Wir kriegen euch schon klein

Nicht in Berlin Im Istanbuler Freizeitpark Kidzania werden Kinder an die Arbeits- und Markenwelt gewöhnt
Nina Marie Bust-Bartels | Ausgabe 50/2015

Die große Halle ist funktional-spartanisch eingerichtet, Neonlicht strahlt von der Decke. Jungs und Mädchen stehen in Reih und Glied an einer Theke, mit ihren weißen Haarnetzen und den roten Schürzen sehen sie alle gleich aus. Vor ihnen liegen ein Brötchen, ein Stück Fleisch und ein paar Saucen, an der Wand hängt das Logo von Burger King: Die Kinder stellen in einer Mini-Fast-Food-Fabrik Hamburger her. Willkommen in Kidzania.

Der Themenpark liegt im asiatischen Teil Istanbuls, im Untergeschoss einer Shopping-Mall nahe der Autobahn am Rand der Stadt. An diesem Ort sollen Kinder zwischen 4 und 14 Jahren das Leben der Erwachsenen kennenlernen. Also: arbeiten, Geld verdienen, Geld ausgeben, um wieder zu arbeiten.

Kidzania ist eine in Kindergröße nachgebaute Stadt. 1999 hat das erste Kidzania in Mexico-City eröffnet, mittlerweile finden sich weltweit 20 solcher Themenparks, die der mexikanische Unternehmer Xavier López Ancona erfunden hat. Die einzelnen Häuser der Stadt haben viele kleine Räume. Durch die 10.000 Quadratkilometer ziehen sich Ministraßen und Plätze, es gibt ein Theater und ein Stadion. In jedem Haus schlüpfen Kinder in die Rolle eines anderen Berufs. Sie können Feuerwehrleute werden, Zahnärztinnen, Models oder Spione. Für ihre Arbeit bekommen sie Kidzos, die Währung von Kidzania.

Unterrichtsfach Kapitalismus

Der Freizeitpark betreibt eine Universität und ein Karrierecenter, eine Fahrschule und eine Disco. Dort, selbstverständlich auch fürs Studieren, müssen die Kinder mit den Kidzos bezahlen, die sie beim Feuerlöschen oder Spionieren verdient haben. Gäbe es ein Unterrichtsfach Kapitalismus, wäre Kidzania der Klassenraum. Und tatsächlich rühmt sich Kidzania damit, eine pädagogisch wertvolle Einrichtung zu sein. Hier würden die Kinder den Umgang mit Geld üben und verschiedene Berufe ausprobieren. „Jedes Kind der Türkei soll einmal in Kidzania gewesen sein“, sagt Ipek Altay, die Pressefrau. Schon jetzt kooperiert Kidzania mit den Schulen Istanbuls. Man wolle jedoch alle Kinder erreichen und nicht nur die, deren Eltern ihre freien Tage in der angrenzenden Shopping-Mall verbringen.

Die Firmen und realen Unternehmen, mit denen Kidzania kooperiert, ziehen sich ihre Kundinnen und Käufer von morgen heran und wollen ihre Produkte und Logos in die Kinderköpfe kriegen: Kleine Mechaniker schrauben an einem Ford herum, andere sitzen an den Kassen der Supermarktkette Migros oder rollen Fisch in Algenblätter bei Sushico. Die Unternehmen fungieren als Sponsoren und bezahlen natürlich für ihre Präsenz, wie viel, verrät Kidzania nicht. Eltern kostet der Eintritt für die Kinder umgerechnet 20 Euro, gemessen am türkischen Lohnniveau viel Geld. Damit niemand vom Konsum ausgeschlossen wird, bietet Kidzania Rabatte für Schulklassen an. Bisher habe noch keine einzige Schule die Zusammenarbeit abgelehnt, sagt Ipek Altay.

Unter Recep Tayyip Erdoğan ist in der Türkei eine neue, konsumorientierte großstädtische Mittelschicht entstanden, und mit ihr kamen die Shopping-Malls. 2013 sollte im Gezi-Park im Zentrum Istanbuls ein Einkaufszentrum gebaut werden, aus den Protestaktionen dagegen entstand schließlich eine Bewegung gegen Erdoğans gesamte Politik.

Irgendwas mit Erdbeben

Dafür ist in der Kidzania-Welt freilich kein Platz. 600 fleißige Kinder schreien durch den Raum, an dessen Decke ein blauer Himmel mit Schönwetterwölkchen gemalt ist (im Kinderkapitalismus regnet es nie). Vor der Mini-Burger-King-Fabrik stehen die nächsten Arbeitswilligen schon Schlange. Anil, sieben Jahre alt, drückt seine vielen Scheine an die Brust und versucht verzweifelt, sie festzuhalten. „Ich sammle das Geld lieber, ich geb es nicht gern aus“, sagt er. 25 KidZos spendiert die Bank als Startkapital, die meisten seiner Scheine hat Anil sich jedoch erarbeitet. So wie Ayla neben ihm, auch sie hat die Hände voller Scheine. „Wenn ich groß bin, will ich Ärztin werden“, sagt Ayla, in der Kidzania-Krankenstation war sie noch nicht. Die meisten Jobs in Kidzania drehen sich ums Essen – Burger, Pizza, Döner, Schokolade, Fruchtgummi, Cupcake. In einer Keksfabrik der türkischen Schokoladenmarke Ülker drücken die kleinen Hände Zuckerdrops auf vorgefertigte Teigstücke. Draußen rattern Mini-Sackkarren mit Coca-Cola-Kisten vorbei. Die Schiebenden tragen rote Westen und Mützen mit dem Firmenlogo. Auch vor der Polizeischule und dem Gefängnis drängeln sich die Kinder. Anders als im wirklichen Istanbul haben die Beamten hier weder Tränengas noch Wasserwerfer. Artig sitzen sie vor einem Bildschirm und schauen sich ein Lehrvideo an.

In Kidzania herrscht keine Freiheit, nichts ist unbeschwert. Arbeit gespielt wird in starren Strukturen und strikt nach Anweisung. Jeder Beruf hat einen exakt vorgegebenen Zeitrahmen, die Erwachsenen zeigen den Kindern, wie die Arbeit funktioniert. In Kidzania wird hauptsächlich gearbeitet oder konsumiert, und wenn mal richtig gespielt wird, funktioniert das so: Für 20 Minuten Fußball zum Beispiel müssen 20 Minuten lang Coca-Cola-Kisten gestapelt – oder 40 Minuten lang Polizeidienst absolviert werden.

Überall vergleichen die Kinder ihre Stapel bunter Kidzos-Scheine. Am besten verdienen Erdbebenexperten, ein Job, den es nur in der türkischen Filiale von Kidzania gibt. „Wir wollen Anreize dafür schaffen, dass viele Kinder später einen Beruf in diesem Umfeld ergreifen“, sagt die Pressereferentin Ipek Altay. In der Türkei brauche man Leute, die sich mit dem Thema Erdbeben auskennen. Künstler und Schauspieler werden am schlechtesten bezahlt, aber egal was die Kinder wählen: Kidzania ist ja ein Wunderland. In Kidzania gibt es Jobs für alle.

06:00 23.12.2015

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