Wilde Triebe statt zarter Liebe

Botanik Blümchensex soll ­unschuldig sein? Da lacht der Biologe. Denn Pflanzen haben eine ziemlich komplizierte Fortpflanzungsdynamik

Ach, die Natur. Friedlich erscheint sie uns, still, lieblich, wildwüchsig manchmal, aber doch unverdorben, der grüne Gegenpol des Animalischen. Ein schöner Schein, dabei ahnen wir nicht, was zwischen den grünen Halmen vor sich geht, während wir an einem Sommertag im Gras liegen. Pflanzen sind weder brav noch passiv. Wie Tiere wollen sie nur eines: sich vermehren. Und um dieses Ziel zu erreichen, lassen sie sich eine Menge Tricks einfallen – Tricks jenseits von Nektar oder Blütenduft. Tricks, die bis zum Kindermord gehen können.

Aber der Reihe nach. Dass eine Blume keine Unschuld vom Lande ist, flackert uns als schwache Erinnerung an den Sachkundeunterricht: Wenn der Pollen in den Staubbeuteln der Blüte reif ist, platzt der Pollensack auf und der Blütenstaub geht auf die Reise. Entweder schwemmt ihn der Regen aus der Blüte, pustet ihn der Wind in die Luft oder transportiert ihn ein Insekt zur nächsten Blüte. Dort klebt der Pollen an der Narbe fest und versucht, sich durch den Griffel zu wühlen bis in den Fruchtknoten. Hier lagert die Eizelle. Um an die heranzukommen, stößt der Pollen einen Schlauch hinein, damit eine seiner Spermazellen mit der Eizelle verschmilzt. Wer da nicht an Sex denkt!

Doch das ist längst nicht alles. Pflanzen haben in Sachen Fortpflanzung ein viel größeres Repertoire als Tiere. Um sich in den Jahrmillionen der Evolution durchzusetzen, haben manche recht sadistische Täuschungsmanöver entwickelt, um zum Stich zu kommen.

Sado-Blume mit Bienenpopo

Eine dieser Professionellen ist die Bienenragwurz, eine Orchideenart, die überall in Europa vorkommt. Das Innere ihrer Blüte sieht dem Hintern eines Bienenweibchens nicht nur zum Verwechseln ähnlich. Mit ihrem Pelz fühlt sie sich zudem noch so an – und tatsächlich duftet sie auch wie ein jungfräulicher Bienenpopo.

Bald kommt deshalb das arglose Bienenmännchen angeflogen, gelockt vom Duft der „Sexualtäusch-Orchidee“. Es entdeckt den Pelz, schwebt hinab und macht sich daran zu schaffen, beglückt darüber, dass das Bienenweibchen weder murrt noch zappelt. Die Drohne tastet sich am Haarstrich des Flaums entlang, der ihm den Weg zum Geschlecht weist – normalerweise. Es müht sich ab, doch will der Akt einfach nicht gelingen. Die Bienenragwurz treibt ihr Opfer fast in den Wahnsinn, bis das Bienenmännchen entnervt aufgibt und zur nächsten Orchidee fliegt, wo das Spiel von vorne losgeht. Im Gepäck hat es nun aber die Pollen der Blüte, welche sich an der feuchten Narbe des zweiten Ragwurzes verfangen. Für die Orchidee läuft jetzt alles nach Plan, die Bestäubung ist gelungen. Doch die Biene wird schier närrisch. Nach dem Begattungsdesaster versuchen manche Drohnen gar, sich gegenseitig zu besteigen, bis sie verwirrt davontaumeln. So beschreibt es jedenfalls Thomas Miedaner in seinem Buch „FortPflanzen“.

