Held für eine Seite

Glosse Schotte ich mich ab oder bin ich zum anfassen? Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, stellen sich diese Frage. Gut, dass ich das nicht muss. Findet Jan Bühlbecker.
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800 Menschen, das war das größte Publikum vor dem ich jemals auftreten durfte, fünf Minuten lang laß ich einen Text vor, Applaus, Ende. Über 1.000 Fußball-Fans ließen sich zwischen Bier und Bratwurst schon mal von mir berieseln, das war´s. Darüber will ich auch nicht klagen, im Gegenteil: Zum einem ist es in einem Land, in dem Mario Barth und Helene Fischer die größten Unterhalter sind, ein Kompliment in der Nische aufzutreten und zum anderen darf ich regelmäßig vor über 100 Menschen sprechen - Wie geil ist das denn?!

Aber stellen Sie sich einmal vor, wir wären Mainstream, so richtige Stars, hätten "Atemlos" erfunden - Okay, so schlimm muss es ja nicht sein, aber nehmen wir einmal an, wir wären berühmt. Wie würden wir uns dann geben, würden wir noch Fotos unser letzten Gartenparty bei Facebook posten oder schlenderten wir nur noch mit Security durch die Innenstadt unserer Heimat? Würden wir mit der BILD-"Zeitung" reden, wären wir generell politisch, würden wir unseren Einfluss also für die "gute Sache" nutzen und wenn ja, wäre das überhaupt richtig? Lassen Sie uns doch darüber mal nachdenken - Denn ganz ehrlich: Das richtige Outfit für den roten Teppich bekämen wir ja echt geschenkt.

Fangen wir hinten an: Ich mag politische Menschen, dass man mitdenkt und sich einbringt ist schließlich wichtig in einer Demokratie. Trotzdem wird politisches Engagement von Prominenten immer wieder kritisiert; sie würden ihre Bekanntheit missbrauchen, um für Parteien zu werben, heißt es da beispielsweise und ich kann auch verstehen, wenn sich unter anderem Bands nicht auf eine Partei reduzieren lassen wollen. Und vermutlich schadet in unserer Fan-Kultur der Heldenverehrung, in der man T-Shirts mit dem Konterfei seines Lieblingssänger trägt, zu viel Meinung auch. Ich aber reibe mich gerne, finde es cool, wenn der Moderator meiner Lieblingsshow auch selber eine Meinung hat, sie sagt und man so mit ihm diskutieren kann. Bekäme ich Berühmtheit geschenkt, das würde ich mitnehmen. Welches Thema dabei die "gute Sache" ist, muss nämlich eh jeder für sich entscheiden.

Kommen wir deswegen nun zu einem heikleren Thema: Gerade wenn es eine_n neue_n Partner_in gibt, eine Hochzeit oder gar Nachwuchs zu vermelden wäre, werden immer wieder Boulevardmedien zum Thema: Verkauft man ein Hochzeitsfoto, wohin mit dem ersten Bild der Neugebohrenen und wie sichert man sich bei diesem Wettbieten auch noch sein Privatleben? Der erste Implus ist da ganz klar der, dass man sich abschottet, nicht mit der BILD redet, es gibt da ein Max Goldt-Zitat, welches das ganz gut begründet. Aber auf den zweiten Blick ist das vielleicht gar nicht die beste Lösung, denn, ich meine, die BILD beispielsweise erscheint ja so oder so, wenn man da also für ein Hochzeitsbild ordentlich Geld für einen guten Zweck abgreifen und so gleichzeitig die nächste Griechenland-Hetze verhindern kann - Why not? Ich meine, wenn ein Jahr später dann am gleichen Ort über die Scheidung spekuliert wird, bekommt man es ja trotzdem nicht mit, man ließt die BILD ja nicht. Ha!

Andererseits: Vielleicht macht es die sogenannten Polit-Reportagen ja auch nicht gerade besser, wenn das Boulevardblatt einen großen Teil seines Budgets für die bunten Seiten raus haut.

Aber dennoch wäre ich allein dafür gerne berühmt: Um die BILD zu ärgern oder um RTL abzusagen. Wobei, wenn wir berühmt wären, müsste man das kleinere Übel schon schlucken, Hallo, Fraucke Ludowig.

Und überhaupt: Die Frage nach der Security bleibt. Außer man wohnt eh schon in einem sozialen Brennpunkt - Rapper kennen das Problem. Aber was macht es denn mit einem, nicht mehr unerkannt in ein Café, die Innenstadt oder eine Eckkneipe gehen zu können? Fans in Ehren, aber wenn wir doch schon manchmal genervt sind, wenn wir erst der zehnte Fan sind der bei einer Foto-Session mit dem Lieblingssportler drankommt, wie muss es Marco Reus dann erst gehen. Obacht, flacher Witz: Zum davon laufen.

In diesem Sinne: Wie war das mit der Nische noch mal?

Wir Deutschen neigen, finde ich, so ein bisschen sehr zur Heldenverehrung. Ich finde das bedenklich. Vor allem, weil Youtube vormacht, dass es eigentlich auch anders geht und so viele Menschen im Alltag zeigen, dass sie einen "gefällt mir"-Klick mehr verdient hätten, als Annemarie Carpendale. Klar, in anderen Ländern, in den USA, um nur eines zu nennen, ist der Fokus auf Stars noch einmal höher, aber wir setzen hier ja trotzdem verstärkt auf Ökostrom, obwohl der durchschnittliche Co2-Austoß in Amerika noch einmal höher ist.

21:09 23.06.2015
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Geschrieben von

Jan Bühlbecker

Jan Bühlbecker. Slam Poet, Jungsozialist & Sozialdemokrat. Liebt Queer-Feminismus, Fußball, das Existenzrecht Israels & Hashtags.
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