Noch nie so gut vorbereitet

Eventkritik Bahnchef Rüdiger Grube musste wegen des S-Bahn-Chaos in Berlin vor den Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses. Ein Trauerspiel in fünf Akten

Prolog

Noch lächelt er. Der kleine Mann mit den grauen Haaren betritt den Saal 378 des Berliner Abgeordnetenhauses, schüttelt Hände, blickt freundlich ins Publikum. Um ihn herum kreisen Fotografen und Kameramänner. Sein Anhang, ein Tross Deutsche-Bahn-Mitarbeiter, nimmt Platz. Dahinter drängelt sich eine Schar aus genervten Pendlern, S-Bahn-Mitarbeitern und Journalisten. „Was für ein Bohai“, sagt ein Lokalreporter. „Na, wenn schon mal der König von Deutschland kommt“, witzelt seine Kollegin. Wörter wie „Komödie“ und „Inszenierung“ schwirren durch den Raum.

Bahnchef Rüdiger Grube dürfe nicht mit leeren Händen kommen, hatte Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit gefordert, nachdem in der Hauptstadt der S-Bahnverkehr fast zusammengebrochen war. Mit dem Beginn des neuen Jahres hatte die S-Bahn, die als Tochter-Unternehmen zur Deutschen Bahn gehört, einen wegen des kalten Winters und Wartungsrückständen bereits bestehenden Notfahrplan durch einen weiteren Notfahrplan des Notfahrplans ausgedünnt. Manche Strecken wurden komplett stillgelegt, viele Linien fuhren nur noch alle 20 Minuten. Allerdings vergaß man nicht, die Preise für die Fahrkarten zum Jahrewechsel anzuheben, was die Wut der Kunden noch steigerte. Grube ist unter Zugzwang.

1. Akt

Ausschuss-Chef Thomas Flierl versichert sich noch, dass der RBB sendebereit ist – eine Live-Übertragung ist geplant, Heiner Geißlers Schlichtungsversuche in Stuttgart hatten schließlich Phoenix unerwartete Quotenerfolge beschert. „Gut, wir können starten“, sagt Flierl nach einem Zeichen. Der RBB ist sendebereit.

Auftritt Bahnchef. Wer gedacht hätte, dass Grube die Rolle des reuigen Sünders übernimmt, sieht sich enttäuscht. Zwar entschuldigt sich Grube bei Abgeordneten und Kunden – für die S-Bahnkrise macht er aber Andere verantwortlich. Namentlich den Winter, einen Fahrzeugbauer und die frühere S-Bahn-Geschäftsleitung. An der Deutschen Bahn liege das Chaos zuallerletzt. Der Winter sei von der Bahn noch nie so gut vorbereitet gewesen wie der jetzige. Ja, aber immer noch nicht gut genug, sagt der Bahnchef, nachdem ein Abgeordneter lautstark protestiert. Im Saal gibt es Geraune. Er wolle sich nicht länger rechtfertigen, sondern nach Lösungen suchen, sagt Grube. Entschädigungen könne er heute nicht verkünden, er bitte erneut um Vertrauen. „Vielen Dank.“

2. Akt

Auftritt Senatorin. Irgendwie hat Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sich das anders vorgestellt. Sie sucht nach immer neuen Worten, um auszudrücken, was sie von der Arbeit der Deutschen Bahn in Sachen S-Bahn hält – nämlich wenig. Grube macht Notizen, blickt dann aber ob der Angriffe der Antipodin auf. Die Senatorin ist enttäuscht, dass Grube nichts darüber gesagt habe, wie er Kunden entschädigt wolle. Die Ankündigung, Züge zu bestellen, hält sie für „Ablenkung“, da es fünf bis sechs Jahre brauche, bis jene fahren könnten. Im Publikum kursieren Trabbi-Vergleiche.

3. Akt

Auftritt der Sprecher. Die Abgeordneten versuchen sich darin zu überbieten, dem Bahnchef die Leviten zu lesen. Grube soll versprechen, die Kunden zu entschädigen. „Wenn sie heute nichts sagen, haben sie eine große Chance auf Wiedergutmachung vertan“, sagt ein SPD-Abgeordneter. Eine Grüne redet sich noch mehr in Rage: „Sie haben die S-Bahn zerschlagen, kaputt gemacht. Sie haben das Vertrauen der Stadt verspielt.“ Als Erpressung empfinde sie es, wenn Züge nur dann gekauft würden, wenn der Vertrag mit der Bahn über das Jahr 2017 verlängert werde. Und jetzt Busse als Ersatz anzubieten, sei der „Gipfel der Hilflosigkeit.“ Grube presst die Lippen aufeinander.

4. Akt

Erneuter Auftritt des Bahnchefs. Grube wedelt mit einem Stift in der Luft, holt aus, bewegt ihn wie einen Hammer. „Jetzt muss ich ihnen aber mal was sagen“, fängt er seine Sätze an. Er verweist erneut auf die Versäumnisse der Ex-Geschäftsleitung der S-Bahn, auf die langen Zulassungsverfahren. Als er nicht mehr weiter weiß, bittet er den Geschäftsführer der Berliner S-Bahn zu übernehmen. Er könne ruhig, ohne zu beschönigen, darlegen, wie sich das S-Bahn-Chaos im Dezember entwickelt habe. Nachdem der das erledigt hat, wehrt sich Grube gegen den Vorwurf, er würde versuchen, das Land zu erpressen, mit der Bahn den Vertrag über 2017 hinaus zu verlängern. Versprechen wolle er nicht machen, weil das Schnellschüsse seien und in einem halben Jahr dann alle sagen würden, der Grube, das sei ein Schwätzer. Eine Grünen-Abgeordnete zieht ihre Digitalkamera hervor und fotografiert den Bahnchef. Der hebt seine Unterlagen und wedelt damit herum, dutzendfach klickt es, die Presse-Fotografen suchen nach Motiven. „Vielen Dank.“

5. Akt

Erneuter Auftritt der Senatorin. Junge-Reyer legt mit ihrer Kritik nach. Der Senat solle sich nicht „erpressbar“ machen. Sie erinnert Grube an das Grundgesetz, das die Bahn verpflichte, sich am Gemeinwohl zu orientieren. Eine Abgeordnete klopft auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirren. Mit einem Stift in der Hand meldet sich Grube, doch Junge-Reyer belehrt ihn weiter. Als Grube sich ein drittes Mal meldet, zeigt Ausschuss-Chef Flierl Gnade: Aus reiner Höflichkeit dürfe der Angesprochene ..., Grube fällt ihm ins Wort. Er verspricht, in regelmäßigen Abständen im Abgeordnetenhaus zu erscheinen.

Epilog

Am Ende scheint sich das Chaos auf den Schienen auch im Raum auszubreiten. Eine Abgeordnete der Linken, die Grube wortreich um die Bestätigung seines Versprechens bittet, wird von Parteikollege Flierl aufgefordert, die Redezeit einzuhalten. Sie kritisiert noch schnell die CDU-Vertreter („Ihr quatscht die ganze Zeit“). Ein FDP-Mann rät Grube noch einmal, die Probleme zu lösen, dann ist die Sitzung zu Ende. Der Bahnchef verlässt mit starrer Miene, ohne sich zu verabschieden, den Raum und eilt die Steintreppe hinab. Es ist ein wortloser Abgang.

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