Gründe für das neue Erstarken der Rechten

Hass Hanau. Halle. Die Rechten erstarken und lassen ihrem Hass nicht nur im Internet freien Lauf. Doch die Ursachen liegen tiefer als nur die AfD.
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Mittels Sozialkahlschlag, Lohndumping, Entrechtung und innerer Abwertung hat die Bundesrepublik ihre Exportüberschüsse angekurbelt und die europäische Konkurrenz durch diese Beggar-thy-Neighbor-Politik ("Ruiniere deinen Nachbarn") marginalisiert. Und es sind das Verzichtsdenken und die soziale Verelendung der Agenda 2010, welche die Suche nach Sündenböcken befördern. Nichts empört den autoritären Charakter, der unter dem zunehmenden Druck des Arbeitsregimes insgeheim leidet, mehr als die Feindbilder des faulen Südeuropäers oder des smartphonetragenden Flüchtlings, die den Aufstieg der Neuen Rechten in der Bundesrepublik begleiteten – alle sollen so unglücklich sein wie man selber ist.Das neoliberale Feindbild des schmarotzenden, faulen Arbeitslosen verschmolz hierbei mit dem rechten Wahnbild des ausländischen, islamischen Schmarotzers, dessen ökonomische Unterlegenheit quasi genetisch kodiert sei. Die Abgehängten, mit ihnen ist für das „Establishment“, zu denen längst auch Sozialdemokraten sowie die Gewerkschaftsführungen zählen, kein Staat zu machen. Für die Gewerkschaften waren sie uninteressant, weil sie keine zahlenden Mitglieder sind, für den Staat sind sie nur lästige Parasiten, die Geld kosteten, und für die „linken“ Parteien sind sie nur ungebildeter Pöbel, der ihre abgehobenen Diskussionen über Identitätsfragen nicht versteht. Über einen leeren Magen und eine bezahlbare Wohnung reden die Salonlinken ja kaum noch. Gendertoiletten sind da wichtiger. Brauchbar ist das Prekariat für keinen von ihnen, lästig schon. Sie werden nicht mehr gebraucht, die Abgehängten, das Kapital kann sie nicht verwerten.Aufbauen kann die AfD dabei auf den Hetzkampagnen der Massenmedien, die etwa während der Eurokrise daran arbeiteten, die Krisenursachen zu personalisieren (Faule Griechen/Italiener). Es findet faktisch eine Verselbstständigung dieser medial geschürten Ressentiments statt, die in den unkontrollierbaren Wahnräumen des Internets und der (a)sozialen Netzwerke eine Eigendynamik entwickelten. Der Menschenhass von rechts ist nicht zu leugnen. Dennoch, auch wenn genügend rechtsextreme Straftaten mit menschenverachtenden Handlungen gezählt werden können, die Taten kommen nicht vom Rand. Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft, nicht umgekehrt. Die Diskurse der Mitte ermöglichen sie, nämlich die Debatten über die Nützlichkeit des Menschen in einer ökonomischen Verwertungsideologie. Stichwortgeber des aktuellen Hasses auf Frauen, Linke, People of Color, Juden und Muslime, Homosexuelle, Obdachlose sind tatsächlich immer Anzugträger mit Reichweite und ihre etablierten Medien – die Sarrazins, Broders und Tichys. Auf medialer Seite treibt mal der Klassenclown „BILD“ den chauvinistischen Hass von Oben nach Unten auf die Spitze, mal transportiert das öffentlich-rechtliche ZDF das Narrativ von „Fremdenfeindlichkeit“ bei rassistischen Übergriffen. Der Begriff und seine Perspektive verraten den Rassismus der Mitte, der die Angegriffen kurzerhand zu Fremden erklärt – ganz im Sinne der Angreifer. Was sagt es aus, wenn eine trauernde Mutter aus Hanau betont, dass ihr getöteter Sohn nicht arbeitslos gewesen sei? Sie kämpft verzweifelt darum, dass man den Wert ihres Sohnes und ihren großen Verlustschmerz anerkennen möge. Das bedeutet gleichzeitig, dass sie nicht davon ausgeht, dass es so ist. Und ich fürchte, sie hat recht. Zwar steuert die neoliberale Gesellschaft insgesamt in die Fehlentwicklung, einen Menschen nur aufgrund seiner Leistungen und nicht seiner genuinen Existenz – entsprechend der Menschenrechte – zu schätzen, aber in diesem Kontext wiegt der Subtext besonders schwer: Bitte erkennt die Wertigkeit unserer Leben an! Das zeugt von einem tief sitzenden Rechtfertigungsdrang, den kein Mensch verdient. Und es zeugt davon, dass die Ideologie der Unterscheidung zwischen „lebenswert“ und „unwert“ längst nicht ausgerottet wurde.

15:53 12.03.2020
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Geschrieben von

Der_Geist_von_Willy_Brandt

Gescheiterter, der zum Mindestlohn arbeitet. Gegen Neoliberalismus. Im Geist mit Willy Brandt und Albrecht Müller von den "Nachdenkseiten" vereint.
Der_Geist_von_Willy_Brandt

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