Ausgeladen - das fassungslose Tugend-Gebrüll

Autonomes Denkverbot Ein bislang unbekanntes Literaturfestival macht von sich reden: Durch die Kultur des Ausladens. Leider trifft es die Falsche.
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Wer eine Lisa Eckhart auslädt, disqualifiziert sich selbst. Die Macher des Harbourfront Literaturfestivals in Hamburg haben es trotzdem getan: Weil „die autonome Szene“ droht, die Veranstaltung zu sprengen und weil irgendwelche Mitbewerber*innen nicht neben ihr auf der Bühne sitzen mögen.
So what? Spricht das nicht alles für die Eckhart? Ist ein Literaturwettbewerb eine Straßenumfrage? Nachdem die Geschichte heute durch die sozialen Medien gerauscht ist, habe ich ihren Debütroman Omama tout suite im Buchladen vor Ort vorbestellt. Er erscheint am 17. August! Danke, liebe Autonomengemeinde, ohne euch hätte ich vielleicht nichts davon mitbekommen. Lisa Eckhart ist nicht auf regionale Festivals angewiesen, eher wundert es mich, dass sie sich überhaupt beworben hat. Die 10.000 Euro – so hoch wäre das Preisgeld gewesen – hat sie mit zwei, drei Shows wieder drin – zu recht. Dagegen offenbart sich der geistige Horizont ihrer autonomen Gegner*innen allein in der schwachsinnigen Unterstellung, Eckert äußere sich antisemitisch.
Eckertbedient Klischees: gegen Juden, Yogalehrerinnen, Jutetaschenträger*innen, Politiker*innen, gesellschaftliche Randgruppen, Ethnien, Deutsche. Um sie zu entlarven, hallo? Nur ganz Dumpfe mit einem gerüttelt Maß an Undifferenziertheit können ihr dermaßen auf den Leim gehen, darin Rassismus zu vermuten. Eckhart provoziert, indem sie genau den Antisemitismus triggert, der in den Köpfen vieler Zuschauer*innen vorhanden ist. Sie spielt und kokettiert damit und führt ihn ad absurdum! Vielleicht sollte Eckhart zu ihrer eigenen Sicherheit nach jedem Satz ein Achtung-Ironie-Alarm-Zwinker-Emoticon hochhalten. Doch Eckhart vertraut auf eine gewisse Grundintelligenz ihres Publikums. Dass sie es gelegentlich überfordert, nimmt sie in Kauf. Missverständnisse sind bei ihr immer inklusive.
Und manchmal gibts eben Auftrittsverbot.
Es ist diese Rausschmeiß-Mentalität, die mir auf die Nerven geht. Nerven, die Eckhart hoffentlich hat. Sie wird sie noch brauchen. Sie erinnert an Falco. Nicht nur wegen ihrer messerscharfen Poesie. Nicht nur wegen ihrer androgynen Schönheit. Es ist der Flirt mit dem Tod, der Tanz am Abgrund, der sie verbindet. Falco wurde für seine Arroganz beschimpft und in die falschen Schubladen gestopft. Er passte in keine rein, das nahmen die Leute, vor allem die Moderator*innen, ihm übel. Heute lädt man lieber gleich aus. Jeder schön in seiner Filterblase … da spart man sich direkt das Denken.

10:25 07.08.2020
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Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Am 13. März 2019 ist ihr neues erzählendes Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" im Ch. Links Verlag, Berlin, erschienen.
C. Juliane Vieregge

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