Ich und der Fußball

Fußball, Poetry Slam Freitag-Autor Jan Bühlbecker war bis gerade eben beim 1. Soccer Slam Cup und veröffentlicht seinen Text nun hier im Freitag. Über seine Beziehungen zu diesem Sport.
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Szenario eins: Es ist Frühstückspause. Alle, aber wirklich alle, aus der Klasse 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9 oder 10c rennen am schwarzen Brett vorbei nach draußen, um zu gucken wer in dieser Pause, den Fußballplatz bespielen darf. Es wird gewählt. Wer bitte braucht Trikots oder Leibchen - Außer man trägt blau-weiß - Man weiß doch, wie die eigenen Freunde aussehen. Und meistens, enden die Spiele nur mit einem Tor Differenz, denn das letzte Tor entscheidet. Das macht Sinn, weil es vorher wirklich häufig unentschieden steht, schließlich kann man während des Spiels, die besten Spieler so oft Tauschen, bis es ausgeglichen ist. Anekdote: Diese Spielertäusche während des Spiels betrafen früher oft auch Meinereiner - Ging eine Mannschaft zu hoch in Führung, bekam sie mich als Neuzugang. Diese Position des modernen 6er, der für das Gleichgewicht im Spiel verantwortlich ist, die habe also praktisch ich erfunden. Nur in anders.

Szenario zwei: Stellen Sie sich vor, es ist ein Samstagmorgen. Oder ein Mittwochabend. Oder irgendein anderer Tag in der Woche. Auf jeden Fall ist es noch früh. Und Sie sind wach und motiviert - oder zumindest: wach. Denn Sie haben viel zu tun, also genau genommen müssen Sie nur in Ihr Auto steigen und der A-Irgendwas nur bis zur Kreuzung mit der B-Schlagmichtot folgen, dann weiter auf der A-Sonstwas und an der Ausfahrt-Wasweißich oder bei Ihrem Glück genau eine später, abfahren. Denn es ist Samstag. Oder Mittwoch. Oder irgendein anderer Tag. Zumindest ist Spieltag. Auswärtsspieltag.

Fußball ist, wenn man einfach raus geht, je mehr Wiese desto besser oder wenn man einen Tag vor der entschiedenen Abiturklausur auswärts bis hinters Siegerland fährt, nur um den eigenen Verein in Erntebrück absteigen zu sehen.

Ich hab das mal gemacht. Also den eigenen Verein absteigen gesehen, dass habe ich sogar öfter gemacht. Zu oft. Wer mit der SG Wattenscheid 09 aufwächst, dem helfen keinen #PanamaPapers, dem helfen höchsten Taschentücher, für die Tränen. Oder halfen, ich sollte diesen Absatz vielleicht im Präteritum vorlesen, schließlich sind wir gerade dritter oder vierter oder fünfter in der Regionalliga - Ich weiß das gerade gar nicht so genau, denn so weit nach oben können meine Augen eigentlich gar nicht mehr gucken.

Ja, ich bin auch sehr schlecht bei Kopfbällen.

Der Fußball und ich - Es war Liebe auf den ersten Blick.

Der BVB und ich - Wir wurden verkuppelt, von meinem Opa, den ich heute deswegen auch ins Publikum verfrachtet habe. Und darum weiß ich auch, dass Sheldon Copper Recht hat, wenn er bei Big Band Theory Radge verspricht, dass auch aus einer arrangierten Ehe die große Liebe werden kann.

Die SG Wattenscheid 09 und ich - Das war Liebe auf den zweiten Blick. Denn als ich von meinem Vater meiner Erinnerung nach zum ersten Mal mit ins Stadion genommen wurden spielten wir zufällig gerade gegen den VfL Osnabrück, ich war drei oder vier Jahre alt und lila war damals meine Lieblingsfarbe. Gerettet wurde der Vaterstolz durch den Spieler, der so hieß wie mein Lieblingstier: Alexander Löwe. Also ich dachte, er hieße so. Heute weiß: Er heißt Löbe.

Als wir Alexander vor ein paar Jahren, ich war da zehn, schätze ich, mal im Getränkemarkt getroffen habe, gab er mir ein Autogramm. Als mein Vater mir vor ein paar weniger Jahren, ich schätze, ich war 16, dann erzählte, was Alexander so in seinem Einkaufswagen herumschub, hängte ich es mir wieder über´s Bett.

