Die Hölle morgen

Umwelt Der UN-Klimagipfel in Katowice wird zeigen, ob Trump den Klimaschutz nachhaltig demolieren kann
Die Hölle morgen
Die Erde, sie weint wie kein anderer Planet: São Paulos austrocknendes Cantareira-Reservoir 2014

Foto: Nacho Doce/Reuters

Eigentlich hätte der UN-Klimagipfel in Katowice ein Arbeitstreffen abseits der Weltöffentlichkeit werden sollen. Verhandler aus 197 Staaten sollten von 3. Dezember an das 2016 in Kraft getretene Pariser Klimaabkommen in ein Regelwerk übersetzen: eine globale, einheitliche Grundlage für den Klimaschutz. Und die Frage beantworten, woher genau die 100 Milliarden Dollar für den Grünen Klimafonds kommen sollen, welche die Industrieländer den ärmsten Entwicklungsländern ab 2020 versprochen haben, damit sich diese auf heftigere Wirbelstürme, Dürren und Überflutungen vorbereiten können. Alles zweifelsohne wichtig, politisch aber unspektakulär.

Nun aber hat die Wirklichkeit das Drehbuch für Katowice umgeschrieben. Der Gipfel bekommt durch politische Entwicklungen in den USA, in Brasilien und anderen Ländern auf einmal zentrale, ja historische Bedeutung. Will die Weltgemeinschaft den 2015 eingeschlagenen Weg weitergehen? Das Ende des Zeitalters der fossilen Energien einläuten sowie ein Auseinanderbrechen der Allianz von Paris verhindern? Dann muss sie ein Signal senden. Dafür aber genügt ein Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen nicht, es bräuchte eine Ankündigung möglichst vieler Staaten, ihre Treibhausgasemissionen schneller zu drosseln als bisher beschlossen.

Warum? Weil es auf der einen Seite immer klarer wird, was es für die Welt bedeutet, wenn sie sich um 1,5, 2 oder 3 Grad erwärmt. Und weil zugleich auf der anderen Seite viele Länder in nationale Egoismen zurückfallen und am liebsten wieder so weitermachen wollen wie zuvor.

Der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC (der Freitag 40/2018) hat aufgezeigt, dass es darauf ankommt, um jedes halbe Grad Erwärmung zu kämpfen. Würde sich die Welt um zwei Grad statt um 1,5 Grad erwärmen, würden die Meere zehn Zentimeter höher steigen. Das klingt zwar nicht nach viel, beträfe aber zusätzliche zehn Millionen Menschen. Dieses halbe Grad würde sogar 400 Millionen Menschen mehr extremer Hitze aussetzen. Selbst von den zwei Grad sind wir aber weit entfernt, wie der Bericht gezeigt hat: Im Moment steuern wir auf eine Drei-Grad-Erhitzung zu. Nötig wäre also, dass die Länder schnell ihre Zielvorgaben erhöhen. Stattdessen zeichnet sich ein gegenläufiger Trend ab.

Donald Trump will mit den USA – immerhin zweitgrößter CO2-Emittent der Welt – aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen; Zusagen für Klimagelder an die ärmsten Staaten hat Trump schon gestrichen. Zwar halten sich die direkten Auswirkungen für den Klimaschutz noch in Grenzen, da etwa die Hälfte der US-Bundesstaaten weiter daran arbeitet, ihren Klimagasausstoß einzudämmen.

Schwerer könnte ein indirekter Effekt wiegen: Schon jetzt fühlen sich erste Länder vom US-Präsidenten ermuntert, ihrerseits weniger zu tun. Australien will nicht mehr in den Grünen Klimafonds einzahlen. Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro will den Amazonas-Regenwald für die Rinderindustrie freigeben und liebäugelt ebenso wie Trump mit einem Ausstieg aus dem Pariser Abkommen.

Saudis und Deutsche blocken

Das könnte auch andere altbekannte Klima-Blockierer wieder auf den Plan rufen. Saudi-Arabien hat sich schon in den Vorbereitungstreffen zu Katowice wiederholt quergestellt. Aus Deutschland ist auch kein Signal zu erwarten, ehrgeizigere Ziele vorzugeben – im Gegenteil: Die Bundesregierung sieht sich nicht mehr an ihr Klimaziel für 2020 gebunden und selbst das für 2030 dürfte sie nach derzeitigem Stand verfehlen.

Wenn aber die Industrieländer und insbesondere die EU schon nicht vorangehen, wie sollen dann die Schwellen- und Entwicklungsländer vom Klimaschutz überzeugt werden, die schon heute für den Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich sind, also China, Indien, Brasilien, Indonesien, Vietnam oder die Philippinen?

All diese Länder haben sich erst deshalb im Pariser Klimaabkommen verpflichtet, ihre Emissionen zu drosseln, weil die Industrieländer sie mit dem Versprechen köderten, beim Klimaschutz voranzugehen und den globalen Süden finanziell zu unterstützen.

Aufhalten oder gar umkehren lässt sich die globale Wende nicht mehr, dafür sind die Ökoenergien inzwischen zu billig und ist schon zu viel Geld in den Umbau des Energiesystems geflossen, während die Gesundheitsbelastung durch Kohle und Co. immer offensichtlicher wird. Die Frage ist nur, wie lange die Blockierer unter den Ländern und die fossilen Energieunternehmen, die ihre letzte Abwehrschlacht schlagen, den Wandel hinauszögern können.

Es wäre also ein Signal von existenzieller Wichtigkeit für Hunderte Millionen von Menschen, wenn eine Reihe von Vorreitern in Katowice schon erklärt, ihre Klimaziele zu erhöhen – Frankreich, Spanien, Schweden, Großbritannien und Kanada wären Kandidaten. Wie schlecht es um Deutschlands Beitrag zum Klimaschutz bestellt ist, lässt sich daran ablesen, dass niemand mehr damit rechnet, auch Deutschland könnte zu den Vorreitern gehören. Sondern dass es höchstens noch darum geht, mit einem Datum für den Kohleausstieg auf dem Gipfel sein Gesicht zu wahren.

Benjamin von Brackel ist stellvertretender Chefredakteur bei klimareporter°

06:00 03.12.2018
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