FAZ vs. Precht

Zu reich und zu schön. Wer mit Denken Geld verdient, ist Pop.
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Der Wirtschaftsjournalist Sebastian Balzter hat am 30. Dezember in der FAZ einen Artikel über Richard David Precht geschrieben, der so ärgerlich wie durchschaubar ist: "Reich durch Philosophie".

Balzters geballte Jahresend-Entrüstung entfaltet sich schon hinlänglich in der im Titel suggerierten Unverträglichkeit dieser beiden Begriffe: Philosophie und Reichtum schließen sich gegenseitig ebenso aus wie körperliche Schönheit und Philosophie, das wissen wir ALLE, seit wir einst Kants Konterfei in irgendeinem Schulbuch erblickt und vor lauter Langeweile seine lange Nase mit einer Brille versehen haben.

Balzters Ausrichtung ist ausschließlich von Neid und Missgunst diktiert, oder besser: Davon durchtränkt. Das ist das einzig Interessante daran, denn damit haftet ihr, so glaube ich, auch etwas typisch Deutsches an. Erfolg ist uns immer verdächtig, kann gar nicht wohlverdient sein.

Precht werden in der Hauptsache zwei Dinge vorgeworfen: Dass er mit seinen Büchern Geld verdient (!) und dass er wie ein Popstar aussieht. Dabei scheut sich der Wirtschaftsjournalist Balzter nicht, kräftig in die Verleumdungskiste zu greifen: Kurzerhand setzt er Precht mit dem Grimm'schen Doktor Allwissend gleich: "In Wahrheit (ist er) ein betrügerischer Bauer, der sich aus Geldgier als Akademiker ausgibt ..."

Zwar gibt Balzter direkt im nächsten Satz zu, dass Prechts Doktortitel der Philosophie durchaus echt sei und sogar die Bestnote habe, "aber das haben viele!" Echt?

Und schon zückt Balzter den Lieblingsstempel der FAZ: Brecht ist Pop-Philosoph! Pop-Philosoph scheint im FAZ-Universum eine klar definierte Größe zu sein: Logo!, ein Philosoph, der ziemlich gut aussieht. Verdammte Axt aber auch und was für ein Glück, dass Kant ziemlich schlecht aussah, sonst hätten seine Neider ihn womöglich geschmäht statt weitergedacht...

Wie hart es für einen Typen wie Balzter sein muss, über einen Typen wie Precht zu schreiben, erklärt sich aus seinen vor Verachtung triefenden Worten: "Er ist groß und schlank, mit blitzenden blauen Augen und schulterlangem Haar, mit Lederstiefeln, Jeans und aufgeknöpftem Hemdkragen. Ein bisschen rebellisch, aber dabei schön anzusehen: Mit dieser Mischung wurde Jon Bon Jovi in den Neunzigern zum Weltstar. ..."

Au Backe! Ich stelle mir gerade vor, so würde eine Frau über eine Frau schreiben ...

Übrigens: Schon in den Neunzigern stempelte die FAZ im Namen von Heike Schmoll Christian Krachts wunderbaren und sehr gesellschaftsentlarvenden Roman "Faserland" als Popliteratur ab, um geradezu in einen Vernichtungskrieg gegen den angeblichen "Pop-Literaten" Kracht zu ziehen. Schmoll hatte "Faserland" schlichtweg nicht verstanden. So wie Balzter die Welt - und damit die Welt der Literatur - ausschließlich unter dem Aspekt der Verwertbarkeit erfasst und selbst in Prechts langen Haaren eine Marketingstrategie vermutet.

Was auch immer Leute wie Balzter oder Schmoll antreibt: Prechts und Krachts Bücher sind wohl einfach zu einfach für die FAZ-Elite.

02:55 01.01.2018
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Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin von 2 Romanen, Kurzgeschichten und einem Essay über Leidenschaft (Die Perle in der Auster). Germanistik, ev. Theologie u. Kunstgeschichte.
C. Juliane Vieregge

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