Ferien auf dem Arbeitsamt

Saisonarbeit Tausende Lehrer werden im Sommer entlassen und später wieder eingestellt. Damit sparen die Länder Geld - auf Kosten der Kinder. Dagegen regt sich nun Widerstand
Nina Marie Bust-Bartels | Ausgabe 25/2013 12

Ihre Kollegen planen längst den Sommerurlaub, aber Karin Gebauer muss zum Arbeitsamt. Sie ist Grundschullehrerin in Hessen, seit sechs Jahren schon. Und sie ist Opfer eines verrückten Systems, mit dem das Land Hunderttausende Euro spart – auf Kosten der Schulen, der Lehrerinnen und Lehrer, und auch auf Kosten der Kinder.

Auf dem Arbeitsamt ist Karin Gebauer schon bekannt. Immer wieder bekommt sie nur eine befristete Anstellung, mal für ein Jahr, mal für ein halbes. Jetzt endet ihr Vertrag schon wieder. Wahrscheinlich wird sie nach den Ferien zwar wieder an der Schule arbeiten, schließlich ist sie gerade Klassenlehrerin einer ersten Klasse geworden. Aber es gibt trotzdem diese Unsicherheit, für Karin Gebauer, für die Schule, für die Schülerinnen und Schüler.

Und das nur, damit das Land Hessen Geld sparen kann. Oft endet Gebauers Vertrag genau vor den Sommerferien, der neue beginnt danach. Statt bezahlten Urlaub gibt es dann sechs Wochen Arbeitslosengeld.

Die meisten Bundesländer sparen mit

Karin Gebauer ist kein Einzelfall, auch die meisten anderen Bundesländer sparen gerne mit, zum Beispiel Baden-Württemberg oder Berlin. In dieser Woche haben in den ersten Ländern die Ferien begonnen, Mittwoch in Berlin, Donnerstag in Brandenburg und Hamburg und heute in Mecklenburg-Vorpommern. Nun wird wird sich wieder zeigen: In den Sommermonaten sind deutlich mehr Lehrer arbeitslos als sonst. Im vergangenen Jahr waren es, laut Bundesagentur für Arbeit, bundesweit 5.400 Lehrer zusätzlich. Wenn ihre Kollegen in den Urlaub fahren, sitzen sie auf den stickigen Fluren der Arbeitsämter, füllen Formulare aus, erklären Sacharbeitern ihre Situation. Verreisen? Schwierig. „Länger als eine Woche konnten wir nie wegfahren, ich musste erreichbar sein, dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen“, sagt Gebauer, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Arbeitslosengeld beantragen, Krankenkasse wechseln, derselbe bürokratische Aufwand jedes Jahr. Immerhin: An den Umschulungen des Arbeitsamts muss Karin Gebauer nicht mehr teilnehmen. Die Behörde versucht sie nicht mehr zu vermitteln, denn Karin Gebauer wird ja wieder eingestellt.

Mit den befristeten Verträgen entlasten die Länder ihre Haushalte – auf Kosten des Bundes, der schließlich für Arbeitslosen- und Sozialhilfe aufkommen muss. Der Bundesrechnungshof monierte dies bereits im Jahr 2001, an der Praxis hat sich jedoch nichts Grundlegendes geändert. Für die Lehrerinnen und Lehrer besonders fatal: Weil sie kein volles Jahr gearbeitet haben, bekommen sie oft nur Hartz IV statt des höheren Arbeitslosengeldes. Auch der Anspruch auf gehaltsabhängiges Elterngeld entfällt.

Alles nur Vertretungsstellen?

Das hessische Kultusministerium verteidigt die Praxis. „Alle befristeten Stellen sind Vertretungsstellen“, sagt ein Sprecher dem Freitag. Gerade Grundschullehrerinnen gingen oft in Elternzeit, da falle einiges an Vertretungen an. Auch gebe es immer wieder Ausfälle bei langen Krankheiten. An Karin Gebauers Schule ist aber niemand seit sechs Jahren krank, sie macht auch keine Vertretungsarbeit. Sie ist Klassenlehrerin und Leiterin des Fachbereichs Sachkunde, organisiert die Verkehrserziehung der Kinder, engagiert sich im Personalrat und leitet den Schulchor.

Die Schülerinnen und Schüler aus der ersten Klasse wissen nicht, ob sie ihre Lehrerin nach den Sommerferien wiedersehen können. Die Eltern wissen nicht, ob sie sich auf eine neue Ansprechperson einstellen müssen. Das Land Hessen fördert mit der befristeten Beschäftigung die Fluktuation unter den Lehrkräften. Aber das Ministerium hat keine pädagogischen Bedenken.

Zumindest auf der rechtlichen Ebene tut sich etwas: Eine hessische Grundschullehrerin klagte gegen die Beschäftigungspraxis des Landes. Zehn Jahre lang war sie nur befristet beschäftigt, insgesamt hatte sie 13 Verträge erhalten. Im März dieses Jahres gab ihr das Arbeitsgericht Gießen recht. Nun muss das Land handeln.

Aber die Politik macht nur das Nötigste. Das Ministerium bietet nun einigen Lehrern einen festen Vertrag an – vorausgesetzt, sie sind seit mindestens zehn Jahren befristet beschäftigt und hatten dabei 13 oder mehr Zeitverträge. Pech für Karin Gebauer, sie geht leer aus.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will nun Klagen weiterer Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, um das Land Hessen zum Handeln zu zwingen. Auch Karin Gebauer will klagen. Vielleicht wird auch sie irgendwann eine ganz normale Stelle bekommen. Dann kann sie sich endlich voll und ganz ihren Schülerinnen und Schülern widmen.

 

06:00 23.06.2013

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