, Kunsthistoriker. Redaktionsleiter enQuery.de - Magazin für Energiepolitik.
Daniel Khafif
RE: Die Würde des Wortes - Kommentar zur Zwickauer Zelle | 21.11.2011 | 20:07

Lieber Daniel Domeinski:

Danke auch für diesen unglaublichen Hinweis. Ich weiß, Botho Strauß wird von den meisten Germanisten hierzulande ohnehin überbewertet, aber das war mir noch nicht geläufig...und da regen sich die Feuilletonisten über Peter Handke auf...! Strauß, setzen, Sechs: Es gibt Grenzen, die ein Roman, aber nicht ein Essay überschreiten darf, zumal nicht von prominenter Stimme. Da sind wir wieder bei Verant-WORT-ung.

Beste Grüße: Daniel Khafif

RE: Die Würde des Wortes - Kommentar zur Zwickauer Zelle | 21.11.2011 | 19:16

Sehr geehrter Daniel Domeinski:

Vielen Dank für ihren wertvollen Kommentar. Es stimmt, der Mythos der "Ost-Sozialisation" ist irreführend und letzten Endes ist jeder mündige Bürger irgendwann im Bewußtsein dessen, was er tut. Es ist immer noch ein weiter Schritt vom bösen Gedanken zur bösen Tat. Erst recht, wenn die Täter bereits lange erwachsen sind, so wie die Mörder aus Jena und über einen langen Zeitraum ihre Taten ausüben - da entschuldigt keine Art von Sozialistion irgend etwas.

Zu ihrem letzten Absatz, respektive der Haltung unserer politischen Elite: Die Mitschuld an den "Unruhen" ist eine perfide, unterschwellig lauernde Generalisierung, die sowohl bei einigen Politikern, als auch Teilen der Bevölkerung mitschwingt. Das ist unheimlich, aber leider wohl - noch - auch menschlich, schließlich will sich jeder gerne schnell die Hände in Unschuld waschen. Und wenn das Opfer Mitschuld hat, dann wird sich ent-schuldigt. Passiert leider auch immer wieder bei Opfern sexueller Gewalt, denen eine Mitverantwortung zu ihrem Unglück zu schnell zugeschrieben wird: Die offenen Haare, der kurze Rock, die Schminke etc. pp., gräßlich, aber menschlich, damit die Scham nicht zu sehr aufträgt. Scham ist etwas, mit dem wir in unserer Leistungsgesellschaft nur allzu schlecht umgehen gelernt haben. Genau darum aber ist es dennoch ein wichtiges Zeichen, und sei es nur ein Lippenbekenntnis, das insbesondere der Bundespräsident hier gesetzt hat. Aber es stimmt, Reden reicht nicht, es muß dringend in die Bildung, Jugendarbeit und Familienpolitik investiert werden, um den Menschen zu helfen, ihre Scham, ihre Unkenntnis, ihren Zorn zu überwinden. Das war ein Teil humanistischer Ausbildung...lange her.

Viele Grüße: D.K.

RE: Raus aus dem Untergrund | 21.11.2011 | 15:36

Liebe Jana Hensel, ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag, der diese traurige Entwicklung mal von einer zeitgeschichtlichen Perspektive betrachtet. Hat mich zu einem Kommentar inspiriert, der ebenfalls hier in der Community des Freitag zu lesen ist. Wünschenswert wäre, daß eine tiefere und philosophische Diskussion der politischen Debatte zum Thema folgt. Mit besten Grüßen: Daniel Khafif

RE: Der amerikanische Agent | 09.10.2011 | 23:38

Anm. d. Verf.: Dieser Beitrag wurde erstmalig auf www.netzpiloten.de unter der Rubrik "Literatur" veröffentlicht.

RE: Europas Tahrir: Spaniens Wahlbehörde verbietet die Proteste | 20.05.2011 | 13:03

Ach, jetzt werden schon wie in Bahrain die Demos verboten? Ein demokratisches Grundrecht aufgehoben, damit man die demokratische Pflicht des Wählens erfüllt?
Aber für Fußballfeiern darf man auf die Straße !!! ?? Hallo???Willkommen, Huxley, willkommen, Orwell! Wie gesagt, der Stier schnaubt...

