"Der nächste bitte!"

Q-Cells-Pleite Solarzellen auf dem Dach sind das Sinnbild für die Energiewende durch den Bürger. Die wird weitergehen – trotz Subventionskürzung und Solar-Firmen-Pleiten

Unter den deutschen Solarmodulherstellern geht es derzeit zu wie im Wartezimmer beim Arzt. In kürzester Zeit meldet einer nach dem anderen Insolvenz an. Jüngstes Beispiel ist die Firma Q-Cells, einstmals größter Solarmodulhersteller der Welt und heute mit Platz zehn immer noch größter deutscher Anlagenbauer. Im Dezember hatte es den Berliner Photovoltaikhersteller Solon und die Erlanger Firma Solar Millenium erwischt. Weiteren Firmen ging es gleich, andere stehen inzwischen kurz vor der Pleite. Und auch die Solarzellen-Leidenschaft der deutschen Bürger wird gebremst. Wie konnte es dazu kommen? Und was lässt sich gegen die Misere tun?

Die Photovoltaik ist zum Sinnbild einer Vision geworden: Die Bürger nehmen die Energiewende selbst in die Hand. Jeder Hausbesitzer kann, wenn es sein Budget zulässt, selbst seinen Teil zum Umbau des Energiesystems beitragen und sich Solarzellen aufs Dach zimmern lassen. Die überwältigende Nachfrage nach Solarmodulen zeigt, dass die Deutschen die Energiewende tatsächlich wollen. Natürlich: Für viele spielt dabei eine Rolle, dass sie dank der üppigen Subvention durch die EEG-Umlage ein Geschäft daraus schlagen können. Doch das kann allein kaum die Motivation sein, schon allein deswegen, weil sich Solaranlagen etwa erst nach acht bis 20 Jahren amortisieren, je nachdem, ob es sich um Solaranlagen zur Stromerzeugung oder Solaranlagen für Warmwasser durch Solarthermie handelt. Ein Stück weit Idealismus gehört also dazu.

Und so haben die Deutschen so emsig ihre Däche bepflastert, dass der Solarstrom inzwischen einen Anteil von vier Prozent an der deutschen Stromversorgung eingenommen hat – 2011 wurden Sonnenkraftwerke mit 7.500 Megawatt Spitzenleistung installiert. Die Vision nimmt Form an: Eine dezentrale Energieversorgung ohne Kohle- und Atomkraft, die Tausende Kilometer Netzausbau überflüssig macht, die ohne die Kapitalmacht der vier großen Energieversorger auskommt und von den Bürgern im Land selbst vorangetrieben wird – mit dem Solarstrom als einem Baustein. Eine schöne Geschichte.

Die Regierung bremst

Die Lust, die Dächer mit Siliziumzellen zu bedecken, schien kein Ende zu nehmen. Bis die Regierung beschloss, die Solarförderung zweimal in einem Jahr drastisch zu kürzen. Ziel war, den Zubau zu deckeln, damit die Strompreise nicht zu stark steigen. So wird die Energiewende, die der Bürger selbst vorantreibt, abgewürgt. Ein fatales Signal: Nach dem Atomausstieg verkündete die Regierung vollmundig ein neues Zeitalter der Erneuerbaren Energien, doch nun bremst sie dessen Umsetzung, statt sie voranzutreiben. Natürlich sollte das Ziel sein, dass die Solarfirmen auch ohne staatliche Unterstützung auf dem Markt bestehen können, deswegen ist die langsame Absenkung vernünftig. Zumal die EEG-Umlage, die alle Deutschen mit dem Strompreis zahlen, vor allem den Hausbesitzern im Süden der Republik zugute kommt. Doch eine allzu starke Absenkung schadet.

Für die Solarfirmen wird dieses Auf und Ab der Förderpraxis zum Problem. Denn mit den Subventionen hat die Regierung den Solarboom erst ausgelöst – was auch richtig war, denn keine neue Energieform setzt sich anfangs ohne staatliche Hilfe am Markt durch. Das Problem war nur, dass damit auch das Interesse chinesischer Firmen geweckt wurde, die den deutschen Markt eroberten. Solange die staatliche Unterstützung groß war, ging das für die deutschen Firmen noch gut – spätestens nach der Kürzung im Januar fingen aber die Schwierigkeiten an. Die deutschen Produzenten konnten in den vergangenen Jahren zwar die Produktionskosten deutlich senken, die Solaranlagen wurden schnell billiger, doch gegen die chinesische Konkurrenz können die meisten auch heute nicht mithalten.

Reiz der Schutzzölle

Das Versprechen, durch die Energiewende im eigenen Land gleichzeitig die technische Führerschaft in Sachen Erneuerbare Energien mit zu erreichen, scheint nicht aufzugehen. Die günstigen Siliziumzellen können die chinesischen Unternehmen ebensogut herstellen, auch im Maschinenbau holen sie auf. Schutzzölle wären ein Mittel, den Markt vor chinesischen Billigsolarmodulen zu schützen. Das Argument dafür: Wie lässt sich dem Stromkunden erklären, dass mit seiner Förderung durch die EEG-Umlage nicht primär deutsche Anlagenbauer profitieren, die einen Weg gefunden zu haben schienen, etwa im Osten Deutschlands eine zukunftsfähige Industrie aufzubauen – wie im Solar Valley rund um Bitterfeld-Wolfen oder in Frankfurt Oder – sondern statt dessen chinesische Anlagenbauer, weil sie ihre Arbeiter mit Billiglöhnen abspeisen, beim Gesundheits- und Umweltschutz sparen und ihre Firmen durch billige Kredite päppeln, jedenfalls bis diese die Märkte dominieren. Die USA haben es vorgemacht und der freien Einfuhr chinesischer Solarmodule den Riegel vorgeschoben. Solarworld hatte dort geklagt und will das nun auch bei der EU-Kommission tun. Einen Preisanstieg sollte dann der Wettbewerb im Inland verhindern.

Schutzzölle und ein sanfteres Absenken der Solarförderung könnten kurzfristig durchaus Sinn machen. Langfristig muss das Ziel aber sein, dass sich die deutschen Firmen eher durch Innovation gegen die Konkurrenz aus Asien durchsetzen und ohne Suventionen auskommen. An Ideen, wie sich der Wirkungsgrad der Solarmodule verbessern ließe, fehlt es jedenfalls nicht, wie etwa die Freiburger Firma Concentrix beweist, die mit Bündellinsen das Sonnenlicht 500-fach konzentriert, oder andere Firmen, die auf Dünnschichtzellen setzen. In Zukunft könnte jede horizontale Baufläche, jedes Dach, später vielleicht sogar Fenster zur Stromerzeugung dienen. Die Vision einer Energiewende von unten ist noch nicht ausgeträumt.

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16:45 03.04.2012
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