"Den Normalsterblichen überlegen"

Im Gespräch Von Haus aus Vorbild, Kontakte und den entsprechenden Habitus: Der Elitenforscher Michael Hartmann erklärt, warum Adlige heute noch immer schneller aufsteigen als andere

Der Freitag: Besitzt der Adel heute noch Einfluss in Deutschland?

Als gesonderte Sozialformation kann man den Adel in Deutschland nicht mehr bezeichnen, weil er keinen rechtlichen Sonderstatus mehr besitzt und die sozialen Unterschiede innerhalb des Adels zu groß sind. Einfluss üben nur noch einzelne Angehörige des Adels aus oder kleine Gruppen, die Machtpositionen besetzen. Aber den Adel als einheitliche soziale Kraft findet man nicht mehr.

Wie stark ist der Adel in der Elite vertreten?

Verglichen mit seiner Größe ist er weit überproportional in den Eliten vertreten. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit adliger Herkunft in die Top-Etagen der deutschen Wirtschaft aufsteigt, ist erheblich größer als bei allen anderen Gruppen. Bei 6.500 Promovierten, die wir untersucht haben, waren gerade mal gut 50 Adlige. Von denen haben es aber 18 in die Vorstände größerer Unternehmen und fünf in die Vorstände von Großkonzernen geschafft. Das ist ein doppelt so hoher Prozentsatz wie selbst bei den Großbürgerkindern. Aber selbst wenn sie weit überproportional erfolgreich sind: Aufgrund ihrer geringen Anzahl spielen Adlige in den Eliten insgesamt keine große Rolle.

Warum schaffen es Adlige schneller nach oben?

Das hat zwei Gründe: Zum einen haben sie große Vorteile durch ihre Kontakte und Informationsnetzwerke. Vor allem im Hochadel gibt es ein sehr stabiles und lang andauerndes Geflecht von Personen, die in wichtigen Positionen sitzen. Zum anderen spielt der Habitus eine große Rolle, jene Persönlichkeitsmerkmale, die letztendlich ausschlaggebend dafür sind, ob man als dazugehörig gilt. Wichtig ist das vor allem in der Wirtschaft.

Wie macht sich der Habitus bemerkbar?

Dass man im Auftreten immer signalisiert: Man weiß, dass man zu den Mächtigen in der Gesellschaft gehört, dass man von Kindesbeinen in einem Milieu aufgewachsen ist, wo man bestimmte Dinge als selbstverständlich erfahren hat. Zu Guttenberg ist da ja das beste Beispiel: Er war in seiner Heimatregion schon als Kind eine öffentliche Person: Wenn man als 12- oder 13-Jähriger bei öffentlichen Anlässen als Vertreter seines Vaters Reden hält und die Bürgermeister und die Normalbevölkerung hören andächtig zu, dann ist das für ein Kind etwas völlig Ungewöhnliches. Aber wenn man so groß wird, dann ist klar, dass man sich über viele Dinge keine Gedanken macht. Man weiß, was geht und was nicht, man weiß auch, wie die Codes sind, Benimm, Kleidung et cetera, und wie Macht funktioniert. Das sind habituelle Merkmale, die schon für den Erfolg von Großbürgerkindern ausschlaggebend sind. Im Hochadel sind die aber noch stärker ausgeprägt.

Warum?

Die Jahrhunderte schwingen mit: Der klassische Hochadel hat Jahrhunderte von Herrschaftstradition hinter sich. Und das schafft ein Gefühl der Selbstverständlichkeit dazuzugehören und Macht auszuüben. Man hat zu Hause in den Schlössern Gemälde hängen von ehemaligen Reichsministern oder führenden Militärs. Das ist eben der normale Alltag, mit dem man konfrontiert wird. Erlernen lässt sich das nur sehr beschränkt.

Ist das eine Art Code der Oberschicht, der Türen in Führungsetagen öffnet?

Ja natürlich. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man auftritt, dieses Nichtbemühtsein. Das gilt immer dort, wo von Seiten der Mächtigen im kleinen Kreis ausgewählt wird. Und das ist typisch für die Wirtschaft.