RE: Du bist doch keine Deutsche! | 20.05.2011 | 03:59

@Calvani:

Danke für diesen bittersüßen Beitrag, der mit sehr bekannt vorkommt - interessanterweise, je älter ich werde. Ich kann Dir also leider nicht versprechen, daß diese Sprüche abnehmen werden, eher das Gegenteil.
Das hat weniger mit den dunklen Haaren zu tun, die ab 40 eh langsam grau werden, falls sie bei uns Männern überhaupt noch vorhanden sind, sondern mit dem Erreichen von Positionen: Im Sandkasten sind doch alle nackig-dreckig, da ist wurscht, wer mit wem spielt (nur nicht, wer danach zum Spielen nach Hause eingeladen wird, das entscheiden aber klar die Eltern...),in der Schule dann entscheiden Dinge wie Musikgeschmack, 100 Meter - Lauf und kurz vor Schluß dann auch, wem der erste Kuß gilt...als Zivi oder Bundspecht oder beim sozialen Jahr ist man eh der allerletzte Besen, da paßt das Dunkle ganz gut zum sozialen Stand.

Pause, Weltumseglung, ach, wie ist das Leben schön.

Und dann, Rrrrumms, fragt einen der Prof. an der Uni, wo man so schön Deutsch gelernt hat: "Hier bei uns, oder am Goethe - Institut in, äh, wo kommen Sie her...!?". Das ist der erste kalte Waschlappen. Der zweite folgt sofort, nachdem man den Prof. darauf aufmerksam gemacht hat, daß man in Hannover kein Goethe - Institut, sondern das Bismarck - Gymnasium besucht hat und dort leider kein so melodievoller pfälzischer Dialekt gesprochen wird, den der Herr Professor in seinem Idiom zu kauderwelschen pflegt. Damit ist die erste Proseminararbeit schon mal mit Pauken und Trompeten dem Untergang geweiht.
Tja, und dann geht das munter so weiter: Bei den Bewerbungen, dem Projektantrag, öffentlichen Förderungen, Gremien, Ausschüssen, etc. pp., ja, irgendwann geht man schon mit einem verbalen Harnisch gewappnet auf die Partys, deren dritte Frage nach "Was machst'n Du?" und "Wen kennst'n Du?" nämlich "Woher kommst'n Du? Äh, Ne, Ja, also ich mein' in echt jetzt, Du weißt schon!" - Nee, weiß ich nicht! Aber nachdem das und ein paar andere sinnlose Fragen geklärt sind, mal mehr, mal weniger sarkastisch untermalt, kommt an Stelle Nr. 11 oder 12 auch schon die Frage: "Wie heißt'n Du?!" ...
Irgendwann fiel mir auf, daß dies keine Fragen nach Interesse, Rasse, Herkunft im biologischen oder, bös gesagt, ariosophischen Sinne sind, sondern eher - und so war's wohl schon immer - im soziologischen Sinne einer ZUGEHÖRIGKEIT, im Sinne einer wirtschaftlichen bzw. sozialen Klasse, nicht einer Rasse. Und beim beruflichen Verdrängungswettbewerb, den es so ausgeprägt wie heute in den 80ern beileibe nicht gab, tritt man erstmal gegen alles, was da von unten nach oben emporzukommen droht, um die eigene Bastion zu halten, ja, eher selbst auf den Schultern derer da unten nach oben zu steigen. Wie schön, daß es also Stereotypen und visuelle Merkmale gibt, die einem die manchmal unübersichtliche Auswahl derer, die a) wichtig oder b) störend sind, erleichtern - wie z. B. krauses Haar, Schlitzaugen oder dunkle Haut - oder eben umgekehrt, je nach Lage auf der Erdkugel. Das ist aber - gottlob - nichts typisch deutsches, sondern zutiefst menschliches, zumindest in dieser Cro-Magnon Etappe des Homo Sapiens, in der wir wohl auf ewig feststecken werden.
Ein Beispiel: Ich kenne Jamaica recht gut und erinnere mich, daß ich bei meinen ersten Wanderungen über die Insel erstmal ganz selbstverständlich alle Schwarzen (die ethnische Mehrheit auf der Insel) als Schwarze sah. Mit dieser Ansicht hätte man mich fast gelyncht: Auch die meisten Jamaicaner grenzen sich untereinander durch die Hautfarbe ab: "Ganz schwarz, halb schwarz, fast braun, mittelbraun, rabenschwarz, mulattisch, Creme etc. pp... - mir wurde fast schwindelig; ich dachte gleich an die 27 Bezeichnungen für Schnee, und genauso viele Begriffe für die Farbe Weiß, die die Inuit kennen, um mal was Weißes in dieser schwarzen Anekdote zu zitieren. Diese Unterscheidung innerhalb der jamaikanischen Gesellschaft war aber - und das ist das grotesk-menschliche - samt und sonders zur hierarchischen Stellung in der jamaikanischen Gesellschaft, vor allem der Mittelschicht, bestimmt: Hier in der alten Mitte finden die Verteilungskämpfe auf dem Weg zur neuen Armut oder zum neuen Reichtum statt, da wird sich gefetzt, da entscheidet die Farbe, wenn nichts zuvor entschieden wird (durch Familie, Schulabschluß, Einkommen etc.) Leider.

