Unterhalt dir deine Meinung

Medien Freitag-Autor J. Bühlbecker lässt in einer neuen Kurzgeschichte ein lyrisches ich über die BILD und andere Medien sprechen und denkt so über Probleme des Systems nach.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich sitze mit einer Freundin am Frühstückstisch. Sie hat sich mit ihrem Feuerzeug eine Zigarette angesteckt. „Unsichere Zeiten gerade“ sagt sie und blättert in einer ‚Zeitung‘, „eher faule Zeiten“ antworte ich, „mmh“ macht sie und deutet auf die Bilder von Bernd - er heißt doch Bernd, oder? - Höcke, Frauke Petry und Lutz Bachmann und einen Text zur angeblichen Flüchtlingskrise. Ich seufze: „Es gibt keine Flüchtlingskrise, es gibt geflüchtete Menschen, die hier auf Hilfe und ein Leben in Freiheit und Sicherheit hoffen. Und denen gegenüber diese drei Montagabendsspaziergehpappnasen, die eine Situation zu einem Problem erklärt haben, bevor die Situation da war und die schneller aufgegeben haben - deswegen faule Zeiten - nach einer Lösung zu suchen als meine präpupertierende Nichte, wenn sie eine schwere Hausaufgabe für die Schule lösen soll - Erstes wörtliches Zitat: ‚Ähhhhh! Ich kann doch eh nicht!‘ Und zur weitergehenden Seriösitätsprüfung deiner drei abgebildeten ‚Politiker‘ sei folgendes erzählt: Bernd Höckes Thügida-Freunde, also der Pegida-Ableger aus Thüringen, ist um dagegen zu demonstrieren das Jemand von woanders nach Leipzig kommt, aus Thüringen nach Sachsen gezogen, Frauke Petry hat ja wirklich nichts gegen Homosexualität, aber sie findet das klassische Familienbild - Vater, Mutter, Kinder - halt so viel besser, dass sie letztes Jahr phasenweise etwas mit zwei Männern gleichzeitig am Laufen hatte, aber Lutz Bachmann ist wenigstens authentisch im Probleme lösen die es gar nicht gibt - Nein, nicht weil er mal selbst vor einer Haftstrafe nach Südafrika geflohen ist, das ist nur eine immer wieder komische Randnotiz, sondern weil er - Obacht, zweites wörtliches Zitat - seine größte Angst so formulierte: ‚Der Weihnachtsmarkt in Berlin heißt jetzt Wintermarkt und es wird nicht mehr lange dauern, dann ist der Weihnachtsmann verschwunden!‘“ „Gut, wir haben Januar“ entgegnet die Freundin, „er meinte das ja auch mehr generell“ antworte ich, „ach so“ sagt sie „soll ich meine Zeitung - (Sie hat die mit den vier Buchstaben, die sonst nie Jemand ließt in der Hand) - also weglegen?“ Ich schüttle den Kopf und erkläre:

„So weit musst du nicht gehen, ich habe ja auch wirklich nichts gegen die BILD, aber, nein, kein aber, ich würde der BILD ja wirklich gerne vorwerfen, dass sie eine beschissene Scheiß-Zeitung ist, weil sie populistische Scheiß-Inhalte publiziert, aber ich kann der BILD nicht vorwerfen, dass sie eine beschissene Scheiß-Zeitung ist, weil ich nicht glaube, dass sie eine Zeitung ist, weil um eine echte Zeitung zu sein, müssten bei der BILD ja nun mal echte Journalisten arbeiten und diese Berufsbezeichnung gestehe ich denen nun einmal einfach nicht zu.“

„Und warum“ fragt meine Freundin, „naja“ beginne ich zu erklären „Journalisten sind - per Definition - Leute die recherchieren, Inhalte aufbereiten und so informieren. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass das recherchieren durch das belagern des Pools von Pamela Anderson einigermaßen gedeckt ist, auch wenn das Strafgesetzbuch dazu vermutlich eine andere Meinung vertritt und dass das Inhalte aufbereiten auch erfüllt ist, wenn man die heimlich geknipsten Pool-Party-Fotos dann durch Photoshop jagt, aber wo dann der Informationswert für die Bevölkerung stecken soll, dass kann mir keiner verraten. Und wenn die BILD irgendwelche Haushaltszahlen und Politikerzitate aus Griechenland völlig aus dem Zusammenhang reißt, dann haben sie - wenn auch falsch - recherchiert und die Inhalte sogar wieder aufbereitet, aber nicht so, dass daraus ein informativer Mehrwert entsteht, sondern so, dass sich - Obacht 3. Zitat - ‚Mutti und Vaddi sich nochmal richtig aufregen können’.“