Nun kostet das Sex-Mimikry-Spielchen des Bienenragwurz’ viel mehr Aufwand und Energie als die vergleichsweise billige Nektarproduktion. Warum hat sie sich dennoch durchgesetzt? Es ist die Verlässlichkeit der Täuschung, sie funktioniert einfach zu gut. „Das Ziel ist es, die Insekten als Bestäuber fest an sich zu binden“, sagt Claudia Erbar. Die Botanik-Professorin forscht an der Universität Heidelberg zu Bestäubungstechniken. Neben dem Nektaranreiz gebe es eben auch die Sex-Lockmethode. „Der Sexualtrieb zwingt die Tiere, darauf zu reagieren, da hier angeborene Schlüsselreize angesprochen werden.“

Im Laufe der Jahrmillionen haben Pflanzen ihre Fortpflanzung immer besser angepasst. Vermehrten sich Pflanzen in ihrer frühen Evolution allein durch Zellteilung, setzte sich die sexuelle Reproduktion bald immer häufiger durch. Der wichtigste Grund: Inzest ist auf Dauer keine gute Lösung, und es sich selbst zu besorgen noch weniger. Aber auch dazu sind Pflanzen in der Lage, sie tun es allerdings erst, wenn alle anderen Strategien scheitern. Gelingt es etwa der Bienenragwurz nicht, Insekten anzuziehen, dann welkt der nach oben stehende Teil ihrer Blüte an dem die Pollen hängen und wandert in Richtung Narbe. Diese Selbstbestäubung bringt völlig normale Nachkommen, allerdings besitzen sie keine neuen Gene, auf Dauer können sich so gezeugte Pflanzen schlechter gegen Parasiten zur Wehr setzen, die sich immer neu an die Pflanzen anpassen. Erstaunlicherweise sind die meisten Pflanzen trotzdem Zwitter, mit weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen in einer Blüte. Auf getrennte Pflanzen verteilen sich die Geschlechter nur selten, etwa in Erlen, Hanf und Hopfen.

Um zum Zug zu kommen, haben Pflanzen auch Betrugsmethoden entwickelt, die Insekten nicht nur an der Nase, respektive am Stachel, herumführen, sondern ihnen Schaden zufügen. So macht es die Aristolochia gigantea. Auf den ersten Blick sieht die Pflanze aus Nord- und Südamerika aus wie ein mit Schinken behangener Strauch. Auf den ersten Riecher erinnert ihr Duft an verfaultes Aas und das finden auch die Fliegen. Sie legen ihre Eier ab, weil sie annehmen, dass es sich um eine gute Brutstätte handelt, in der der Nachwuchs gedeihen kann. Aber falsch gedacht: Die Aristolochia klappt um und sperrt die Besucher ein. Ihr Staubbeutel platzt, die Gefangenen werden mit Pollen überzogen. Nach einem Tag lässt die Aristolochia die Fliegen frei. Sie schwirren mit dem Blütenstaub davon. Die Eier aber sterben ab. „Das ist nichts anderes als Kindermord“, sagt Erbar.

Fast naiv, dass die alten Griechen in den Pflanzen noch reine Wesen sahen; die Gelehrten im Mittelalter hielten sie für leblos. Als im Jahr 1676 der britische Arzt Thomas Millington behauptete, Pflanzen seien Geschlechtswesen, erklärten ihn nicht wenige für durchgeknallt. Heute ist das unumstritten. Streit herrscht hingegen über die Frage, zu was Pflanzen überhaupt so fähig sind.

„Noch heute denken viele Wissenschaftler, eine Pflanze reagiert wie ein Automat ohne Wille. Aber Pflanzen haben eine Wahl, sie wissen was sie tun und können optimale Entscheidungen treffen“, sagt Frantisek Baluska von der Universität Bonn. Der Zell-Biologe weiß, dass er sich mit seinen Thesen nicht nur Freunde macht unter den Wissenschaftlern. Er ist aber überzeugt: Weil die Pflanzen sich in der Erde verwurzeln und nicht einfach wegrennen können, wenn sich ein Tier nähert, das sie fressen will, müssen sie viel stärker auf ihre Umgebung acht geben und ständig Informationen sammeln, verarbeiten und weiterschicken. Pflanzen können laut Baluska auf ihre Weise sehen, hören und riechen. Sehen, weil sie Lichtsignale mit Rezeptoren auf ihren Membranen wahrnehmen und sich danach ausrichten. Während sich etwa Sprossen dem Licht zubewegen, versuchen Wurzeln dem Licht auszuweichen und wieder unter die Erde zu gelangen. In den Wurzelspitzen gibt es Rezeptoren, welche die Signale bearbeiten. Hören, weil sie Vibrationen in der Luft durch ihre Membranen wahrnehmen. „Wenn man mit der Pflanze redet, spürt sie ein mechanisches Signal“, sagt Baluska. Riechen, weil sie Duftstoffe aussondern und darüber auch kommunizieren, etwa um andere Pflanzen vor Feinden zu warnen. Von Allelopathie reden die Biologen. Keine Antworten haben die Wissenschaftler bisher auf die Frage gefunden, ob Pflanzen auch leiden. „Tiere können ohne Schmerz nicht überleben, warum soll es bei Pflanzen anders sein?“, fragt Baluska. Zumindest ist klar, dass Pflanzen Stress erleben, etwa wenn sie zu wenig Wasser bekommen.

