Zuhause in der Zukunft

Architektur Der niederländische Fotograf Bas Princen hat die Ränder von Großstädten im Nahen Osten fotografiert. Hier entstehen futuris­tische Zwischenreiche, in denen regionale Eigenheiten verschwinden

Der Freitag: Herr Princen, Sie haben für ihr Projekt „Five Cities“ Gebäude in Istanbul, Beirut, Amman, Kairo und Dubai fotografiert. Was reizte Sie an diesen Bauten, die oft Gefängnisanlagen oder monströsen Kästen gleichen?

Bas Princen: Was mich fasziniert ist das Zusammenspiel zwischen den Stadtteilen: Da gibt es luxuriöse OberschichtsViertel und zweihundert Meter weiter wohnen die pakistanischen Gastarbeiter. Beide Viertel sind frei begehbar, es gibt keine Grenze zwischen ihnen. Sie verstecken sich nicht voreinander. So entsteht ein neuer Typus Stadt, in dem sich die Gegensätze auf engstem Raum parallel entwickeln. Mich interessiert dabei, wie sich die beiden Extreme beeinflussen: Schon einfache Appartementblocks orientieren sich an den geschlossenen Wohnanlagen der Oberschicht, indem die Fenster in den ersten beiden Stöcken klein gehalten sind, damit keiner hineinkommt. Diese kleinen Anpassungen habe ich gesucht.

Wie entstand die Idee für das Projekt?

Mich hat die Internationale Architektur Biennale von Rotterdam (eine alle zwei Jahre stattfindende Ausstellung zur Stadtforschung, Anm. d. R.) beauf

tragt, die fünf Städte Istanbul, Beirut, Amman, Kairo und Dubai zu fotografieren. Die Städte waren also vorgegeben. Das Thema auch: „urbane Zufluchten“. Ich habe das so interpretiert, dass Teile der Städte autonomer werden. Sie schirmen sich vom Rest der Stadt ab oder werden abgeschirmt. Egal ob reich oder arm, alle wollen Teil eines kleineren Elements sein. Sie suchen Zuflucht am Rande der Stadt, denn es ist schwierig, sich als Teil einer Struktur zu fühlen, wenn daran zwei Millionen Menschen teilhaben.

Die Unterschiede, etwa zwischen Istanbul und Kairo, sind kaum zu erkennen.

Da ich jeweils nur etwa zehn Tage in den Städten war und kein tieferes Vorwissen hatte, entschied ich mich, die Städte nicht als individuelle Orte darzustellen, sondern als seien sie eine große Stadt. Damit wollte ich klarmachen, dass all die neuen Elemente einen neuen Stadttyp in der Region bilden.

Haben Sie vor der Reise ­recherchiert oder haben Sie sich spontan auf die Länder eingelassen?

Es war ein Experiment. In den fünf Städten bin ich zuvor nicht gewesen. Ich wusste nie, was mich in der nächsten Stadt erwartet. Das war auch der Grund, warum ich die fünf Städte als eine Stadt darstellen wollte. Anders wäre das Projekt nicht zu machen gewesen.

Waren Sie überrascht von dem Ergebnis?

Überrascht kann man nicht sagen. Denn ich habe ja keine Dokumentation gemacht. Als Fotograf bestimmst du selbst deinen Blickwinkel und kannst beeinflussen, was gezeigt wird und wie es gezeigt wird. Wenn man die Idee hat, die fünf Städte als eine zu zeigen, dann muss man aber hart daran arbeiten, an diesen Punkt zu gelangen. Es ist nicht so einfach.

Wie lange hat die Arbeit gedauert?

Das ging ziemlich schnell. Es hat keine vier Monate gedauert, bis die Fotografien fertig waren, nach fünf weiteren Monaten kam das Buch heraus. Unterstützt haben mich die Städteplaner und Architekten aus der Region. Sie zeigten mir, wo sich die Städte ausbreiten und wo sie sich neu formieren. Dann suchte ich mir einen der drei, vier Orte aus und arbeitete dort den Rest der Zeit.

Welche allgemeinen Ent­wicklungen der Städte wollten Sie darstellen?