Meine Freundin nickt und ich fahre fort: „Es gibt auf der Welt drei Dinge, die sich immer gut verkaufen: Nackte Köper, Populismus und das neuste Apple-Produkt. Wer wie die BILD zwei davon im Programm hat braucht sich um den Umsatz - auch wenn die Auflage im Moment eher fällt, aber das ist normal, wenn man sich im Umbruch von Print auf online befindet - erst einmal keine Sorgen zu machen. Wer wie die BILD zwei davon im Programm hat beschäftigt aber auch keine Journalisten, sondern Verkäufer - Was okay ist, nur sollten wir dann auch aufhören, die BILD als Zeitung anzusehen - (der Begriff Zeitung steht auf meinem Textblatt deswegen auch jedes Mal in Gänsefüßchen). ‚BILD dir deine Meinung‘ ist deswegen aber noch lange kein Blödsinn, sondern lediglich das Equivalent zu diesem Detlef D! Soast geklauten Werbeslogan der McDonalds Kompanie: ‚I make you sexy!‘ oder der ‚Daniel Aminati für Burger King’-Version: ‚Mach dich krass! Gönn dir nen Whopper!‘“

„Und weißt du was mich noch stört“ frage ich die Freundin dann, „du erzählst es doch eh“ behauptet die, ich übergehe die Frechheit und beantworte meine eigene Frage: „Das ist zwar kein alleiniges BILD-Problem aber trotzdem zum kotzen: Live-Blogs nach großen Katastrophen. Dann, wenn fünf Minuten nach der ersten Meldung, schon zum dritten Mal die vermeintlichen Opferzahlen nach oben korrigiert werden müssen, frage ich mich immer warum man nicht einfach mal zwei, drei, vier Stunden wartet, bis man die erste Zahl, die dafür dann aber auch eine gewisse Aussagekraft hat, nennt. Beziehungsweise genau genommen frage ich mich das eigentlich gar nicht, denn dem zugrunde liegt genau der selbe Ansatz, weswegen man auch immer unterscheidet zwischen „deutschen Opfern“, „toten Kindern“ und den anderen verunglückten Menschen: Es bringt zusätzliche Klicks. Gut, Kinder und kleine Hunde haben eins gemeinsam: Sie sind süß, aber sollte sich deswegen jemals eine Zeitung trauen, nach einer Katastrophe zu berichten: „Momentan gehen wir von 200 Opfern aus, darunter 37 Deutsche, 43 Kinder, 26 Haustiere und 94 weitere Menschen“, dann klaue ich Xavier Naidoos Aluhelm, verjage Udo Ulfkotte aus seinem geheimen Unterwasser-Versteck und verbarrikadiere mich da solange selber, bis ich wieder irgendwohin zurück muss, wo ich Handyempfang habe, um mir die neuste IOS-Version zu installieren.“

„Oder“ schlägt meine Freundin vor „um DSDS in der RTL Mediathek nachzugucken“, ich nicke: „Das ist ohnehin ganz praktisch“ erzähle ich ihr dabei „Die RTL-Mediathek heißt RTLnow, n-o-w geschrieben, man kann aber auch RTLnau, n-a-u geschrieben, eingeben - Die Weiterleitung funktioniert wirklich tadellos. Schön, wenn ein Sender an einen glaubt!“ Sie legt ihre BILD bei Seite und steht auf: „War ein nettes Frühstück“ sagt sie dabei, ich nicke, „BILD lesen ist also nicht schlimm, wenn man weiß, was man tut“ stellt sie fest, wieder nicke ich, „dann ist es ja gut, dass du da Aufklärungsarbeit leistest“ sie beginnt zu grinsen „blöd nur, dass du das auf einem Poetry Slam machst und da eh keiner ist, den das betrifft.“

21:19 04.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jan Bühlbecker

Jan Bühlbecker. Slam Poet, Jungsozialist & Sozialdemokrat. Liebt Queer-Feminismus, Fußball, das Existenzrecht Israels & Hashtags.
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