Und in der Politik?

Da war es lange Zeit anders. Vor 30 Jahren noch wäre das Phänomen zu Guttenberg nicht möglich gewesen. Sein Großvater war zwar eine wichtige Person in der Politik, aber er hat eher Fäden im Hintergrund gezogen. Er war kein Politiker, der in der Bevölkerung populär war. Der alte Adel musste wie auch das Großbürgertum lange mit dem Image kämpfen, zu abgehoben zu sein und nicht zum Volk zu gehören – und damit nicht wählbar zu sein, außer vielleicht in einzelnen ländlichen Regionen, wo eine Familie wie die zu Guttenbergs seit Jahrhunderten herrschte.

Heute ist das anders?

Ja. Heute bekleiden Personen wie zu Guttenberg, de Maiziere oder von der Leyen wirklich wichtige Positionen. Und sind populär: die Großbürgertochter von der Leyen war ja lange Zeit nach zu Guttenberg die zweitbeliebteste Politikerin. Und zwar weil beide eine Eigenschaft haben: Sie demonstrieren Unabhängigkeit. Man muss es nicht machen des Geldes oder der persönlichen Karrierevorteile wegen. Man macht es aus Überzeugung und steht dann auch zu seinen Positionen, so zumindest ist der äußere Eindruck. Und das kommt gut an, weil es sich abhebt vom normalen Politiker. Der hat in den letzten 20 Jahren einen rasanten Vertrauensverlust erlebt. So hat sich vor allem nach der Schröder-Ära das Gefühl breit gemacht: Die machen das nur, um nachher viel Geld zu verdienen. Der Wechsel von Schröder, Fischer und Clement in die Wirtschaft, das hat die Menschen skeptisch gemacht. So etwas trauen die meisten Bürger einem Guttenberg nicht zu. Da hoffen sie, dass er genug Geld hat, dass er das nicht nötig hat und auch meint, was er sagt.

Ihr missionarisches Auftreten stützen Politiker wie von der Leyen und zu Guttenberg auf ihre Unabhängigkeit?

Ja, sie sind ja nicht in die klassischen Parteikarrieren eingebunden. Die Aufstiege waren Blitzkarrieren: Zu Guttenberg ist 1998 erst in die CSU eingetreten und es hat keine zehn Jahre gedauert, da war er schon an der Spitze eines der zentralen Ministerien. Bei von der Leyen ging die Karriere noch schneller: Sie hat nur vier Jahre gebraucht, um von der Stadträtin zur Bundesministerin zu werden. Das ist der Unterschied zum klassischen Politiker, der die Ochsentour durch die Partei macht.

Und da hilft der Name...

Von der Leyen hätte das nie geschafft ohne den Namen und die Verbindungen ihres Vaters in der CDU. Und für Guttenberg gilt in der Region, wo er her stammt: Wenn ein zu Guttenberg ein politisches Amt will, dann stellt sich keiner in den Weg. Das ist so was wie ein Erbrecht.

Glauben Leute wie zu Guttenberg oder von der Leyen eigentlich wirklich, dass sie es besser können?

Ich glaube schon, dass sie das Gefühl haben, den Normalsterblichen überlegen zu sein. Zu Guttenberg wurde das ja schon in der Kindheit und Jugend vermittelt. Und bei von der Leyen war es eben normal, dass zu Hause alle möglichen wichtigen und mächtigen Leute ein- und ausgingen. Dann traut man sich auch mehr zu und findet es selbstverständlich, viel Einfluss nehmen zu wollen und zu können. Eine hohe Position ist dann nicht völlig ungewöhnlich und ein Glücksfall, sondern im Rahmen des in der Familie Üblichen.

Michael Hartmann, Jahrgang 1952, ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Managementsoziologie und Eliteforschung. Er ist Autor der Studie Eliten und Macht in Europa (Campus Verlag)

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08:00 28.04.2011
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Ausgabe 37/2021

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