Aufs Gas getreten

Energiewende Führt der Ausstieg aus der Atomkraft über Gaskraftwerke? Eine saubere Lösung – glaubt die Kanzlerin. Die Realität ist eine andere

Dass die Deutschen im Winter nicht in ihren Häusern frieren müssen, verdanken sie einer Gegend, die ein paar tausend Kilometer weiter östlich liegt, tief in der russischen Tundra. Dort lebt das Hirtenvolk der Nenzen.

Früher haben die Nenzen in Jurten gewohnt, ihre Rentiere über die weite Sumpf-, Fluss- und Seenlandschaft getrieben und zum Kochen einfach Schnee geschmolzen. Heute wäre das sehr ungesund. Der Schnee ist gelb oder schwarz, Chemikalien im Boden vergiften die Rentiere. Die Landschaft ist zerfurcht, von Baggern umgepflügt, übersät von riesigen Röhren. Hier ist jetzt das russische Gasland. Um die westsibirische Stadt Nowy Urengoi herum fördert der Staatskonzern Gazprom mehr Erdgas als sonst irgendwo. Die EU nimmt das Gros dieses Gases ab, ein beträchtlicher Teil davon geht an Deutschland. 40 Prozent des Erdgases, das hier verbraucht wird, stammt aus Russland. Bisher kommt es über Pipelines durch die Ukraine und Weißrussland.

Im Vorjahr haben die Deutschen 100 Billionen Liter Erdgas verbraucht, das entspricht dem doppelten Volumen des Bodensees. Und jetzt, da bis zum Jahr 2022 alle Atommeiler vom Netz gehen sollen, kann die Nachfrage nur wachsen: Für die „Zeit des Übergangs“ hat Kanzlerin Angela Merkel hocheffiziente Gaskraftwerke dazu bestimmt, die Energielücke zu schließen. Bisher liefern die Gaskraftwerke in Deutschland vor allem Wärme. Spätestens ab 2017 müssen jedoch neue Kraftwerke gebaut werden, um Stromausfälle zu vermeiden, heißt es in einem Gutachten des Büros für Energiewirtschaft.

Kleiner Wirkungsgrad

Gaskraftwerke erscheinen aus verschiedenen Gründen ideal: Sie lassen sich innerhalb von drei bis fünf Jahren bauen und je nachdem, ob Wind- und Sonnenkraftwerke Strom ins Netz einspeisen, hoch- und runterfahren. Und ist das Gas erst einmal im Kraftwerk, gestaltet sich die Angelegenheit auch technisch übersichtlich: Entweder das Gas wird verbrannt und erhitzt Wasser, das verdampft und dann eine Turbine antreibt. Oder das Brenngas treibt unter Druck direkt die Turbine an. Solche Gasturbinenkraftwerke haben aber den Nachteil, dass die Verbrennungshitze nur zu einem geringen Teil genutzt werden kann. Der Wirkungsgrad ist klein, ein großer Teil der Energie verpufft. Deshalb sollen Gas- und Dampf-Kombikraftwerke (GuD) die heißen Gase doppelt nutzen: direkt und mit Wasserdampf, der von den noch heißen Abgasen erzeugt wird. Siemens hat im bayerischen Irsching eine Pilotanlage mit einem Wirkungsgrad von mehr als 60 Prozent errichtet. Angeblich verbraucht die 500 Millionen Euro teure und 444 Tonnen schwere Gasturbine ein Drittel weniger Gas als der Durchschnitt der bestehenden Kraftwerke.

Wenn weniger Gas verbrannt wird, strömt auch weniger Kohlendioxid aus dem Schornstein. Zum Klimaschutz tragen Gaskraftwerke aber sicherlich nicht bei. Sie blasen zwar nur halb so viel Kohlendioxid in die Luft wie Kohlekraftwerke. Das sind aber immer noch 400 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde. Dem Umweltbundesamt zufolge entstehen durch neue Gaskraftwerke EU-weit letztlich nur wegen des Emissionshandels keine zusätzlichen CO2-Emissionen. Ein weiteres Problem: Die Energiekonzerne weigern sich derzeit, neue Gaskraftwerke zu bauen. Als Lückenfüller für die Ausfälle von Wind- und Solaranlagen seien sie einfach nicht rentabel genug.