So viel sei verraten: Spieler, die mehr Prozentpunkte in ihren Getränkeflaschen transportieren, als so manche Partei Stimmenanteil hat, geben nach Spielen andere Auskünfte als Philipp Lahm. Ein Beispiel: „Schönes Wetter heute oder, Herr Lahm?“ „Ich fand, wir haben heute eine engagierte Mannschaftsleistung gezeigt, das jede Woche abzurufen ist gar nicht leicht. Der Trainer hat Recht. Meine Biographie tut mir leid. Sie sehen gut aus.“

Apropos CSU: Als Alexander Löbe die SG Wattenscheid 09 verlies fand ich das blöd. Als Leonardo Dedé den BVB verließ habe ich geweint, als Patrick Owomoyela uns verlassen hat, fand ich es schade, bis ich gemerkt habe, dass er nur verletzt war und als Mario Götze zu den Bayern ging, war ich zwei Tage lang richtig wütend. Jetzt will auch Mats Hummels wechseln. Natürlich auch nach München. Bei jedem anderen Spieler, die die letzten Jahre immer wieder gesagt hat, dass er wenn, dann noch mal ins Ausland transferieren wolle, der Erfahrungen wegen, würde man jetzt einen CSU-Witz machen, wenn es doch nur in den Freistaat geht. Aber Mats Hummels kommt aus München.

Fußball ist, wenn man seine Meinung nicht an Überzeugungen, Fakten oder Intelligenz knüpft, sondern an Tabellenplätze, unreflektierte Emotionen und Millionengehälter.

Das gilt ja auch für alle. Für den Spieler, der heute noch das Wappen küsst und morgen schon für den Rivalen die Schuhe schnürt genauso wie für den ehemaligen Uefa-Generalsekräter, der über Weihnachten noch mit dem ehemaligen FIFA-Präsidenten freundschaftlich diniert und keine hundert Tage später dann als derjenige auftritt, der mit dessem Stil der Korruption aufräumen will oder den Fan, der einerseits Untreue und kriminelle Machenschaften anprangert, andererseits aber einen blöden Witz über einen coolen Spieler macht, der einfach nur unglaublich viel Pech mit Verletzungen hatte.

Fußball sind die Schuljungen, die mit vier Ranzen als Tore in der Pause kicken genauso wie die Hoffenheimer, die ihre Tornetze mit Panzertape festkleben und ihre Linien videoüberwachen lassen, wenn Stefan Kiesling zum Kopfball ausholt.

Ja, bei allen Problem, die der Fußball hat, Liebe ich ihn trotzdem. Ich kann gar nicht anders. Es ist wie, wenn man an dieser Stelle einen Jenny Elvers-Witz vorlesen sollte: Es geht nicht. Wahrscheinlich ist es mit dem Ballsport und mir einfach so wie mit einer Ehe und wir müssen jetzt durch´s verdammte siebt(zehnt)e Jahr kommen.

Oder aber es braucht eine Fußballrevolution. Der Spiegel schrieb heute, damit der Fußball wieder spannender wird, müsste die 50+1-Regel fallen. Ich meine ein bisschen weniger von explodierenden Preisen bei Tickets, Transfers und Gehältern, gar keinen Handel mehr mit kleinen Kindern und keine auch Werbespots direkt nach dem Spiel, wenn man gerade sehen will, wie sich Pep Guardiola über die entscheidende Niederlage ärgert, wären schon ein guter Anfang. Es sollte Schluss sein mit der Fußballentwicklungshilfe für ärmere Nationalverbände, die lediglich die Armut von Verbandsvorsitzenden bekämpft, dafür sollte es mehr Geld für den Breitensport in diesen Ländern geben. Oder generell. Vielleicht kann man auch ein Auffanglager für andernorts wegen Korruption ausgeschlossene schließen: Das FIFA-Exekutivkomitee. Die Panama-Papers hatte ich ja schon erwähnt.

Wäre ich Philipp Lahm, würde ich jetzt sagen, dass ich nicht weiß, wie realistisch das alles ist. Aber ich weiß ja, dass das ganz schön utopisch ist. Und, um in einer Metapher zu sprecher, vielleicht bin ich ja auch selber Schuld: Sie erinnern sich an den Anfang, an meinen ersten Lieblingsspieler? Alexander Löbe? Es gab keinen Spieler, der auf beschissener Weise einen Elfmeter rausholte, als er - übrigens Gott sei Dank schon im Trikot des SC Paderborn - im DFB-Pokal gegen den HSV spielte und der Schiedsrichter ein gewisser Robert Hoyzer war.

Fußball ist meine Leidenschaft, auch wenn er gut daran täte, uns wieder etwas mehr als das anzusehen, was er ist, statt als Kunden. Karma hingegen ist eine Bitch.

23:43 29.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Bühlbecker

Jan Bühlbecker. Slam Poet, Jungsozialist & Sozialdemokrat. Liebt Queer-Feminismus, Fußball, das Existenzrecht Israels & Hashtags.
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