Wissenschaftler wie Baluska tappen jedoch im Dunkeln, wenn sie erklären müssen, wie sich Pflanzen entscheiden – etwa ob sie nun ihr Wachstum einstellen, mit Duftstoffen anderen Pflanzen Signale schicken oder sich fortpflanzen. „Da die Mainstream-Wissenschaftler in der Forschungsförderung mitentscheiden, wird sich an dieser Situation auch so bald nichts ändern.“

Die Menschen trauen Pflanzen also eher wenig Gefühle zu. Was sie nicht daran hindert, umso mehr in sie hinein zu interpretieren. Vor allem in die Form: Schamlippen, Vulven, erigierte Penisse, die Botanik spiegelt offenbar auch menschliche Sexualität. Vom Phallus in Kakteenpflanzen, bis hin zum Reich der Pilze, die den Tieren ja ohnehin weit näher stehen.

Pilz mit 13 Geschlechtern

Nichts, was es unter Pilzen nicht gibt: Erstmal kuscheln viele, noch unentschlossen, ob sie jetzt parasitieren sollen oder sich fortpflanzen. Männliche Pilze pflanzen sich dabei auch gern mit anderen Pilzboys fort. Und der Schleimpilz Physarum hat gar 13 Geschlechter. Was will er damit, wie sehen die aus? „Das kann man nicht auf männlich und weiblich reduzieren“, erklärt Kerstin Hoffmann vom Institut für Mikrobiologie in Jena. Jeder Pilz hat 13 Geschlechtsgene und Sex gibt es nur mit Pilzen, die sich vollständig in diesen 13 Erbanlagen unterscheiden. Das zeitigt Partnersuche auf höchstem Niveau. Ob Pilz mit Pilz kann, finden viele Arten über Pheromone heraus, die sie verströmen. Trüffel sondern gar Steroide ab, die im Speichel und Hoden von Ebern vorkommen, aber auch im Atem von brünftigen Bären.

Sinnbildlich passt es da ganz gut, dass viele Pilze einem Phallus ähneln – etwa die Stinkmorchel. Wegen ihres Aasgeruches und der spitz-zulaufenden Form wird sie auch „unzüchtiger Penis“ genannt. Der Schleim, der an der Spitze des Pilzes austritt, lockt Fliegen und Mistkäfer an, die sich über die Gallerte hermachen, dabei aber gleichzeitig Sporen aufnehmen und verbreiten. Die erstaunliche Ähnlichkeit ist dennoch Zufall:. „Sie mag vielleicht helfen, wenn eine Pflanze den Boden durchstoßen muss“, erklärt Thomas Miedaner.

Wenn das Sexualleben von Pflanzen und Pilzen so viel ausgeklügelter ist, als viele denken: Haben Pflanzen zu allem Überfluss denn auch Orgasmen? Eine Frage, mit der die Forscher dann doch etwas überfordert sind. Soll heißen: peinlich berührt („Nein nein, also so etwas gibt es nicht!“) oder schwer belustigt („Oh Gott nein! Davon weiß ich nichts“). Womit zumindest noch nichts ausgeschlossen ist. Und bedenkt man, was alles geht im Grünen: Wer wäre da noch überrascht?

FortPflanzen. Was Sie schon immer über Sex bei Pflanzen wissen wollten. Thomas Miedaner Frankfurt 2009, 180 S., 24,90

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12:10 03.01.2011
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Ausgabe 38/2020

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