Nun ist die Mittelschicht in Europa insgesamt vielleicht - noch - etwas vermögender, doch die Verteilungskämpfe finden hier genauso statt. Leider. Nicht so bewußt, wie in der neuen Welt, aber unterschwellig ist stets der Scanner eingeschaltet: Unbekannte(s) wird dual abgetastet: a) Wichtig? b) Störend?.

Und ist es etwa ein Zufall, daß mit dem zentrifugalen Zerfall der europäischen und amerikanischen Mittelschicht in ein "Oben" und "Unten" innerhalb der letzten 10 Jahre auch die nationalistischen und gar rassistischen Bewegungen wieder zugenommen haben? Und zerfiel da auch nicht eine Mittelschicht in der Weimarer Republik? Nun, der Rassismus ist im Grunde ein dürrer Wicht, doch gibt man ihm Angst zu speisen, Dummheit zu trinken und die Inflation als Streithengst, so kann er binnen kürzester Zeit zu einem unglaublichen Ungeheuer anwachsen. Das gilt überall, nicht nur in zerbröselnden postindustriellen Gesellschaften. Gottlob. Oder leider. Am Besten läßt man sich eine dicke Haut wachsen. Egal mit welcher Farbe!

RE: "Spanische Leviten", Teil 2 - Hintergründe zur iberischen Revolte | 20.05.2011 | 02:58

...Bravo: ganz wertvoller Beitrag über dieses knallige Ereignis, war im kollektiven Gedächtnis hierzulande völlig vergessen. Das arme Galizien kriegt wirklich immer die ganze wundervolle Breitseite der Industriegesellschaft ab: Öl, nukleare Strahlung, wieder Öl...Danke!

RE: "Spanische Leviten", Teil 2 - Hintergründe zur iberischen Revolte | 20.05.2011 | 02:55

O ja, das war auch der Unterschied: Lange Zeit bis zu Francos Tod fühlten sich die Spanier von Europa vergessen, danach wollte man endlich im Galopp unter Brüsseler Spitzen, komme, was da wolle. Brav alle Hausaufgaben erledigt, sogar mit Nachhilfe aus Berlin. Jetzt wünscht sich manch iberischer Musterschüler, er hätte lieber beim britischen Nachbarn abgeschrieben...

Ein Unterschied zu Spanien scheint also darin zu liegen, dass die Spanier "erfolgreicher" waren als die deutsche Dagegen-Republik. Und es würde mich nicht wundern, wenn auch hiesige Politiker den Spaniern gerne mit Rat und Tat zur Seite gestanden wären, um dort ersatzweise an "Erfolgen" teilzuhaben, die ihnen hier in der "blockierten" Republik versagt blieb.

RE: "Spanische Leviten", Teil 2 - Hintergründe zur iberischen Revolte | 20.05.2011 | 02:50

Gerne doch! Ja, Mutbürger trifft es besser. Von der Wut zum Mut zur Mündigkeit spricht der Bürger, der sich befreit.