Man spricht Deutsch, reloaded

Eventkritik Die Union will die deutsche Sprache retten und lädt Literaten in den Bundestag ein. Die aber empfehlen im Grunde nur eines: dass die Politik sich raushält

Natürlich ist Karl-Theodor zu Guttenberg auch hier Thema, auf der Konferenz „Sprache ist Heimat“ der Unionsfraktion im Bundestag. CDU-Mann Wolfgang Börnsen kann es sich in der Vorstellungsrunde nicht verkneifen, auf den „redlich erworbenen Doktortitel“ des Gastes Hellmuth Karasek hinzuweisen – die Lacher der etwa 150 Zuhörer gehen auf Kosten seines adligen Fraktionskollegen. Literaturkritiker Karasek revanchiert sich mit dem Hinweis auf die Errungenschaft der Buchdruckerei durch Gutenberg, was er nicht als Anspielung verstanden wissen wolle. Und was natürlich dennoch eine ist.

Eigentlich wollte sich die Union an diesem Montagmittag als Hüterin der deutschen Sprache profilieren, als Bollwerk gegen Anglizismen und Kanak Sprak auf Pausenhöfen. Dazu soll auf der Konferenz ein Katalog an Forderungen debattiert werden: Vierjährige sollen Sprachtests machen, Migrantenkinder und ihre Eltern Sprachkurse belegen, Schilder nur noch mit deutschen Hinweisen versehen werden, Deutsch in der Wissenschaft und in der EU vorangetrieben und ins Grundgesetz aufgenommen werden.

Der Schlachter als Tierrechtler

„Die Sprachthematik bleibt eines der wesentlichen Kernanliegen unserer Fraktion“, beendet Börnsen seine Einleitung. Und zum ersten Mal beschleicht den Zuhörer an diesem Mittag das Gefühl, hier Zeuge eines großen Missverständnisses zu werden. Politiker als Hüter der Sprache? Noch abstruser wäre vielleicht der Wandel des Schlachters zum Tierrechtler. Versuchen Politiker doch alles, um sich nicht festlegen zu müssen: Mit Floskeln und Phrasen reden sie endlos und sagen doch so oft nichts – um Wähler nicht zu verschrecken und sich Spielräume offen zu halten.

„Wir tragen mit dazu bei, eine Sprache zu pflegen, die viele gar nicht verstehen“, gibt Unionsfraktionschef Volker Kauder zu. Er sitzt mit Bundestagspräsident Norbert Lammert neben dem Rednerpult. Wenn die eingeladenen Gäste vom Pult mahnen, dass die „Verkünder der Gesetze“ zur „Verkümmerung der Sprache“ beitragen, senken sich die Mundwinkel und neigen sich die Köpfe der beiden schuldbewusst.

Die Gastredner tun ihr Bestes, die Unionsvorschläge als Aktionismus bloßzustellen. Dabei fällt Jacqueline Boysen, Kulturkorrespondentin des Deutschland-Radios, die undankbare Aufgabe zu, die Veranstaltung zu moderieren. Auf ihre Fragen, wie und ob Politiker die deutsche Sprache vor Fremdeinfluss schützen sollen, will ihr aber partout keiner antworten.

Schriftstellerin Herta Müller überlegt, quält sich. „Was ist Einfluss?“, fragt sie. „Wie kann man eine Sprache schützen?“, haucht sie ins Mikro, auf ihrer Stirn bilden sich tiefe Falten. Man müsse die Menschen schützen, die die Sprache sprechen; die Sprache an sich sei keine eigenständige Sache – so schrieben Schriftsteller nicht der Sprache, sondern des Inhalts wegen. Bei Karasek stößt Boysen ebenso auf Widerstand: „Auch an mir geht die Frage vorbei“, sagt er und macht sein Karasek-schaut-wie-ein-begossener-Pudel-Gesicht. Am besten könne man die Sprache schützen, wenn jeder sich frei äußern dürfe, wenn Presse- und Meinungsfreiheit garantiert seien. Ja, aber das sei doch der Fall, sagt die Moderatorin.

Die Union will trotzdem etwas zu retten haben. „Politik ist für Sprache nicht zuständig, wohl aber verantwortlich“, doziert Norbert Lammert nun am Pult stehend. Die deutsche Sprache gehöre im Grundgesetz verankert, dann gebe es auch nicht die Debatten, ob Migrantenkindern Deutsch im Kindergarten zugemutet werden dürfe. Und Parteikollege Börnsen meint, dass das Ansehen des Deutschen in Wissenschaft und Politik ständig schwinde, auch weil Firmen mit Anglizismen nur so um sich würfen. Selbst Lena singe für Deutschland auf Englisch beim Grand Prix. „Sprecht endlich wieder Deutsch!“, ruft er kämpferisch in den Fraktionssaal.

Herta Müller sieht die Sache emotionsloser. Ein Deutsch-Eintrag ins Grundgesetz sollte höchstens eine symbolische Bedeutung haben. Es helfe nichts, zu messen, welches Land mehr Wörter habe. „Mit Statistik kann man keine Sprache erhalten, dazu brauchen wir die Menschen“, sagt sie. Und wenn es wirklich dazu komme, dass die deutsche Sprache verschwinde und damit auch das deutsche Volk, „dann gibt es eben ein anderes Volk“.

Die Nobelpreisträgerin tadelt

Die Unionsdamen lächeln bei dieser Provokation – Herta Müller darf das, mögen sie sich denken, schließlich ist sie ja Nobelpreisträgerin, die mit Samthandschuhen angefasst wird: Vorredner entschuldigen sich für banale Fragen an sie, Nachredner dafür, dass es im Lichte der Nobelpreisträgerin anmaßend wäre, die eigene unbedeutende Meinung kundzutun. „Ich möchte die Nobelpreisträgerin nicht in jedem zweiten Satz haben“, tadelt Müller die Politiker.

Volker Kauder hat da schon den Raum verlassen. Nicht ohne vorher allerdings noch erwähnt zu haben, dass er zur Rettung des Deutschen beitrage, indem er im Ausland nur Deutsch spreche und dolmetschen lasse. Seine Anwesenheit bei der Veranstaltung sei aber sowieso nur dem Umstand geschuldet gewesen, dass er Fraktionschef sei, entschuldigt er sich.

Der redlich promovierte Dr. Karasek möchte keine gesetzlich geregelte Sprache. Das Deutsche brauche keinen Beschützer, betont er. Es habe schon Epochen überstanden, in denen von der Obrigkeit nur Latein oder Französisch gesprochen wurde. Wie ein großer Magen verdaue die Sprache alles und speie es wieder aus – so ergehe es auch den Anglizismen.

Am Ende der Veranstaltung kommt die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Grütters, zum Ergebnis, dass man sich keine Sorgen um die Sprache zu machen brauche, dass das Deutsche andere Sprachen auch einbinden könne. Einen Rüffel teilt sie dennoch aus, an Parteikollegen Christian Wulff: Der Bundespräsident solle sich in Zukunft auf Deutsch in die Gästebücher anderer Länder eintragen. „Das haben wir ihm schon gesagt.“

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18:30 22.02.2011
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Ausgabe 41/2021

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