He Jiankui macht den Zeus

Genmanipulation am Start Ein chinesischer Wissenschaftler öffnet die Büchse der Pandora und wundert sich über weltweite Kritik.
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Der Vater der Babys ist HIV-positiv. Endlich!, könnte man sagen, sind die Kinder nicht länger den Krankheiten der Eltern ausgeliefert. Endlich ist es gelungen, das Unterworfensein unter Krankheit und Tod zu durchbrechen. Endlich haben wir die Bestimmung durch die Gesetze der Natur aufgekündigt.

Doch Freude scheint bei niemandem außer bei He selbst aufzukommen. Hat er mit seinem Alleingang doch eindeutig ein Tabu gebrochen und bei den internationalen Experten eher Entsetzen als Beifall ausgelöst.

„Das Prozedere [war] unverantwortlich und widersprach internationalen Normen“, so Jennifer Doudna, die Miterfinderin der in den Versuchen genutzten Genschere. Auch Emmanuelle Charpentier und Feng Zhang, die ebenfalls an der Entwicklung von Crispr beteiligt waren, zeigen sich „sehr besorgt“ und überrascht von der Nachricht: „He Jiankui hat eindeutig eine rote Linie überschritten, vor allem weil er bei seiner Forschung die Sorgen der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Editierung menschlicher Keimbahnen ignoriert hat.“

„Unverantwortliche Menschenversuche“, tituliert Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, das Experiment. „Das ist gewissenlos“, kritisiert Gen-Experte Kiran Musunuru von der Universität Pennsylvania. Der US-Forscher Eric Topol, Leiter des Research Translational Instituts in Kalifornien, bemängelt, dass die Versuche zu früh kämen. „Wir haben es hier mit der Bedienungsanleitung von menschlichen Wesen zu tun. Das ist eine große Sache.“

Das Ziel sei, von HIV betroffenen Paaren die Möglichkeit zu geben, ein Kind in die Welt zu setzen, dem dieses Schicksal erspart bleibe, rechtfertigt He sein Tun. „Die Eltern wollen kein Designer-Baby. Sie wollen nur ein Kind, das nicht unter einer Erkrankung leiden muss.“

Doch sogar die Shenzhener Universität, an der He forscht, weist jedes Wissen über seine Experimente zurück. „Wir sind zutiefst schockiert“, heißt es in einer auf der Website der Hochschule veröffentlichten Mitteilung. Demnach wurden die Forschungsarbeiten außerhalb der Universität durchgeführt. He habe „ernsthaft gegen die akademische Ethik und akademische Normen“ verstoßen. Ein Gremium sei damit beauftragt worden, eine eingehende Untersuchung des Falls durchzuführen.

Da es nun einmal geschehen ist, müssen wir uns fragen, ob damit der genetische Supergau begonnen hat? Indem He das Designer-Baby – jetzt noch – dementiert, ist es indirekt auf den Weg gebracht. Wann wird die Optimierung des Menschen als Recht für alle eingefordert? Was technisch möglich ist, muss fairerweise allen Menschen zustehen, das ist eine Sache des sozialen Ethos. Wie will man es in Zukunft sonst legitimieren, physisch oder psychisch benachteiligte Menschen zur Welt zu bringen, wenn es doch vermeidbar wäre?

Und wie lange wird es dauern, bis die Genmanipulation als Big Business in armen Ländern Einzug hält? Wo heute der illegale Organhandel blüht, der vor dreißig Jahren höchstens in unseren schlimmsten Alpträumen vorkam, da könnte in wenigen Jahren der Eizellen- und Embryonenhandel blühen. Massen von nützlichen Ameisenmenschen mit wenig Hirn und viel Muskelmasse, von Frauen ausgetragen, deren sozialer Status zur perfiden Ausbeutung wie gemacht erscheint – bis sie eines Tages von Gebärmaschinen ersetzt werden. (Woran liegt es, dass der Begriff Designerbaby meistens im Plural gedacht wird?)

Überhaupt – wie steht es um uns Frauen? Mit der Genmanipulation könnten alte, uralte Männerträume wahr werden: Hatte Zeus die Pandora nicht so dumm, wie sie schön war, designed?

Designerbaby – ein Schlagwort, das viele Möglichkeiten impliziert. Kommt ganz darauf an, wer der Designer, und noch mehr, wer der Geldgeber ist … He behauptet, er habe sein Experiment selbst finanziert.

08:44 30.11.2018
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Geschrieben von

C. Juliane Vieregge

Autorin, Bloggerin. Am 13. März 2019 ist ihr neues erzählendes Sachbuch "Lass uns über den Tod reden" im Ch. Links Verlag, Berlin, erschienen.
C. Juliane Vieregge

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