Die Städte breiten sich extrem schnell aus, ohne Rücksicht auf lokale Traditionen zu nehmen. Es scheint eher so, dass es universelle Ideen gibt, nach denen sie sich entwickeln. Und das kann man sehr gut an den Rändern der fünf Städte sehen. Dort sind die Ambitionen der Menschen vergleichbar. Es gibt Gebiete, wo die ärmeren Leute zusammengeballt leben. Gleichzeitig gibt es die Städteblocks mit Appartements, die kaum abgeriegelt sind. Sie schauen sehr modern aus und haben alle diesen historischen Einschlag. Wie dieses Foto in Dubai (oben links). Leicht kann man das mit der jordanischen Hauptstadt Amman oder den anderen Städten verwechseln, weil das Objekt nur eine lose Verbindung zur Stadt hat. Gleichzeitig deutet es eine historische Ausprägung an, die vorher noch nicht existiert hat. Sie wollen einzigartige Objekte sein und sich abheben – was natürlich unmöglich ist.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Das waren die riesigen Siedlungen aus Backsteingebäuden in Kairo. Diese roten, abstrakten Türme wirkten auf mich altertümlich, wie ein Teil der Geschichte – obwohl sie gerade erst gebaut worden waren. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Leute habe ich da aber kaum gesehen, obwohl sehr viele dort wohnen müssen.

Sie sagten, die fünf Städte waren vorgegeben – hat Sie das in Ihrer Arbeit eingeschränkt?

Vorgaben sind manchmal besser als zu viel Freiheit. Ansonsten wäre ich auch nie nach Dubai gegangen, weil es schon so oft dargestellt wurde und es schwierig ist, einen neuen Blick hinzuzufügen. Aber Dubai war eine der Städte, die mich am meisten überrascht haben: Welch unterschiedliche Stadtteile es dort gibt und wie sie miteinander verbunden sind. Es ist jedenfalls nicht so, dass alles nur eine große Luxus-­Gegend ist.

Wie gehen Sie bei den Auf­nahmen vor?

Ich fotografiere von einer mittleren Distanz aus. Denn so sieht man die Beziehungen sehr viel besser. So ist nicht das Objekt am wichtigsten und auch nicht das Umfeld, sondern die Verbindung zwischen beiden. Normalerweise werden nur zwei Extreme gezeigt – schwarz und weiß. Wenn man aus der Distanz draufblickt, sieht man nur die Struktur; wenn man zu nahe dran ist, sieht man nur ein Objekt. Ich bin aber eher interessiert an der Mehrdeutigkeit.

Wie stark ist der westliche Einfluss auf die Architektur der fünf Städte?

Wer sagt, dass es ein westlicher Einfluss ist? Ich würde das so nicht nennen, weil es die Bedeutung der westlichen Welt überhöhen würde. Ich nenne es eher eine logische Bewegung hin zu einem globaleren Verständnis der Welt. Andersherum hat auch der Nahe Osten einen Einfluss auf unsere Gegend. Doch der ist schwieriger zu erkennen, weil er nicht in der extremen Form auftaucht. Im Nahen Osten wächst alles viel schneller und die Bedingungen sind schärfer. In den westeuropäischen Städten gibt es dagegen viel mehr Kräfte, die an den Städten ziehen. In Europa stecken politische Strategien und Planungen hinter der Stadtentwicklung; Denkmäler werden gepflegt und geschützt; die Städte entwickeln sich moderater.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Projekt?

Das war lustig: Als ich die Arbeit in New York präsentiert habe, gab es eine komplett andere Reaktion als in Istanbul. Wenn man eine gewisse Distanz hat, sieht man viel eher die Ver­bindung zwischen den fünf Städten. Die New Yorker sahen – eine Stadt. Anders die Menschen in Istanbul: Zwar sahen für sie die vier anderen Städte gleich aus. Aber ganz anders die eigene Stadt! Nein, Istanbul schaue aus wie Istanbul.

Bas Princen, 1975 geboren, ist Fotograf und Designer. Studiert hat der Niederländer an der Design Akademie in Eindhoven und am Berlage Institut in Rotterdam. In seinen Arbeiten widmet er sich häufig den Stadträndern. Auf der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig wurde er als vielversprechendster Nachwuchskünstler ausgezeichnet.

Five Cities war in Rotterdam, Den Haag, Istanbul, New York und Amman zu sehen. Derzeit läuft noch eine Ausstellung im Institut Néerlandais in Paris

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13:00 04.12.2010
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Ausgabe 14/2021

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