Nina Marie Bust-Bartels
Ausgabe 1714 | 28.04.2014 | 07:00 1

Hinter verschlossenen Türen

Eventkritik Eine Göttinger Theatergruppe spielt ein Stück über Homosexualität in der Kabine eines Fußballstadions – und eckt damit an

"Männer, ich will euch kämpfen sehen!" Leicht vornüber gebeugt geht der Trainer vor seiner Mannschaft auf und ab. "Wir gehen da jetzt raus und reißen denen den Arsch auf."

Die Umkleidekabine im Fußballstadion von Göttingen ist etwa 20 Quadratmeter groß, schlauchförmig, ohne Fenster. Aber auf den Bänken unter den Kleiderhaken sitzt heute keine Mannschaft, die Zuschauer des Theaterstücks Steh deinen Mann quetschen sich hier zusammen. Auf dem Boden liegt Kunstrasen, der Trainer federt wie elektrisiert hin und her, verteilt Trikots an die Zuschauer, aber nur an die Männer. Er schreit und ballt die Fäuste. „Wir sind ein Team.“ Die 30 Leute in der Umkleide brüllen: „Team. Team. Team.“ Dazu erklingt der Henry-Maske-Song Conquest of Paradise, es ist das ganz große Sportpathos.

Die Göttinger Theatergruppe „Boat People Projekt“ will mit ihrem Stück die Welt des Männermannschaftssports sezieren. Es geht um Matze, gespielt von Matthias Damberg. Blonder Kurzhaarschnitt, ein bisschen Bart. Hinten auf seinem hellblauen Trikot steht BSV Sülbeck.

Matze ist aufgewühlt von einer Statistik: zehn Prozent aller Männer sind schwul, hat er gehört. Das hieße ja, in jeder Mannschaft gebe es – statistisch gesehen – einen schwulen Spieler. Und so begibt sich Matze auf die Suche nach dem schwulen Fußballer. Die Umkleidenatmosphäre wird dabei mit zunehmender Spielzeit durch die Körperwärme der Besucher immer authentischer. Der kleine Raum heizt sich ordentlich auf, immer mehr Pullis werden ausgezogen.

Outing erst nach der Karriere

Als Thomas Hitzlsperger Anfang des Jahres erklärte, er sei homosexuell, dachte Autor Christopher Weiß, das sei es jetzt gewesen. Die Fragestellung seines Stücks funktioniere nicht mehr. Wieso sollte man jetzt noch den schwulen Fußballer suchen? Aber Hitzlsperger outete sich erst, nachdem er aus dem Profifußball ausgeschieden war. Den aktiven schwulen Profifußballer gibt es immer noch nicht.

Und in Steh deinen Mann geht es vor allem um die Welt der kleinen Fußballvereine in den unteren Ligen, Göttingen 05 etwa kickt in der Oberliga Niedersachsen. In der Kabine versucht Matze sich zu erinnern – da war doch diese Szene in der Dusche. Schauspieler Matthias Damberg spielt die Rückblenden in einer grandiosen Ein-Mann-Show. Er spielt nicht nur sich, sondern auch seine Mannschaftskollegen. Zwischendurch wirft der Beamer Matzes Recherche an die Backsteinwand. Vielleicht Micha? Der hatte pinke Fußballschuhe. Ein anderer tänzelte immer so um den Ball herum. Wieder ein anderer benutzte Haarwachs mit Himbeergeruch, verdächtig. Auch noch aus der Jogi-Löw-Kulturtasche!

Matze greift die gängigen Klischees auf. Bei jeder vermeintlich schwulen Eigenschaft legt er das Foto eines Fußballprofis auf den Kunstrasen. Ronaldo und Gómez strecken ihre babyweichen Oberkörper in die Kamera, Reus posiert recht tuntig, Lahm, Schweinsteiger, Götze, sie alle sind verdächtig.

Das geht dann doch zu weit. König Fußball, betont prollig gespielt von Gerd Zinck, schaltet sich ein. Als Video an die Wand projiziert, spricht er zu seinem Untertan. „Sind Sie der junge Mann, der behauptet, dass es in meinem Reich Männer gibt, die, wie soll ich sagen, anders sind?“ Matze erwähnt die Statistik. „Es gibt keine schwulen Fußballer. Wir sind richtige Männer“, beteuert König Fußball. Dann grölen sie das Lied vom Rasen der Männlichkeit. Regisseur Reimar de la Chevallerie, Autor Weiß und Schauspieler Damberg haben früher selbst Fußball gespielt. „Drei Tage haben wir zusammen gesessen und uns Geschichten erzählt. Unter anderem aus diesem Material hat Christopher Weiß das Stück geschrieben“, sagt de la Chevallerie.

Der Männerbund – im Fußball wie in anderen Mannschaftssportarten – funktioniert nur, weil seine Mitglieder untereinander ein asexuelles Verhältnis haben. In der Kabine flimmern jetzt Bilder von sich umarmenden und küssenden Fußballern über die Wand, romantisches Klaviergeklimper begleitet sie. Dass im Fußball mit viel Körperkontakt gejubelt wird, ist klar, die Zärtlichkeit der Bundesligakicker überrascht trotzdem. Diese ist aber nur möglich, weil eine ständige Abgrenzung gegenüber dem Schwulsein stattfindet.

Die Abwertung des Anderen

Das Stück erzählt auch eine fiktive Schöpfungsgeschichte des Fußballs, als Animation an die Wand projiziert. Die unschuldigen Männer im Paradies spielen nackt miteinander. Erst als sie angestiftet von der Schlange vom Baum der Erkenntnis essen, werden sie sich ihrer Sexualität bewusst. Schauspieler Damberg singt: „Wer hat Angst vorm schwulen Mann?“ Nicht zufällig ist das Lied an das rassistische Kinderspiel „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ angelehnt. Rassistische und homophobe Diskriminierung funktionieren ähnlich – durch Abwertung des Anderen.

Im Publikumsgespräch nach der Vorstellung ist Jimmy Hartwig zu Gast. Der HSV-Star aus den Achtzigern ist Integrationsbotschafter des DFB. Der Sohn eines GI und einer Deutschen war einer der ersten schwarzen Spieler in der Bundesliga. „Die Vereine haben Angst davor“, sagt er im Bezug auf Homosexualität im Fußball. Niemand wolle sich die Blöße geben, anzuerkennen, dass es schwule Fußballer in den eigenen Mannschaften gebe.

Den meisten Zuschauern an diesem Abend sieht man an, dass sie nicht mehr auf dem Platz stehen. Eigentlich will das Theaterprojekt aber Jugendliche in den Vereinen erreichen. Das Stück soll durch die Umkleidekabinen touren, so die Idee von „Boat People Projekt“. 50 Anfragen haben die Theaterleute an Vereine der Umgebung geschickt. Ohne Erfolg. „,Dieses Thema hat in meinem Kopf keinen Platz und in meinem Verein sowieso nicht‘, hat uns der Präsident von Göttingen 05 auf die Anfrage geantwortet“, sagt Regisseur Reimar de la Chevallerie. In der Kabine des Vereins darf das Stück jetzt nur spielen, weil das Stadion der Stadt gehört.

Steh deinen Mann Autor: Christopher Weiß; Regie: Reimar de la Chevallerie
Weitere Vorstellungen: 28./29. April und 19./20. Mai im Göttinger Jahnstadion, jeweils 15.30 Uhr & 19.30 Uhr

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/14.

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