Schildersturm in Deutschland.

Straßenumbenennungen Straßenumbenennungen und umstrittene Versuche dazu häufen sich. Was ist los in Deutschland? Wer ist da am Werk und warum?
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Es erscheint unglaublich, was für ein Gewese um Straßennamen gemacht wird. Zusatzschilder sind oft doppelt so lang wie das eigentliche Schild, Umwidmungen (Name bleibt, es soll künftig aber einer anderer gemeint), Doppelwidmungen (Name bleibt, aber zusätzlich soll noch ein anderer gemeint sein), Umbenennungen (Name bleibt nicht), Gedenktafeln, bilderstürmerischer Vandalismus und Schilderraub, Überklebungen sowie kreative Projekte lassen die Straßenschilder nicht mehr einfach so stehen. Kommissionen, Gremien, Stadträte, Bürgerinitiativen, Anwohnerinitiativen und Künstler zerbrechen sich den Kopf über die richtige Wegweisung, Satiriker machen sich darüber lustig, Internetuser schalten sich ein.

Da ist der kritische, mündige und informierte Bürger aktiv geworden, der sich nicht mehr mit von Geschichte und Stadtverwaltungen gelieferten Straßennamen zufrieden geben will. Das Internet macht es so leicht wie nie, Namensgeber von Straßen zu identifizieren und sich zu empören, über Mörder, Verbrecher, Homosexuellenhasser, Wegbereiter des Faschismus, allzu moskowitische Sozialisten und Kolonialisten, die da vermeintlich geehrt werden. Da sind die Historiker, die mit ihrem Fach auch einmal etwas erreichen wollen, und wenn es die Umbenennung oder den Erhalt eines Straßenschildes geht. Hinzu kommen Kommunalpolitiker, die sich in Zeiten knapper Stadtsäckel politisch profilieren wollen, angefeuert werden Sie dabei von Medien und auch Bundespolitikern. Straßenumbenennungen gelten als günstig, wie immer wieder hervorgehoben wird. Alle wollen sie ihre Wirkungsmacht erproben, Spielwiese oder – verhärtet - das Schlachtfeld der Kulturkämpfer und Politiker ist der Str
aßenschilderwald. Selbst Strafanzeigen, Klagen oder wechselseitige Morddrohungen kann es geben.

Stadtverwaltungen gehen dazu über, bevorzugt die bislang in der Geschichte so wenig berücksichtigten Frauen als Namensgeberinnen zu berücksichtigen, oder sich wie stalinistische Säuberer in Personengruppen festzulegen, die sich nicht mehr in Straßenschilder niederschlagen sollen. Zeitgenössische Tendenzen können sich auch mit Opfern statt Helden auf Straßenschildern besser identifizieren. Der Krieg hat als horrifizierender, anstößiger, und möglicherweise missleitender Inhalt von Straßenschildern sowieso ausgedient, sodass neben Personen auch Schauplätze von Schlachten, also Orte, von Straßenschildern verschwinden. Bei genauerem Hinsehen sind eine in die Vergangenheit gewendete Demokratieverteidigung in alle Richtungen, und verschiedene linke Ideologien und Bestrebungen (Antifaschismus, Antinationalismus, Antikolonialismus, Antimilitarismus usw.) als hauptsächliche Triebfedern der Umbenennungen erkennbar.

Alles was übertrieben wird, muss Kritiker auf den Plan rufen: Die manchmal aufschimmernde Vorstellung, man könne und müsse die Gesellschaft mit Straßennamen in erheblichem Maße sozialpädagogisch beeinflussen, durchgängig plakativ auf das politische System der Gegenwart einschwören und dabei problematische Dokumente der Geschichte, insbesondere vordemokratischer Systeme, vollständig verschwinden lassen, wird in feuilletonistischen Beiträgen schonmal als totalitär kritisiert.

19:20 06.02.2018
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