Vom Reihenhaus in den Dschungel

Kolumbien Tanja Nijmeijer schloss sich vor zehn Jahren der linken FARC-Guerilla an. Jetzt soll sie bei den beginnenden Friedensgesprächen mit am Verhandlungstisch sitzen

Ihre Stimme klingt zart, wenn sie das spanische „r“ rollen lässt, fast schüchtern. Wenn sie lächelt, wirkt die junge Frau mit dem Zopf und dem hübschem Gesicht wie das Mädchen aus einer niederländischen Mittelschichtsfamilie, das sie einmal war. Wäre da nur nicht die etwas zu groß geratene tarngrüne Uniform, in der sie steckt, und das Maschinengewehr auf ihrem Schoß, das sie halb verdeckt.

Die Geschichte von Tanja Nijmeijer klingt unglaublich: Im Jahr 2000 hat sie sich den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc)angeschlossen, die seit einem knappen Jahrhundert gegen die Staatsmacht kämpft. Nun soll sie mit dabei sein, wenn die Friedensverhandlungen zwischen dem Staat und der Guerilla ab dem 15. November auf Cuba richtig beginnen. Die 34-Jährige soll übersetzen, aber außerdem auch als Aushängeschild der Guerilla dienen.

Buchsbäumchen im Garten

Der Krieg in Kolumbien zwischen der marxistischen Untergrundgruppe und dem Staat hat 600.000 Opfer gefordert: Entführte, Gefolterte, Vergewaltigte, Tote. Alvaro Uribe, der frühere Präsident Kolumbiens, hatte mit aller Härte und dem Einsatz von Todesschwadronen eine Reihe ihrer Führer umbringen lassen und die Farc geschwächt. Der neue kolumbische Präsident Juan Manuel Santos aber weiß, dass der Krieg trotzdem nicht zu gewinnen ist und geht deshalb einen anderen Weg: Er tritt in Verhandlungen. Erstmals nach fast 50 Jahren scheint Frieden in dem geschundenen südamerikanischen Land greifbar. Auch für Tanja Nijmeijer, die Rebellin.

Nijmeijer wächst im niederländischen Dorf Denekamp auf, nahe der deutschen Grenze in einer Doppelhaushälfte mit Buchsbäumchen im Garten, ehe sie nach Groningen zum Spanischstudium geht und sich in linken Studentenzirkeln engagiert. Im Jahr 2000 reist sie das erste Mal nach Kolumbien, um ein Praktikum in einer Dorfschule für Wohlhabende zu machen. Überwältigt vom Gegensatz zwischen dem Reichtum einiger Weniger und der Armut in den Slums, soll sie Vorträge von Unterstützern der Guerilla besucht haben.

Noch einmal reist sie in die Niederlande zurück, lebt in einem besetzten Haus und regelt ihre Abschlussarbeit. Dabei plant sie schon eine Hilfsaktion für die Landbevölkerung Kolumbiens. Ihre Eltern versuchen, ihr die Reise auszureden. Aber Nijmeijer hat ihren Entschluss gefasst: Sie will in den bewaffneten Kampf treten.

2002 geht sie in den Dschungel und schließt sich der Farc an. Videos, die auf Youtube zu sehen sind, zeigen sie in Armeehose, Top und mit umgeschnalltem Maschinengewehr, während sie durch Urwaldpfade wandert, Brennholz trägt, kocht oder Gitarre spielt. Sie ist eine von mehreren Europäern unter den Guerilleros, arbeitet vor allem als Dolmetscherin. Aber sie kämpft auch. Und steigt auf zur rechten Hand des Farc-Vize Víctor Suárez alias Mono Jojoy, dessen Geliebte sie wird.

Den Eltern erzählt sie lange nichts. Erst 2005, nachdem Nijmeijer sie in den Dschungel eingeladen hat, reist ihre Mutter allein nach Kolumbien und gelangt nach mehreren Tagen in das Lager. Mit ihrer Tochter sieht sie sich Familienfotos aus einem Urlaub in der Türkei an. Hannie Nijmeijer versucht, ihre Tochter davon zu überzeugen, mit ihr zurückzukehren. Doch die ist stur. Zurück bleibt der Mutter nur ein Erinnerungsfoto aus dem Camp der Farc. Sie hat den Arm um ihre Tochter gelegt, die neben ihr sitzt im Top und mit einem geflochteten Zopf. Beide versuchen zu lächeln.

Verlorener Idealismus

In einem seltenen Interview erzählt die Mutter später, wie eine ihrer Töchter einmal zu ihr gesagt habe: „Das Einzige, worin du vielleicht als Mutter gescheitert bist, ist, dass du uns übertrieben empfindlich für das Soziale gemacht hast.“ Dieses soziale Empfinden dient Hanni Nijmeijer als Erklärung, warum gerade ihre Tochter Rebellin in einer Gruppe wurde, die sich aus Drogengeld finanziert und mit Anschlägen zur Gewalt in Kolumbien beiträgt.

2007 stürmen kolumbianische Streitkräfte ein Lager der Farc. Die Rebellen fliehen, zurück bleiben drei Tote und ein brisanter Fund: Tagebücher. Die von Tanja Nijmeijer. Darin beklagt sich die Niederländerin, die sich inzwischen „Eillen“ nennt, über den Sexismus der Anführer, darüber dass einige im Lager Aids hätten, aber niemand Kondome benutze, und über den verlorenen Idealismus der Gruppe; sie zweifelt, ob ein bürgerliches Leben in ihrer Heimat nicht doch das Richtige für sie wäre. An anderen Stellen aber schreibt sie: „Hier bewege ich mich wie ein Fisch im Wasser. Der Dschungel ist meine Heimat. Die Farc ist mein Leben, meine Familie.“

Die Veröffentlichung der Tagebücher bringt Nijmeijer in Not. Angeblich soll sie sich 2008 einem Volkstribunal der Farc stellen, ihr droht der Tod. Was sie rettet: Die Organisation hat plötzlich ganz andere Probleme. Gleich drei ihrer Anführer werden binnen kurzer Zeit erschossen. Außerdem wird Nijmeijer mit ihren Sprachkenntnissen gebraucht.

2009 wird sie dann von den kolumbianischen Behörden in Abwesenheit angeklagt, Bombenanschläge auf eine Polizeistation, einen Supermarkt und eine Schnellbuslinie verübt zu haben. Die Mutter reist erneut in den Dschungel. Über einen Radiosender der Armee richtet sie aus: „Liebes Mädel! Wir vermissen dich sehr. Komm bitte zurück zu uns! Melde dich!“ 2010 stürmen kolumbianische Streitkräfte erneut ein Lager der Farc, Víctor Suárez, Nijmeijers Kommandant, wird getötet. Von der Niederländerin aber fehlt jede Spur.

Umso überraschender nun die Meldung, dass die 34-Jährige der Farc-Delegation in Cuba angehören soll. Begeistert darüber soll die kolumbische Regierung nicht sein. Doch die Haftbefehle gegen sie sollen für die Zeit ausgesetzt werden. Und wer weiß: Vielleicht stellt sich für Nijmeijer sogar noch einmal die Frage nach einem bürgerlichen Leben.

12:35 07.11.2012
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