Es stellt sich für die Betreiber dabei immerhin die Frage, welches Gas in den Kraftwerken denn verbrannt werden soll. Zunächst noch das russische Gas aus der Ostseepipeline: Seit Anfang November ist der erste Strang eröffnet, der Russland direkt mit Deutschland verbindet: 1224 Kilometer weit ziehen sich mehr als 100.000 Rohre aus 2,5 Millionen Tonnen Stahl durch die Ostsee. Wenn auch der zweite Strang im nächsten Jahr verlegt ist, könnten jährlich 55 Billionen Liter Erdgas nach Deutschland und weiter nach Westeuropa strömen. Eine Alternative zum Gasimport über Pipelines aus Russland bietet zudem das Flüssigerdgas, LNG (Liquified Natural Gas): Das Gas wird gereinigt, bis es zu mehr als 90 Prozent aus Methan besteht, dann wird es auf minus 162 Grad Celsius abgekühlt. Es verdichtet sich auf ein Sechshundertstel seines Volumens und wird flüssig. So lässt es sich auch aus abgelegeneren Regionen wie Algerien, Indonesien und Katar nach Europa schiffen. Allerdings geht ein Viertel des Gases verloren, während es verflüssigt wird. In den Pipelines sind es zehn Prozent. Das Bundeswirtschaftsministerium sieht LNG dennoch als Chance: Deutschland hat bereits LNG-Terminals in Frankreich und in den Niederlanden aufgekauft.

Fest steht aber, dass der Gasstrom aus den großen Lagern endlich ist: Offiziellen Schätzungen zufolge reichen die bekannten Reserven vielleicht noch 60 bis 70 Jahre. Und Experten wie Werner Zittel von der Ludwig Bölkow Systemtechnik GmbH sind selbst da skeptisch. Zittel befasst sich seit Jahren mit den Risiken der Gasförderung. Russland habe sein Fördermaximum längst überschritten, sagt der Energieexperte. Für das Land mit dem größten Erdgasvorkommen der Welt werde es immer teurer und schwieriger, neue Quellen zu erschließen, und in Europa gehe die Förderung von Erdgas längst zurück. „Man sollte nicht überrascht sein, wenn schon bald Probleme auftauchen“, sagt Zittel.

Anlass fürs Fracking

Weil Gasbedarf und Gaspreis ansteigen, während die großen Reservoirs sich leeren, suchen immer mehr Förderkonzerne deshalb nach sogenanntem unkonventionellem Gas. Große Mengen Erdgas sind in den Poren tiefer liegender Gesteine eingeschlossen. Sie werden seit ein paar Jahren durch ein fragwürdiges Verfahren angezapft: hydraulic fracturing, kurz Fracking genannt (siehe Freitag Nr. 40/2011). Dazu wird kilometertief ins Erdreich gebohrt, erst senkrecht, dann horizontal. Anschließend presst man unter großem Druck Wasser ins Bohrloch, bis das gashaltige Gestein zerreißt und Gas freisetzt. Damit die Risse offen bleiben, werden mit dem Wasser Sand und bis zu 500 Chemikalien in den Boden gepumpt. Die USA fördern bereits 90 Prozent ihres Erdgases durch Fracking. Selbst in Deutschland bohren Energiekonzerne inzwischen auf Probe nach Gas in den tiefen Zwischenräumen. Dass Fracking massive Probleme mit sich bringt, steht allerdings außer Frage: Die mit Chemikalien durchsetzte Flüssigkeit, die ins Erdinnere gepumpt wird, lässt sich nur zum Teil wieder heraussaugen. So können krebserregende Stoffe durch die Risse ins Grundwasser wandern. Und auch das Gas löst sich darin: In der US-Stadt Dimock können manche Bewohner ihr Trinkwasser schon am Hahn anzünden.

Dass Gaskraftwerke eine Übergangslösung – und als solche eventuell sogar sinnstiftend – wären, lässt sich durchaus bezweifeln angesichts der Bemühungen, auch noch den letzten fossilen Energieträger aus diesem Planeten zu pressen und zu verfeuern. Dabei käme für eine langfristige Verwendung von Gaskraftwerken viel eher noch die Verknüpfung mit alternativen Energien infrage: Überschüssiger Strom aus Wind- und Solaranlagen kann via Elektrolyse aus Wasser und Kohlenstoff Methan erzeugen, also synthetisches Erdgas. Das ließe sich speichern, transportieren und bei Bedarf in den GuD-Kraftwerken wieder in Strom zurückverwandeln. Das Erdgasnetz übernähme auf diese Weise die Rolle eines Stromspeichers – oder könnte in kalten Wintern die Bude schön wärmen.

Benjamin von Brackel schreibt für den Freitag vor allem über Energiethemen

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15:00 05.12.2011
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Ausgabe 42/2021

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